Interview: Dr. Albrecht Sauer
Planet Wissen (PW): Nach seinen großen Entdeckungen bekommt James Cook eine hoch dotierte Stelle bei der Navy, er ist glücklich verheiratet und Vater von vier Kindern - doch lange hält es ihn nicht an Land. Warum?
Dr. Albrecht Sauer (A.S.): Sicherlich lockten ihn die Ferne, die Fremde, der Ruhm in der Heimat. Cook hatte aber auch ein wissenschaftliches Interesse an den entdeckten Ländern. Und immer ging es ihm darum, sie - irgendwie - für die englische Krone in Besitz zu nehmen.
PW: Das war das Wichtigste für ihn?
A.S.: Das war sicherlich die treibende Kraft, die große Motivation nicht nur für Cook, sondern für die meisten Entdecker. In der Forschung meiden wir heute lieber Begriffe wie "Entdecker" und "Zeitalter der Entdeckungen" und sprechen stattdessen eher vom "Zeitalter der europäischen Expansion".
PW: Sie sprachen vom Reiz der Ferne: Was genau reizte die Männer?
A.S.: Generell übt die Ferne einen großen, geradezu mythischen Reiz auf die Menschen aus. Betrachtet man die häufig sehr offen geschriebenen Reiseberichte von Deutschen in Diensten der 1602 gegründeten niederländischen Vereinigten Ostindischen Kompanie, der VOC, dann entdeckt man mehrere Motive, die weite Fahrt übers Meer anzutreten: Neugier, Abenteuerlust, auch soziale Not oder sogar Flucht vor den Gesetzen. In der Ferne erhofften sich die Männer zudem Reichtum, Leben in gewissem Luxus und hatten auch gewisse sexuelle Erwartungen, Phantasien. All dies reizte ungemein - und deshalb ließen sich die jungen Männer auch nicht davon abschrecken, dass etwa nur ein Drittel der Ausgezogenen in die Heimat zurückkam.
PW: Hatten diese Männer denn überhaupt keine Angst, ins Ungewisse aufzubrechen?
A.S.: Vermutlich hatten sie auch Angst. Aber wir müssen uns klar machen, dass auch die Gefahren an Land viel höher waren als heute. An Hunger und Krankheit zu leiden, von Naturgewalten überwältigt zu werden, das waren nicht nur Probleme auf hoher See. Das Überlebensrisiko war auch an Land sehr hoch.
PW: Wie wichtig waren da die Erfolgsmeldungen der Entdecker für diese Männer und für die übrige Gesellschaft. Haben die motiviert?
A.S.: Wie wichtig die waren, ist schwer zu sagen. Aber die damaligen Zeitgenossen waren sehr interessiert an solchen Nachrichten, an den Reisebeschreibungen der Seefahrer. Ihre Erlebnisse drangen bis in die Provinzen nicht nur der Seefahrernationen wie Portugal, Spanien, England, später auch den Niederlanden vor, sondern auch beispielsweise nach Deutschland. Reiseberichte waren stets sehr begehrt - weil sie schaurig und abenteuerlich waren, vergleichbar mit unseren Krimis. Darüber hinaus haben natürlich Menschen wie Cook die nationale Identität Englands, dieser maritimen Macht, sehr gestärkt.
PW: Was haben die Entdecker von damals mit Entdeckern von heute, mit Reinhold Messner, mit Rüdiger Nehberg etwa, gemein?
A.S.: Nichts.
PW: Gibt es heute also keine Entdecker mehr?
A.S.: Nein. Messner und Nehberg entdecken oder erobern ja im angesprochenen Sinne nichts. Was sie antreibt, ist der Wunsch etwas zu erleben, was es im Alltag nicht zu erleben gibt. Doch bei allem, was sie machen, wissen sie ungefähr, was sie erwartet. Ins Ungewisse, wie damals Cook und Kolumbus, fahren diese Menschen nicht.
Katharina Beckmann, Stand vom 18.04.2006







