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Ideologie, Weltbild, Politik - wo stehen die Verbindungen?

Seit der Gründung der Urburschenschaft 1815 machten sich die Studentenverbindungen immer wieder verdächtig: Sie seien gesellschaftlich rückständig, hielten an überkommenen Traditionen fest und überschritten oftmals die Grenze vom Konservatismus zum Rechtsextremismus, so die Kritiker. Vorwürfe, die zumindest auf Teile der Korporationen zutreffen. Auch im 21. Jahrhundert hat sich am "ewiggestrigen" Weltbild mancher Burschenschafter nichts geändert.

Burschenschafter marschiert mit Fahne. (Rechte: ddp)

Manche Burschenschaften neigen zum Rechtsextremismus

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Turnvater Jahn als geistiger Brandstifter

Schon in der Gründungsphase gab es in den Studentenverbindungen neben liberal-aufklärerischem Denken auch deutschtümelnd-völkische und antisemitische Einstellungen. Als geistiger Ziehvater der Burschenschaften galt der "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn, der rassistische Positionen vertrat und in seinen Turnvereinen keine Juden zuließ. Im Oktober 1817 lud die Jenaer Urburschenschaft die deutsche Studentenschaft auf die Wartburg nahe Eisenach ein - angeblich Jahns Idee. Neben Diskussionen, Gottesdiensten und Feiern fand dort eine Bücherverbrennung statt. Schriften von Gegnern der Burschenschaften wurden genauso ins Feuer geworfen wie der "Code Napoléon", der die Ziele der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit) gesetzlich regelte. Auch die Werke des jüdischen Autors Saul Ascher, der vor den Gefahren eines übersteigerten Nationalismus warnte, wurden verbrannt, dabei erklangen antisemitische Parolen.

Zwar distanzierten sich viele Verbindungen später von Jahn, doch Volkstum und Nation blieben wichtige Begriffe. So lautet der Wahlspruch der Deutschen Burschenschaft, einem der größten Dachverbände, bis heute "Ehre, Freiheit, Vaterland". In ihrer Verfassung verpflichten sich die Burschenschafter zur freien Entfaltung des deutschen Volkstums "unabhängig von staatlichen Grenzen".

Nationalsozialisten stehen im Frühjahr 1933 vor einem Berg brennender Bücher. (Rechte: dpa)

Verbindungsstudenten waren an den Verbrennungen beteiligt

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Im Gleichschritt mit Kaiser und Führer

Im Kaiserreich waren Großmachtstreben, übersteigerter Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit weit verbreitet - auch unter Verbindungsstudenten. Diese standen beispielhaft für das damalige Idealbild des jungen Mannes: vornehm, vaterlandsliebend, militaristisch, hart gegen sich und andere. Man verstand sich als Elite, die sich nicht an allgemeine Regeln zu halten hatte. So wurden in den meisten Verbindungen Mensuren gefochten, obwohl das Strafgesetzbuch Zweikämpfe mit tödlichen Waffen untersagte. Ab 1880 schlossen immer mehr Verbindungen Juden als Mitglieder aus. Auch die aufkommenden sozialistischen und sozialdemokratischen Bewegungen wurden abgelehnt. Für Frauen, die sich ab 1900 an den Universitäten einschreiben durften, war ebenfalls kein Platz in den Männerbünden - eine Einstellung, die sich bis ins 21. Jahrhundert weitgehend gehalten hat. Schätzungen gehen davon aus, dass im Jahr 2006 nur zwei Prozent aller Verbindungsstudenten weiblich waren.

Im Ersten Weltkrieg meldeten sich viele Korporierte freiwillig zum Kampf "für Kaiser und Reich" und blieben auch in der Weimarer Republik nationalistischen und monarchistischen Idealen verpflichtet. Der "Ruf nach einem starken Mann" wurde in den Augen vieler Verbindungen erhört, als Hitler und die NSDAP an die Macht kamen. 116 Jahre nach dem Wartburgfest kam es im Mai 1933 erneut zu Bücherverbrennungen. In einer Aktion "gegen den jüdischen Zersetzungsgeist", die die von Korporationen dominierte Deutsche Studentenschaft ersonnen hatte, wurden in 22 deutschen Universitätsstädten zehntausende Bücher ins Feuer geworfen. Das Radio schnitt mit, die Massen applaudierten, als Werke von Mann, Marx, Brecht, Freud, Kafka und vielen mehr, begleitet von Schmähreden, den Flammen übergeben wurden.

Altakademiker-Treffen verschiedener schlagender Verbindungen in Kassel 1965. (Rechte: dpa)

Wiederbelebung in der Nachkriegszeit

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Studentenbewegung ruft Krise hervor

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die studentischen Verbindungen aufgrund ihrer Verstrickungen ins Nazi-Regime und der Mitschuld am Untergang der Weimarer Republik verboten. Erst Anfang der 50er Jahre wurden die Korporationen wieder zugelassen. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in der Nazizeit fand nicht statt, stattdessen besann man sich seiner Wurzeln im Kaiserreich und bündelte so die konservativ-nationalistischen und reaktionären Kräfte unter den Studenten. Elitedenken und Standesdünkel blieben bestehen, die meisten Verbindungen ließen keine Ausländer, Frauen und Wehrdienstverweigerer zu.

Mit der Studentenbewegung geriet das Verbindungswesen ab Mitte der 60er Jahre in eine Krise. Es fanden sich kaum noch Neumitglieder ein, manche Verbindungen waren gezwungen, sich zu vertagen, das heißt den aktiven Betrieb einzustellen. Die Korporationen reagierten mit zwei Strategien auf den existenzbedrohenden Nachwuchsmangel: Manche Verbindungen öffneten sich, lockerten ihre Aufnahmekriterien und verzichteten auf die Mensur. Andere legten angesichts des gesellschaftlichen Linksrucks eine "Jetzt-erst-recht"-Haltung an den Tag und beharrten ganz bewusst auf ihren von der Mehrheit als "gestrig" bewerteten Traditionen und Ansichten.

Eingangsbereich des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Berlin. (Rechte: dpa)

Verfassungsschutz hat Burschenschaften im Visier

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Nähe zum Rechtsextremismus

Ab Mitte der 70er Jahre bildete sich im rechtsorientierten Lager eine neue Strömung, die sogenannte Neue Rechte. Dieses lose Netzwerk bestand aus meist jüngeren Intellektuellen, die Positionen in der Grauzone zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus vertraten. Hierbei kam und kommt es immer wieder zu Berührungen mit Studentenverbindungen, hauptsächlich Burschenschaften. Rechtsextreme und verurteile Volksverhetzer wurden als Redner zu Veranstaltungen eingeladen, es gab und gibt personelle Überschneidungen mit rechtsextremen Parteien wie der NPD. 2007 wurden Burschenschaften in verschiedenen Bundesländern vom Verfassungsschutz beobachtet.

Auch innerhalb der Korporationen stießen und stoßen die Ansichten der Deutschen Burschenschaft auf Widerspruch. 1996 kam es aufgrund wachsender rechtsextremistischer Auswüchse zur Spaltung des Verbands. Mehrere Burschenschaften gründeten die gemäßigtere Neue Deutsche Burschenschaft. Diese akzeptiert auch Wehrdienstverweigerer und Ausländer mit deutschem Pass und verpflichtet in ihren Grundwerten die Mitglieder dazu, die "dunklen Seiten" der deutschen Geschichte nicht zu leugnen oder zu verharmlosen. 1998 weigerten sich die Dachverbände anderer Studentenverbindungen, an einer Jubiläumsveranstaltung in der Frankfurter Paulskirche teilzunehmen, da diese von der Deutschen Burschenschaft dominiert würde, in der "nachweisbar rechtsextremistisches und nationalistisches Gedankengut vertreten wird und in denen frauenfeindliche und rassistische Ideen fröhliche Urständ feiern".

Die Kritik prallte ab. Auch im 21. Jahrhundert steht die Deutsche Burschenschaft zu ihrem umstrittenen "volkstumbezogenen Vaterlandsbegriff" und verweist stolz auf ihre politische Unkorrektheit. Die meisten anderen Verbindungen geben sich gemäßigter und erteilen zumindest auf dem Papier Rechtsextremisten eine Absage. Dennoch: Eine politisch und gesellschaftlich konservative bis reaktionäre Haltung ist bei nahezu allen vorhanden.

Ingo Neumayer, Stand vom 01.06.2009

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