Die Berliner Kolonialausstellung von 1896
Weltausstellung mit "Negerdorf"
1896 war der Außenbezirk Treptow für einige Monate der unbestrittene Mittelpunkt Berlins. Dort, am Ufer der Spree, fand die Berliner Gewerbeausstellung statt: eine Art Weltausstellung im Kleinen, bei der sich Industrie, Wissenschaft und Handel der Hauptstadt von ihrer besten Seite zeigen konnten. Auf einem Areal von 900.000 Quadratmetern tummelten sich 3780 Aussteller in eigens errichteten Pavillons; die gerade entdeckten Röntgenstrahlen wurden dort ebenso vorgestellt wie neuartige Industriemaschinen für die Massenproduktion, und auf der Spree paradierten Nachbildungen deutscher Kriegsschiffe. Sieben Millionen Besucher lockte die Schau der Superlative damals an.
Was lag da näher, als eine nationale Neuerwerbung viel größerer Dimension gleich mitzupräsentieren? Und tatsächlich: Mitten auf dem Ausstellungsgelände konnten die Besucher im sogenannten "Negerdorf" Station machen und dort mehr als 100 Eingeborene aus den deutschen Kolonien bestaunen. Zu sehen gab es einiges: In den Morgenstunden waren die Eingeborenen dazu angehalten, sich um ihren Haushalt zu kümmern und einem Handwerk nachzugehen (aus Togo kamen beispielsweise ein Goldschmied, ein Hutmacher und ein Netzknüpfer); nachmittags sollten sie landestypische Tänze und Kriegsspiele zum Besten geben. Jede Eingeborenengruppe wohnte in einem für ihr jeweiliges Land typischen Gebäude, das mit eigens importierten Materialien angefertigt worden war. Neuguinea etwa war mit Pfahlbauten und einem Baumhaus vertreten, aus Afrika kam sogar ein riesiger Festungsbau.
Ein Eingeborener greift zum Opernglas
Während das "Negerdorf" bei den Ausstellungsbesuchern schnell zum Geheimtipp avancierte, waren die dort Ausgestellten naturgemäß weniger begeistert. Viele der angeworbenen Afrikaner gehörten in ihrer Heimat zu einer gut ausgebildeten Elite und sprachen zum Teil hervorragend deutsch. Nun mussten sie sich in folkloristische Kleidung zwängen und Gebräuchen nachgehen, die sie daheim oft gar nicht praktizierten. So verweigerte sich etwa Friedrich Maharero, Sohn des Herero-Häuptlings Samuel Maharero, der volkstümlichen Kostümierung und trat grundsätzlich im Anzug auf. Der Kameruner Häuptlingssohn Bismarck Bell wiederum parierte den voyeuristischen Blick mancher Ausstellungsbesucher, indem er deren Verhalten einfach kopierte: Mit einem Opernglas soll er sie minutiös studiert haben.
Auf der Seite der Besucher überwog dagegen die arglose Neugier auf das Exotische. Kaum mehr als zehn Jahre nach den ersten kolonialen Landnahmen haftete dem Interesse der deutschen Öffentlichkeit an den "Schutzgebieten" noch fast eine gewisse Unschuld an: Außer in Völkerschauen wie der Gewerbeausstellung in Treptow erfuhr man vor allem aus idyllischen Reiseschilderungen oder illustrierten Familienblättern von den Kolonien in Übersee.
Ein Jahrzehnt später sollte sich das bereits geändert haben. In der Folge des Herero-Aufstands, bei dem die deutschen Kolonialtruppen zum ersten Mal hohe Verluste zu verzeichnen hatten, schlug man in Politik und Presse zunehmend rassistische Töne an. Die Eingeborenen waren nicht mehr "Schutzbefohlene", die es bestenfalls zu erziehen, sondern eher "Menschenmaterial", das es zu disziplinieren und möglichst gewinnbringend einzusetzen galt. Symptomatisch dafür war wohl der Erfolg von Gustav Frenssens Roman "Peter Moors Fahrt nach Südwest" von 1906. Er beschreibt die Geschichte eines jungen Mannes, der sich im Feldzug gegen die Herero bewähren muss. Geschildert wird ein Kampf gegen einen unerbittlichen, blutrünstigen Feind - das Fazit des Helden: Die Afrikaner sollten "nicht unsere Brüder, sondern unsere Knechte" sein.
Kolonialwaren (3'00'')
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Usambarakaffee und Kamerunkakao
In Treptow wollte man allerdings weniger vor den Kolonien warnen, als für sie werben - und das hieß vor allem: für ihre Produkte. Denn Kaffee, Schokolade und Bananen, die sogenannten "Kolonialwaren", galten damals noch als Luxusgüter, die einer breiten Masse zuerst schmackhaft gemacht werden mussten. Vor allem der Berliner Kaufmann Bruno Antelmann erwarb sich dabei Verdienste: In einer "Negerhütte" mitten auf der Kolonialausstellung gab es bei ihm Kamerunkakao, Usambarakaffee und Neu-Guineazigarren zu verkosten. Nach Ablauf der Ausstellung bot er sogar einigen Eingeborenen einen Ausbildungsplatz in seinem "Deutschen Kolonialhaus" in Berlin-Mitte an, einem Kolonialwarenladen mit angeschlossenem Kaffeehaus. Dank der schwarzen Angestellten konnte es fortan auch mit dem gebotenen exotischen Flair aufwarten.
Ein Interesse ganz anderer Art zeigte der Anthropologe Felix von Luschan an den Eingeborenen. Während der sechsmonatigen Kolonialausstellung nutzte er die Gelegenheit, sie nach den neuesten Maßstäben damaliger Rassenkunde zu vermessen - und zeigte sich hinsichtlich der Möglichkeiten ihrer "Kultivierung" eher skeptisch. Eines seiner Versuchsobjekte, den Kameruner Martin Dibobe, bezeichnete er beispielsweise als typischen "Hosennigger", auf dessen vermeintlich geringe Intelligenz man schon allein wegen seiner "schlechten Stirne und der mächtig entwickelten Fresswerkzeuge" schließen müsse.
Angst um die Reinheit der deutschen Rasse
Zehn Jahre später sollte Dibobe nach Deutschland zurückkehren und fortan als Zugführer bei der Berliner U-Bahn arbeiten - eine späte Folge der Kolonialausstellung, die vielen Politikern zu diesem Zeitpunkt nur noch schlecht ins Konzept passte. Kontakte zwischen Weißen und den Kolonialuntertanen waren seit der Jahrhundertwende immer weniger erwünscht; offensichtlich fürchtete man den "rassischen Niedergang" der Deutschen, ein Absinken auf die "Kulturstufe des Afrikaners", was man mit dem unschmeichelhaften Wort "Verkafferung" umschrieb. Deshalb waren sogenannte "Mischehen" seit 1906 verboten - und um ein Kennenlernen von vorneherein zu vermeiden, ließ die Obrigkeit bald auch keine Völkerschauen mehr zu: 1901 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Anwerbung von Eingeborenen aus den deutschen Kolonien zu Schaustellungszwecken verbot. Bereits fünf Jahre später wäre also ein letztlich harmlos gemeinter Erlebnispark wie der auf der Berliner Gewerbeausstellung von 1896 nicht mehr möglich gewesen.
Kerstin Hilt, Stand vom 23.04.2010









