Vergangenheitsbewältigung
Verdrängung in Ost- und Westdeutschland
1945, als die Verbrechen der Deutschen für alle Welt sichtbar wurden und die Deutschen selbst die Augen nicht mehr verschließen konnten, schien eine Rückkehr in den Alltag kaum denkbar. Und doch setzte bald ein Prozess der "Normalisierung", ein Weitermachen, Vorwärtsschauen, die Vergangenheit ruhen lassen, ein. Und nicht allzu lange hat es gedauert, bis die ersten Stimmen danach riefen, "endlich einen Schlussstrich zu ziehen". Eine Forderung, die bis heute periodisch wiederkehrt, so vor einigen Jahren aufgestellt vom Schriftsteller Martin Walser, der die "Auschwitz-Keule" beklagte.
Beschwiegen und verdrängt wurde im öffentlichen wie im privaten Leben. In Ost wie West. In beiden deutschen Staaten wurden Mitläufer und das riesige Heer der ehemaligen NSDAP-Mitglieder rasch in die neuen Gesellschaftsordnungen integriert. Vielfach konnten gar diejenigen, die schon unter Hitler Karriere gemacht hatten und überzeugte Nationalsozialisten gewesen waren, erneut in Amt und Würden kommen. In der jungen Bundesrepublik glaubte man, ohne das Wissen der alten, belasteten Fachleute sei kein neuer Staat zu machen, sei die Wirtschaft nicht wiederaufzubauen und hätte man kein Personal für die neue Bundeswehr, die im Kalten Krieg so dringend gegen die "kommunistische Gefahr" gebraucht wurde.
Die Strafverfolgung von NS-Verbrechen verlief schleppend, oft gleich im Sande. Erst mit den spektakulären Frankfurter Auschwitzprozessen der Sechziger Jahre, in denen Mitglieder des Lagerpersonals vor dem Richter standen, begann zögerlich eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.
Persönliche Verdrängung
Auch in den Familien wurde geschwiegen. Die weitergegebenen und erzählten Erinnerungen an den Nationalsozialismus und den Krieg kreisten um Themen wie Erfahrungen in der Hitlerjugend und im Bund Deutscher Mädel, den Bombenkrieg und die Flucht bei Kriegsende. Erinnerungen an die Judenverfolgung wurden hingegen eher verdrängt ("wir haben das alles nicht gewusst"). Manch ein ehemaliger Volksgenosse verschwieg lieber ganz sein aktives Mittun oder die Tatsache, dass er sich an den enteigneten Besitztümern der Juden bereichert hatte.
Und so genau wollten es auch die Töchter und Söhne der Nachkriegsgeneration nicht wissen. Wenngleich seit den Siebziger Jahren Schulen und andere Bildungseinrichtungen, die Medien und die Forschung die Kenntnisse über den Holocaust vertieft haben und heute mehr Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus vorhanden ist, so scheuen sich doch auch heute noch viele, genau nach dem Verhalten der Eltern und Großeltern zu fragen. Was sich aber durchgesetzt hat, ist eine öffentliche Erinnerungskultur, sind Institutionen, die sich um die deutsch-jüdische Geschichte kümmern, die über 50 Jahre nach Kriegsende Zeitzeugen befragen, Zeugnisse und Quellen suchen und die Geschichte dokumentieren.
Gabriele Trost, Stand vom 01.06.2009








