Adenauer - persönlich erlebt
Planet Wissen (PW): Frau Siegel, zum ersten Mal haben Sie Ihren neuen Vorgesetzten beim Vorstellungsgespräch gesprochen: Wie war das?
Hannelore Siegel(HS): Ich wollte ja eigentlich gar nicht wechseln. Ich wollte lieber im Auswärtigen Amt bleiben, weil die Sekretärinnen, die beim Kanzler gearbeitet haben, zumeist ältere Damen waren, die den Ruf hatten "die hohen Frauen" zu sein. Also die sprachen mit uns anderen nur, wenn wir Tee von einer dienstlichen Auslandsreise mitbringen sollten. Und Adenauer war ja eine Autorität, allein schon vom Alter. Im Vorstellungsgespräch hat er mich dann irgendwann gefragt: "Wo kommen Sie denn her?" Und dann sagte ich: "Aus Köln." Und da sagte er: "Na, ich bin e Kölsche Jung und sie e Kölsche Mädsche - das müsste eijentlisch klappe... " Und mit diesem Satz hat er mir dann die Scheu genommen.
PW : Wie war Konrad Adenauer denn als Chef?
HS : Es war insgesamt sehr angenehm, für ihn zu arbeiten. Es gab noch einen weiteren Satz von ihm, der mich immer sehr beruhigt hat. Er sagte: "Wissen Sie, wenn alles verrückt spielt, bei uns bleibt es ruhig." Manchmal ging es ja schon sehr turbulent zu. Und beim Diktat - das haben wir ja sehr oft gehabt - da sagte er einmal - er hat meist nur Stichworte diktiert: "Frau Siegel, schreiben Sie, was Sie wollen, aber bevor Sie den Sinn verändern, sagen Sie mir Bescheid." Und ich weiß ja nicht, wie gut seine Augen noch waren. Aber er zeigte dann manchmal auf das Handgeschriebene und meinte: "Da kommt aber kein Punkt hin, sondern ein Semikolon."
PW: Fühlten Sie sich auch als Mensch von ihm wahrgenommen?
HS: Ja unbedingt. Er hat auch nach der Familie gefragt und wusste da Bescheid. Aber auch sonst dachte er mit: Mein erster Staatsempfang zum Beispiel dauerte bis spät in die Nacht und ich hatte einen Heimweg von fünf Viertelstunden. Ich wohnte richtig auf dem Acker und musste jeden Morgen erst das Fahrrad nehmen, dann die Rheinuferfähre und dann in Bonn noch 20 Minuten Fußweg auf mich nehmen. Und nach dem Staatsempfang am nächsten Morgen fragte er, wie ich denn nach Hause gekommen sei, es habe ja auch noch gewittert. Und dann habe ich gesagt: "Nee, ich habe bei einer Freundin übernachtet." Also: Er hat auch an so etwas gedacht.
Oder ein anderes Beispiel: Da war es kurz vor Weihnachten und ich hatte da üblicherweise von Adenauers Töchtern notiert, welches Parfüm sie sich wünschten. Und dann waren wir irgendwo auf Staatsbesuch und dann zückte Adenauer sein Portemonnaie und gab mir für jede Tochter 50 Mark. Das war damals viel Geld! Dann sagte er: "Besorgen Sie mal Parfüm für meine Töchter." Und dann zückte er noch einmal seine Geldbörse und sagte: "Und Sie suchen sich auch eines aus." Später gab ich ihm die Parfümflaschen für seine Töchter und er fragte, was ich denn für mich ausgewählt habe. Und da sagte ich: "Ach wissen Sie, ein Parfüm..." Und er fragte: "Ja was wollen Sie denn mit dem Geld dann machen?" Und ich sagte: "Da gibt es das Weihnachtsoratorium auf mehreren Schallplatten, die möchte ich gerne haben." Und dann gab er mir noch mal 50 Mark und sagte: "Und Sie holen sich trotzdem noch ein Parfüm."
PW: Sie haben viele Staatsbesuche erlebt. Wen zum Beispiel?
HS: Nun, eigentlich alle! Aber mit am meisten in Erinnerung geblieben ist mir der Besuch von John F. Kennedy. Das war lustig, denn Kennedy kam im offenen Auto vorgefahren, und hinter ihm saß der Dolmetscher Heinz Weber. Ich war mit den Dolmetschern damals gut befreundet. Und alle Leute riefen: "Kennedy, Kennedy!" Nur ich rief: "Heinz!" Das hatte Kennedy auch gehört und hat dann wohl gefragt, wer ich denn sei. Das war ein Sonntag und am Montag drauf hatte ich Dienst (wir Sekretärinnen wechselten uns ab) und der Protokollchef kam zu mir und sagte, Kennedy müsse schon längst bei Bundespräsident Lübke sein laut Zeitplan, aber vorher müsse er noch sein Hemd wechseln - das habe sein Arzt so bestimmt. Ich sagte: "Gut, dann gehe ich rein." Ich hatte die Botschaft auf einen Zettel geschrieben, damit ich den alten Herrn nicht ansprechen musste. Der las meinen Zettel durch, gab ihn an seinen Dolmetscher, der gab ihn an Kennedys Dolmetscher weiter und der übersetzte das. Und Kennedy antwortete mir dann auf Englisch, dass er jetzt nicht sein Hemd wechseln wolle, sondern erst um 14 Uhr 15, also deutlich nach dem Termin bei Lübke. Ich nickte und wollte rausgehen und Adenauer fragte mich: "Ja haben Se dat verstanden?" Ich wiederholte also alles auf Deutsch, und es gab ein großes Gelächter.
PW: Sie waren auch mit Konrad Adenauer in seinem Feriendomizil am Comer See. Adenauers Leidenschaft war ja das Bocciaspiel. Haben Sie auch hin und wieder mit ihm eine Partie gespielt?
HS: Ja, aber ich spielte nicht nur Boccia dort, sondern wir arbeiteten oft von morgens bis abends. Ich war zusammengerechnet ein Jahr lang in Cadenabbia: zweimal im Jahr für je vier Wochen. Das war fast noch intensiver als im Palais Schaumburg. Auch die Mahlzeiten haben wir gemeinsam eingenommen, ich musste dem alten Herrn Bücher vorlesen, meist Krimis - was ich hasste. Adenauer schlief dabei gerne ein. Und das Bocciaspiel gehörte auch dazu: Zweimal täglich wurde Boccia gespielt. Zwei Sekretärinnen und eine Tochter waren immer dabei, sodass wir uns aufteilten. Ich spielte immer mit der Tochter und dann sorgten wir dafür, dass der alte Herr auch gewann, denn sonst hatte er fürchterliche Laune.
PW: Ist denn später, nachdem Konrad Adenauer kein Kanzler mehr war, der Kontakt abgebrochen?
HS: Ich bin dann wieder zurück ins Auswärtige Amt gegangen, und darüber hat es mich in die Welt verschlagen. Ich war 1966 in Israel bei der Botschaft, als Konrad Adenauer seine letzte Israelreise machte. Da habe ich ihn begleitet. Und auch als er dann im Sterben lag, wurde ich nach Bonn beordert. Man fand, dass ich als eine seiner letzten Sekretärinnen in der Nähe sein sollte.
Christiane Gorse, Stand vom 17.03.2010





