Schiller und Goethe
Zögerliche Annäherung
Goethe begegnet Schiller erstmals am 7. September 1788 in Weimar, Schiller, dem jungen Dichter der "Räuber", dem sein Ruhm bereits vorauseilt. Goethe steht noch ganz unter dem Einfluss seiner soeben abgeschlossenen Italienreise und weiß mit dem jungen, leidenschaftlichen Schiller wenig anzufangen. "Schiller war mir verhasst", bekundet Goethe ebenso anmaßend wie ungerecht in einem ersten Urteil über den Dichterkollegen. Dabei spürt Goethe, der stürmisch gefeierte und ehrfurchtsvoll respektierte Großmeister deutscher Literatur, sehr wohl die Kongenialität des jungen Schiller - und es fällt ihm daher schwer ihn zu akzeptieren. Zu sehr erinnert ihn der jugendlich wirkende Autor der leidenschaftlichen "Räuber" an ihn selbst, an die eigene, längst überwundene "Sturm und Drang"-Zeit.
Gegenseitige Inspiration
Es müssen sechs Jahre verstreichen, bis sich die beiden Dichter im Sommer 1794 wieder sehen. Schiller führt mit Goethe ein Gespräch über die Urpflanze und durch einen anschließenden Brief Schillers an Goethe beginnt im Sommer 1794 eine zehnjährige Dichterfreundschaft - zehn Jahre hat Schiller noch zu leben. Ein reger Briefwechsel beginnt zwischen den beiden Poeten, der auch heute noch zu den berühmtesten Zeugnissen deutscher Sprache gehört. Schiller, für den Goethe das größte literarische Genie seiner Epoche ist, macht aus seiner Bewunderung keinen Hehl: "In Ihrer richtigen Intuition liegt alles und weit vollständiger, was die Analysis mühsam sucht, und nur weil es als ein Ganzes in Ihnen liegt, ist Ihnen Ihr eigener Reichtum verborgen."
Goethe fühlt sich immer mehr von Schiller verstanden; er begreift, dass Schiller, sein Alter Ego, der womöglich einzige Dichter ist, der seine eigene Auffassung von Kunst und Literatur begreift. Er antwortet Schiller: "Ich darf nunmehr Anspruch machen, durch Sie selbst mit dem Gang Ihres Geistes, besonders in den letzten Jahren, bekannt zu werden. Haben wir uns wechselseitig die Punkte klar gemacht, wohin wir gegenwärtig gelangt sind, so werden wir desto ununterbrochener gemeinschaftlich arbeiten können."
Gemeinsame Projekte
Durch die Freundschaft zu Goethe inspiriert, kehrt Schiller nach sieben Jahren, in denen er sich mit philosophischen, und historischen Arbeiten befasst hat, zur Dichtung und zur literaturästhetischen Arbeit zurück. Mit Goethe zusammen publiziert er die Literaturzeitschrift "Die Horen". Im Jahr 1797 verfassen die beiden Poeten für den von Schiller herausgegebenen Musenalmanach die "Xenien" ("Gastgeschenke"), ironisch-bissige Verspaare, in denen die Dichter ihre literarischen Gegner aufs Korn nehmen und das dichterische Schaffen ihrer Zeit einer kritischen Begutachtung unterziehen. Bis heute ist die Autorschaft der beiden Dichter an ihren gemeinsamen Versen nicht zweifelsfrei belegbar, wie Goethe seinerzeit schon bemerkte: "Wir haben viele Distichen gemeinsam gemacht, oft hatte ich den Gedanken und Schiller machte die Verse, oft war das Umgekehrte der Fall, und oft machte Schiller den einen Vers und ich den anderen. Wie kann nun da von Mein und Dein die Rede sein!"
Balladenzyklus
Bei Schiller begann sich im Oktober 1796 das Projekt "Wallenstein" abzuzeichnen, ein Werk, das er erst im Jahr 1799 beenden würde. Schiller tat sich anfangs mit der Stofffülle und der ihm spröde erscheinenden historischen Vorlage sehr schwer. Gemeinsam und im Wettstreit mit Goethe überbrückte er Schaffenspausen mit einer Reihe berühmter Balladen, die 1797 vollendet wurden, darunter "Der Ring des Polykrates", "Der Taucher", "Der Handschuh" und "Die Kraniche des Ibykus".
Gregor Delvaux de Fenffe, Stand vom 26.11.2009
Sendung: Friedrich Schiller: Dichter, Querkopf, Kultfigur, 26.11.2009







