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Interview: Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien

Kultureller Schmutz und Schund. Davor sollte die Jugend in den 50er Jahren bewahrt werden. Und deshalb beschloss der junge Bundestag, die "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften" einzurichten. Die strengen Herren der neuen Behörde nahmen 1954 ihre Arbeit auf. Und was ihnen nicht gefiel, verschwand schon bald aus den öffentlichen Auslagen der Zeitungskioske und Buchläden. Vor allem Comics, Erotikheftchen und Kriegsbeschreibungen fanden damals ihren Weg auf den "Index", die "Liste der jugendgefährdenden Schriften". Wilfried Schneider arbeitet seit 14 Jahren in der Bonner Behörde - und weiß genau, was an Jugendliche verkauft werden darf und was nicht. Dem Planet-Wissen-Team hat er Einblick in die "Giftschränke" der Bundesprüfstelle gegeben.

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Planet Wissen (PW): Die Bundesprüfstelle ist ein Kind der 50er Jahre. Mussten Jugendliche in dieser Zeit besonders beschützt werden?

Wilfried Schneider (W.S.): Nein, eigentlich war die Jugend von damals nicht gefährdeter als die Jugend von heute. Aber es gab natürlich ein paar Dinge, die den Lehrern und Pädagogen nicht gefielen: Zum Beispiel tauchten in den Buchläden auf einmal Panther-Taschenbücher auf. Das waren ziemlich harte Krimis, in denen der Held der Handlung regelmäßig in den Betten freizügiger Damen landete. Sie können sich vorstellen, dass prüde Erwachsene entsetzt waren. Und das war nicht der einzige Grund zur Sorge.

Auf dem Foto sieht man den Pressereferenten der Bundesprüfstelle, Wilfried Schneider, vor einem Regal mit Videobändern. (Rechte: Clara Walther)

"Wir orientieren uns am Puls der Zeit"

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Der Zweite Weltkrieg war erst seit wenigen Jahren vorbei - aber die kleinen Jungs verschlangen mit Begeisterung "Berichte von der Front". Viele Väter waren von den Schlachtfeldern noch nicht heimgekehrt und in den Heften schien man nachlesen zu können, was die Väter in der Zwischenzeit erlebt hatten: Wehrmachtssoldaten waren demnach allesamt Helden - und Krieg schien richtig Spaß zu machen. Gegen diese Vorstellung musste etwas getan werden. Und die Bundesprüfstelle hatte von Anfang an die Aufgabe, diesem Kriegsbild entgegenzuwirken.

Das Foto zeigt das Covergirl der Zeitschrift Pocket Models. (Rechte: Clara Walther)

"Sittenwidrig" - dieses Heft landete 1957 auf dem "Index"

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PW: War der Kampf gegen kriegsverherrlichende Schriften die einzige Aufgabe der Bundesprüfstelle?

W.S.: Nein. Die Jugend schockte die Erwachsenen auch mit anderen Lesegewohnheiten. Ich denke da vor allem an erotische Heftchen, die die Jungs sich unter der Schulbank hin- und hergeschoben haben. Die "Schmuddelhefte" passten bequem in jede Tasche und konnten leicht an den Eltern vorbei nach Hause transportiert werden. Allerdings war die Heimlichtuerei nicht immer erfolgreich. 1957 spielten besorgte Eltern der Bundesprüfstelle über das Jugendamt eine Ausgabe des englischen Erotikheftes "Pocket Models" zu. Wenig später fand sich das Heft auf der "Liste der jugendgefährdenden Schriften" wieder. Dabei waren die Darstellungen der Frauen nach heutigen Vorstellungen ganz harmlos – aber in den prüden 50er Jahren reichten junge Damen in knappen Bikinis aus, um den erwachsenen Prüfern die Schamesröte ins Gesicht zu treiben.

PW: Was war denn das erste Prüfobjekt, das die Mitarbeiter der Bundesprüfstelle auf den "Index" gesetzt haben?

W.S.: Der Western-Comic "Der kleine Sheriff" wurde 1954 als erstes Prüfobjekt indiziert. Der Grund: Die abgebildeten Grausamkeiten und Gewalttaten könnten die Jugend "verrohen". Und die Prüfstelle hatte immer wieder mit Comics zu tun. So landeten zum Beispiel auch einige "Tarzan"-Ausgaben in den 50er Jahren auf dem "Index". Die frechen Zeichnungen waren den Erwachsenen einfach suspekt. Und außerdem glaubten sie, dass die Bildabfolgen die Jugendlichen nervös und unkonzentriert machen würden. Auch um die Sprachkompetenz der jüngsten Generation machten sie sich Sorgen. Jugendliche, die wie Comic-Figuren sprechen - das war natürlich keine schöne Vorstellung. Heute weiß man, dass diese Befürchtungen völliger Quatsch sind. Damals war man sich da aber noch nicht so sicher.

Auf dem Bild sind die Hüllen von zwei Sexfilmen aus den 1970er Jahren zu sehen. (Rechte: Clara Walther)

Sexfilme an Tankstellen. Die sexuelle Revolution machte es möglich

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PW: Also hat die Bundesprüfstelle ihre Einschätzung zur "Jugendgefährdung" im Laufe der Zeit verändert?

W.S.: Selbstverständlich orientieren sich die Mitarbeiter der Bundesprüfstelle am Puls der Zeit - und an den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die uns vorliegen. Deshalb gibt es kaum Objekte, die ewig auf der Index-Liste bleiben. Nach 25 Jahren wird automatisch überprüft, ob die einstige Bewertung noch vertretbar ist.

1970 hat die Bundesprüfstelle zum Beispiel ein für allemal festgestellt: "Unbekleidete Menschen sind nicht gefährlich." Das war natürlich ein großer Umschwung in der Arbeit der Prüfstelle. In den 50er Jahren hat man das schließlich noch ganz anders gesehen. Dieser Umschwung kam nicht von ungefähr: Die sexuelle Revolution der 68er-Generation hat viele Bedenken hinweggefegt und Tankstellen hatten auf einmal ganz offen kleine Sexfilme in der Auslage liegen. Da hat der Staat dann aber doch eingegriffen - und so sind Schmalfilme, wie die "66 Liebesspiele" schnell wieder unter der Ladentheke verschwunden.

Auf dem Bild ist das Cover einer Platte der Musikband 'Böhse Onkelz' zu sehen. (Rechte: Clara Walther)

Auch Platten sind im Visier der Prüfer

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PW: Ist jede Generation von anderen "jugendgefährdenden" Einflüssen betroffen?

W.S.: Nein, das kann man so nicht sagen. Im Grunde wiederholen sich die Themen, die uns beschäftigen - und das seit den 50er Jahren: Da geht es um Gewalt und Pornographie, Kriegsverherrlichung, Ausländerfeindlichkeit und Rassenhass, aber auch die Verherrlichung des Nationalsozialismus.

Was sich im Laufe der Zeit verändert hat, sind die Medien, die den Jugendlichen begegnen. So sorgte in den 1980er Jahren die revolutionäre Entwicklung der Videotechnik für Aufruhr - da kam allerhand auf den Markt, was Jugendliche besser nicht sehen sollten. Und eine Alterskennzeichnung wie heute gab es nicht. Seit Anfang der 1990er Jahre beschäftigten uns dann brutale Computerspiele. Und das hält bis heute an. Auch die Überprüfung rechter Musiktitel reißt nicht ab. 605 Tonträger dieser Art hat die Bundesprüfstelle in den letzten 20 Jahren auf den "Index" gesetzt.

Interview: Clara Walther, Stand vom 18.04.2007

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