Die UNO-Generalsekretäre
Trygve Lie (1946-1953)
Laut Satzung kam ein Landsmann der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs als Generalsekretär nicht in Frage. Gesucht wurde deshalb eine Person, von der man annahm, sie würde bei keiner der Großmächte anecken. Man fand solch einen Generalsekretär in dem ehemaligen Exil-Außenminister von Norwegen, Trygve Lie. In Lies Amtszeit fiel der Beginn des Kalten Krieges. Schnell stellte sich heraus: Der Weltfriede lag weniger in den Händen eines UN-Friedensstifters als in denen der Großmächte.
Lies vorrangige Aufgabe belief sich dann auch eher auf organisatorische, administrative Themen: Es galt, die junge Weltorganisation erst einmal aufzubauen. Gemeinsam mit dem Architekten Wallace Harrison legte Lie im Jahr 1946 den Grundstein für das Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York. Die UNO zeigte sich dennoch zumindest in den Krisenherden der Nachkriegsära präsent. In Lies Amtszeit fiel zum Beispiel die Entsendung der ersten UN-Beobachter überhaupt: die im Jahr 1948 in den Nahen Osten geschickte United Nations Truce Supervision Organisation (UNTSO), die den Waffenstillstand zwischen Israelis und Palästinensern kontrollieren sollte.
Dag Hammarskjöld (1953-1961)
Auch wenn sich der Ost-West-Konflikt in der Amtszeit von Dag Hammarskjöld vertiefte und der Sicherheitsrat durch ständige Vetos der Großmächte nicht handlungsfähig war, vermochte der Schwede doch den Vereinten Nationen mehr Stärke und Stabilität zu verleihen als Trygve Lie. Mit seiner charismatischen Ausstrahlung und seinen visionären Ideen füllte der 1905 geborene Hammarskjöld die durch die Blockierung im Sicherheitsrat entstandene Lücke in der Friedenssicherung einfach selbst: "Man kann vom Generalsekretär der Vereinten Nationen erwarten, dass er ohne irgendwelche Direktiven von der Generalversammlung oder dem Sicherheitsrat handelt, wenn ihm dies erforderlich erscheinen sollte."
Die Unterstützung der Weltöffentlichkeit war dem tatkräftigen Generalsekretär sicher, als er zum Beispiel die Entsendung der ersten UNO-Friedensmission 1956 an den Suez-Kanal selbst in die Hand nahm - zum ersten Mal unter Kommando der Vereinten Nationen und zum ersten Mal ausgestattet mit einheitlichen blauen Helmen. Seine Bemühungen im Rahmen der Entkolonialisierung, die ihn durch zahlreiche Länder Afrikas führten, wurden durch seinen Tod im September 1961 abrupt beendet: Dag Hammarskjöld kam bei einem Flugzeugabsturz während einer Friedensmission im Kongo-Konflikt ums Leben. Die Umstände seines Todes konnten nie endgültig aufgeklärt werden. Bis heute wird spekuliert, ob der brillante Diplomat Opfer einer Geheimdienst-Operation wurde, weil er möglicherweise das Amt des Generalsekretärs für den Geschmack manch eines Mitgliedstaats zu eigenständig geführt hatte.
Sithu U Thant (1961-1971)
Der aus Birma stammende Sithu U Thant trat die Nachfolge Hammarskjölds an - ein schweres Erbe. Heute heißt es, der ehemalige Lehrer sei eher eine "Schachfigur im Spiel der Supermächte" gewesen, als dass er die Fäden der Vereinten Nationen hätte nach seinen Vorstellungen ziehen können: U Thant hatte keine Chance, dem schwindenden Einfluss der Weltorganisation in den Zeiten des Kalten Krieges entgegenzuwirken.
Kurt Waldheim (1972-1981)
Auch Kurt Waldheim war mit den Auseinandersetzungen der Supermächte in Zeiten des Eisernen Vorhangs konfrontiert: Der 1918 in der Nähe von Wien geborene Diplomat und spätere österreichische Bundespräsident war der vierte Generalsekretär der Vereinten Nationen. Er wäre wohl nicht Generalsekretär geworden, wären nicht erst Mitte der 80er Jahre Akten publik geworden, die Waldheim verdächtigten, als Wehrmachtsoffizier in Kriegsverbrechen auf dem Balkan verwickelt gewesen zu sein. Wie seine Vorgänger war auch Waldheim darum bemüht, der UNO in Sachen Friedenssicherung mehr Weltgeltung zu verschaffen, als es die Großmächte zuließen. Er konnte zwar als Schlichter sowohl im Nahen Osten als auch im Konflikt um Zypern Erfolge verzeichnen, doch schreiben ihm Beobachter "eine Stagnation in wesentlichen politischen und wirtschaftlichen Fragen zu", wie die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen feststellt.
Javier Pérez de Cuéllar (1982-1991)
In der Ära Pérez de Cuéllar begann das Eis zwischen Ost und West zu schmelzen. Und als dann Ende der 80er Jahre der Eiserne Vorhang tatsächlich fiel, erlebten die Vereinten Nationen langsam eine Renaissance. Die Vereinten Nationen versuchten sich den veränderten weltpolitischen Rahmenbedingungen anzupassen. Aus der Praxis hatte sich zum Beispiel eine Erweiterung der Aufgaben für die Blauhelme ergeben.
"Peacekeeping"-Missionen wurden um "Peacemaking"-Einsätze ergänzt: Die Soldaten der Vereinten Nationen überwachten fortan nicht nur Waffenstillstände, sondern auch Wahlen und den Wiederaufbau eines Landes. Der peruanische Karrierediplomat Cuéllar hatte in seiner Amtszeit aber insbesondere mit der angespannten Haushaltslage der UNO zu kämpfen, nicht zuletzt, weil manch ein Mitgliedstaat wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber der UNO seinen Pflichtbeitrag nicht zahlen mochte.
Boutros Boutros-Ghali (1991-1996)
Der erste Generalsekretär aus Afrika trat das Amt an, als sich die alte Weltordnung Anfang der 90er Jahre durch den Zusammenbruch der Sowjetunion auflöste. Alle Welt hoffte nun, die Vereinten Nationen würden die Rolle des Friedensstifters übernehmen. Doch den Vereinten Nationen gelang es nicht, Frieden zu erhalten oder herzustellen. Sie waren mit der ihr auferlegten Rolle, mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln schlichtweg überfordert und erlebten in den 90er Jahren ihre dunkelsten Stunden: Blauhelm-Truppen konnten weder in Ex-Jugoslawien noch in Somalia oder Ruanda Bürgerkrieg und Völkermord verhindern. Es wurde einmal mehr deutlich: Die Vereinten Nationen sind keine Weltregierung, sie sind nur so stark, wie es die einzelnen Mitglieder wollen. Die Friedensmissionen mussten reformiert und an die neuen Herausforderungen angepasst werden, ebenso wie der behäbig gewordene Verwaltungsapparat.
Boutros-Ghali legte wichtige Konzepte vor, wie die "Agenda für den Frieden" oder die "Agenda für Entwicklung", und startete Reformen. Der Juraprofessor aus Ägypten verhalf als Generalsekretär diesem obersten Verwaltungsamt der UNO dadurch wieder zu internationaler Anerkennung, die es seit dem Tod von Dag Hammarskjöld nicht mehr gehabt hatte. Da seine Art der Amtsführung der einzigen noch verbleibenden Großmacht USA nicht immer passte, verhinderte diese eine zweite Amtszeit Boutros-Ghalis.
Kofi Annan (1997-2006)
Annan war der erste Generalsekretär, der die Karriereleiter innerhalb der UNO hochgeklettert ist. Der 1938 geborene Ghanaer, der als umsichtiger Diplomat gilt, begann im Jahr 1962 seine Karriere bei der UNO: Kofi Annan kennt sich also mit Struktur, Management und den vielen Verzweigungen innerhalb der Weltorganisation bestens aus. Seit seinem Amtsantritt Anfang 1997 schloss er diverse heikle diplomatische Missionen erfolgreich ab. Die umfassende Reform zur Erneuerung der Vereinten Nationen, die Boutros-Ghali in die Wege geleitet hatte, führte Annan fort. So hat er neben einer Verschlankung des Management-Apparates auch erreicht, dass Friedenseinsätze sowohl innerhalb der UNO als auch bei den Mitgliedstaaten effizienter vorbereitet und durchgeführt werden.
Für seinen Einsatz für den Weltfrieden und die internationale Sicherheit, für die Achtung der Menschenrechte und den Ausgleich der Regionen dieser Welt erhielt Kofi Annan im Jahr 2001 stellvertretend für die gesamte Weltorganisation den Friedensnobelpreis. Es heißt, er sei der angesehenste VN-Generalsekretär seit dem Schweden Hammarskjöld gewesen.
Ban Ki-moon (seit 2007)
Der 1944 geborene Südkoreaner bekleidet das Amt des Generalsekretärs seit dem 1. Januar 2007. Ban hat in Seoul Internationale Beziehungen studiert und an der amerikanischen Elite-Universität Harvard ein Aufbaustudium im Bereich öffentliche Verwaltung absolviert. Seit den 1970er Jahren ist Ban im diplomatischen Dienst. Er wurde unter anderem in Neu Delhi, New York, Washington D.C. und Wien eingesetzt. Von 2004 bis 2006 war er Südkoreas Handels- und Außenminister. 2005 spielte er während der Sechs-Nationen-Gespräche zur Lösung der atomaren Krise in Nordkorea eine bedeutende Rolle. Seit seinem Amtsantritt als Generalsekretär hat er häufig betont, dass die UNO reformiert werden müsse.
Natalie Muntermann, Stand vom 13.12.2010













