Spurensuche
Zwölf Jahre und viele Reisen nach Westafrika kostete es den US-Schriftsteller Alex Haley, seine Wurzeln in Gambia zu finden und die Geschichte des Mandingo Kunta Kinte zu rekonstruieren. Wahrheit und Fiktion vermischen sich in dem Roman. Juffure, ein kleiner Ort am nördlichen Gambia-Ufer, wurde zum Wallfahrtsort vieler Afroamerikaner, die ihre eigenen Wurzeln suchen. Der kleine Ort am Gambia-Fluss ist längst eine Größe im Afrika-Tourismus. Manche Ortskundige bezweifeln zwar, dass Kunta Kinte aus Juffure stammte, dem Gedenktrubel im Dorf tut das keinen Abbruch. Schwarze US-Amerikaner auf der Suche nach ihren eigenen Wurzeln haben den Ort zu einer Wallfahrtsstätte gemacht.
Sobald die Gäste mit dem Boot Juffure erreichen, entdecken die Dorfbewohner auch flugs ihre Traditionen: Frauen stampfen Hirse, die Handwerker greifen zu traditionellen Werkzeugen und der Kinte-Clan stellt sich selbst zur Schau. Souvenirverkäufer, Bootsverleiher, Fremdenführer - sie alle verkaufen die Geschichte. Szenen aus Juffure: Im Hof des Kinte-Klans spielt ein Mann mit Gitarre gegen Bares das Lied von Kunta Kinte. Afroamerikaner, die ihre eigenen Spuren in Westafrika suchen, werden in Juffure heute mit Nostalgie bedient. Seinen Vorfahren kommt kaum keiner auf die Spur. Denn die meisten Sklaven nahmen in Amerika christliche Namen an. Auch der Fremdenführer Bora Taal weiß wenig über seine Ahnen. "Auch meine Vorfahren müssen Opfer der Sklaverei gewesen sein. Aber wir können die Spuren nicht verfolgen, weil unsere Leute ihre afrikanischen Namen nicht mehr tragen." Etwa 600 Dorfbewohner sollen im Laufe der Jahrhunderte versklavt worden sein. Dass viele von ihren eigenen Häuptlingen und Familienoberhäuptern an die Sklavenhändler verschachert wurden, erwähnt weder die Familie Kinte noch das örtliche Sklaverei-Museum.
In Juffure wähnt sich der Kinte-Clan heute als Lordsiegelbewahrer des Kunta-Kinte-Gedenkens. Die Touristen werden zielstrebig zu Binta Kinte geschleust, der Familienältesten und Cousine Haleys. Die alte Frau ist nicht mehr sonderlich redselig - immer die gleichen Fragen: wie er denn war, der Alex Haley, und ob Kunta Kinte wirklich gelebt hat. "Das ist das Originalhaus von Kunta Kinte", sagt sie. Fotos machen die Runde - von Alex Haleys letztem Besuch in Juffure. 1982 war das, zehn Jahre vor seinem Tod.
Wo das Geld geblieben ist, das Haley nach Juffure geschickt hat, ist bis heute ein Mysterium. Die Straße nach Juffure sei immer noch schlecht, klagt Binta Kinte. Fast alle Touristen kommen deshalb mit Ausflugsdampfern. Vor allem die Europäer bittet man nach kurzer Audienz um großzügige Spenden. Und die kaufen sich gerne frei und erleichtern ihr Gewissen - sind sie doch alle irgendwie Nachfahren der Sklavenhändler, die Kunta Kinte in Ketten legten
Kai Althoetmar, Stand vom 01.06.2009






