Reportage - Ein Nachmittag mit einer Wölflingsmeute
Blauhemden und ein Schiff
Ihr Halstuch bindet sich Anna-Maria immer erst dann um, wenn sie schon fast angekommen ist. Eine halbe Stunde dauert die S-Bahnfahrt vom Ostberliner Bezirk Friedrichshain in den alten Berliner Westen, nach Charlottenburg. Zwölf Kilometer, eine Weltreise: "Im Osten schauen einen viele Leute schief an, wenn man die Pfadfinderkluft trägt. Die denken dann gleich an die FDJ." Die FDJ (Freie Deutsche Jugend), das war die staatliche Jugendorganisation der DDR, erkennbar an den blauen Nylonhemden. Blaue Hemden trägt man auch in Anna-Marias Pfadfinderstamm, den Normannen in Charlottenburg. "Das ist aber auch die einzige Gemeinsamkeit", grinst sie und zieht ihr blau-gelbes Halstuch aus der Tasche ihrer Jacke. "Unsere Wölflinge dürfen so sein, wie sie sind."
Zumindest dürfen sie das jetzt gerade, wo der Abend noch nicht offiziell begonnen hat. Lachen, Giggeln, Gekreische schon von weitem. Gemeinsam mit ihrer Freundin Hannah leitet Anna-Maria bei den Normannen die Meute Mowgli, die Gruppe der ganz Kleinen. Vom Hof des Charlottenburger Rot-Kreuz-Klinikums steigt sie in einen leer stehenden Keller hinab; das Krankenhaus hat ihn den Pfadfindern kostenlos überlassen. Schuhe fliegen durch die Luft, ein Junge jagt zwei Mädchen quer durch den Raum. "Die sollen ruhig erstmal ein bisschen toben. Dann kommen sie von dem ganzen Schulstress schneller runter", erklärt Hannah und lässt sich gleich vom kleinen Viktor auf den Boden zerren. Hannah und Anna-Maria sind 16 Jahre alt, die Kinder ihrer Meute zwischen sieben und elf. Zwei Gruppenleiter für 20 wuselige Kinder - ganz schön viel Verantwortung.
Die Meute spurt
"Ach, da wächst man mit den Jahren bei den Pfadfindern ganz gut rein", winkt Hannah routiniert ab. "Und dann haben uns die Älteren bei einem speziellen Lager auch gut auf die Gruppenleitung vorbereitet." "Ruhe, Meute Mowgli", tönt da auch schon Anna-Marias Stimme aus einer Ecke weiter hinten. Der Lärm verebbt, die Kinder stellen sich im Kreis auf. Autoritätsprobleme sehen anders aus. "Heute wollen wir unsere Pfingstfahrt vorbereiten", erklärt Anna-Maria und hebt dabei die rechte Hand. Das heißt: Alle anderen müssen ab jetzt schweigen, wer etwas will, meldet sich per Hand wie in der Schule. Nur dass es hier keinem etwas auszumachen scheint. Genauso wenig wie die Uniform: Nur zwei Kinder haben sie heute vergessen, der Rest trägt stolz blaues Hemd, gelbes Tuch und den Tuchknoten mit dem Erkennungszeichen des Stamms, dem Normannenschiff. "Sieht doch toll aus, das Schiff, oder?", fragt die neunjährige Lilli. So, als handele es sich um den neusten rosa Glitzernagellack.
Wie eine richtige Familie
Die Pfingstfahrt geht in diesem Jahr zum Johannesstift, einer Wohneinrichtung für Behinderte vor den Toren Berlins. Gezeltet wird auf der Wiese daneben. "Könnt Ihr Euch denn überhaupt vorstellen, was es heißt, behindert zu sein?", fragt Hannah in die Runde. Klar, erstmal kommen die üblichen Witze, "du bist doch selbst behindert, Laurentz", neckt ein Junge seinen Nebenmann. Dann Schweigen. Hannah zupackend: "Dann probieren wir das jetzt einfach mal aus." Die Kinder sollen sich zu Dreiergruppen zusammentun, jeder bekommt ein bestimmtes Handicap zugeteilt: Emily kann weder sehen noch laufen, Lilly kann weder laufen noch hören, dafür aber sehen, und Coco kann nicht hören, nicht sehen, sich aber immerhin bewegen. Gemeinsam müssen sie nun einen Gegenstand finden, den Anna-Maria vorher versteckt hat. Ein chaotisches Suchen, Flüstern, Klopfen und Krabbeln beginnt. Alle drei begreifen schnell, dass sie nur zusammen ans Ziel kommen.
Während Coco erst noch merken muss, dass das versteckte alte Sieb ja auch auf dem Fensterbrett liegen könnte statt auf dem Boden, kommt Lysander ins Erzählen. "Also das Beste an den Pfadfindern sind die Fahrten", schwärmt er. "Letztes Mal, da haben wir es geschafft, eine Woche ganz ohne Strom auszukommen. Nicht mal eine Uhr durften wir mitnehmen!" "Und ich hatte fast gar kein Heimweh - nur ein ganz kleines bisschen", flüstert die schüchterne Emma, nicht ohne Stolz. Lena fasst es schließlich für alle zusammen. "Die Pfadfinder, das ist wie eine richtige Familie", sagt sie mit Nachdruck. Fast ein bisschen so, als wäre es daheim manchmal um einiges komplizierter.
Die Kinder regeln viel untereinander
Beim nächsten Spiel sind alle blind. Jeder bindet sich sein Halstuch um die Augen, dann sollen die Kinder reihum in einer dunklen Kammer eine Kerze suchen und anzünden - ohne zu schummeln natürlich. Übervorsichtige Eltern würden da bestimmt die Augenbrauen hochziehen, aber Anna-Maria wiegelt ab: "Man muss den Kindern auch mal vertrauen und sie nicht immer so behüten." Komisch sei es aber schon: Draußen in der Natur, da würde sich bei einer Schramme oder einem umgeknickten Fuß kaum ein Kind beschweren - mit dem Jammern ginge es erst los, wenn die Eltern dazukämen.
Offensichtlich regeln die Kinder hier viel untereinander: Knoten sich, wie gerade Emily und Fabian, gegenseitig das Tuch zu, trösten einander, wenn wie bei Coco das Streichholz immer wieder ausgeht. Selbst Guillermo, der noch vor einer Stunde beim Toben still in der Ecke saß, bekommt jetzt Hilfe beim Kerzesuchen. "Er ist erst vor kurzem aus Spanien hierher gezogen", erzählt Anna-Maria, während ihn die Kinder mit "heiß"-, "warm"- und "kalt"-Rufen in die richtige Richtung dirigieren. "In der Schule hat er wohl noch ziemliche Probleme, aber neulich am Telefon hat mir sein Vater erzählt, wie glücklich er immer von den Pfadfindern zurückkommt."
Selbstlosigkeit für den Lebenslauf
Zeit für die Schlussrunde. Allmählich nehmen alle Kinder wieder im Kreis Platz, und ein bisschen ist es jetzt so wie beim Kindergeburtstag: Eine Packung Kekse wird herumgegeben, Lysander hat außerdem für alle Brausepulver mitgebracht. "Blind sein ist ganz schön schwer", stöhnt Nesthäkchen Ava und kuschelt sich an Hannah. Und die kündigt gleich schon mal an, dass die Kinder beim Pfingstlager die Behinderten aus dem Johannesstift auch einmal zu sich einladen und mit ihnen gemeinsam etwas basteln werden. "Hoffentlich helfen sich dann auch alle so gut wie heute."
"Das ist ja das Schöne an den Pfadfindern", meint Anna-Maria wenig später, als alle gegangen sind und sie noch einmal mit den Augen den Keller absucht, ob auch kein Kind etwas vergessen hat. "Man ist nicht so egoistisch hier - man steht anderen auch dann zur Seite, wenn man nicht sofort etwas zurückbekommt." "Wobei es später im Lebenslauf", wirft Hannah ein, "schon ganz gut aussieht, wenn man sich mal bei den Pfadfindern engagiert hat." Ob beide denn später auch mal mit Kindern oder Jugendlichen arbeiten wollen - als Lehrer vielleicht? "Nein, ziemlich sicher nicht", lachen sie und machen sich auf den Weg zur S-Bahn. "Was mit Kunst könnte ich mir eher vorstellen", meint Anna-Maria. "Oder Polizistin." Das Pfadfinderhalstuch ist da schon wieder unter der Jacke verschwunden.
Kerstin Hilt, Stand vom 15.05.2008











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