Interview: Die Otto-von-Bismarck-Stiftung
Planet Wissen (PW): Was ist Ihre besondere Beziehung zur historischen Figur Otto von Bismarck?
Prof. Dr. Ulrich Lappenküper (U.L.): Ich habe meine Doktorarbeit über ein Thema der Bismarck’schen Außenpolitik geschrieben und zwar über die Bismarck’sche Russlandpolitik, in der Zeit nach der Reichsgründung von 1871 und 1875. Für mich ist Bismarck wegen seiner enormen Bedeutung für die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts so faszinierend. Aber auch mit Blick auf die Gegenwart ist er äußerst interessant. Man kann eine langfristige Wirkung seiner Politik auch heute noch und in der jüngsten Vergangenheit feststellen.
P.W.: Welche Auswirkungen sprechen Sie an?
U.L.: Da sind Bismarcks Sozialgesetze zu nennen. Er führte als Antwort auf die schlechten Bedingungen der Arbeiterschicht eine für die damalige Zeit überaus fortschrittliche Unfall-, Kranken-, Renten- und Invalidenversicherung ein. Dieses System hat sich nicht nur bis in die Gegenwart gehalten, sondern wurde damals schon von anderen Staaten kopiert. Dann ist die Einführung der Zivilehe zu nennen. Diese Reform ging einher mit dem Kulturkampf und hat sich bis heute gehalten. Bismarcks wichtigstes Verdienst ist aber die Gründung des Deutschen Nationalstaates, ohne den das heutige Deutschland in seiner jetzigen Form und Gestalt kaum denkbar wäre.
PW: Warum wurde Friedrichsruh zum Sitz der Stiftung bestimmt?
U.L.: Friedrichsruh wurde dem Reichskanzler Bismarck, nach dem Reichsgründungskrieg 1870/1871 gegen Frankreich, vom damaligen preußischen König und späteren Kaiser Wilhelm I. als Dotation übereignet. Bismarck hat dann, im Laufe der 1880er Jahre und vor allem nach seiner Entlassung im Jahre 1890, diesen Ort als Hauptwohnsitz gewählt. Der Stammsitz der Bismarcks, des aktuellen Fürsten mit seiner Familie, liegt nur wenige hundert Meter von hier entfernt. Und als sich der Bund Ende der 1990er Jahre Gedanken darüber gemacht hat, eine solche Stiftung einzurichten, war man der Meinung, dass dieser Ort in besonderer Weise als Bismarck-Erinnerungsort dienen könne.
PW: Die Stiftung beherbergt eine Ausstellung zu Bismarck und seiner Zeit. Was gibt es dort zu sehen?
U.L.: Wir präsentieren Bismarck und seine Zeit bis zu seinem Todesjahr 1898. Wir beginnen bei seiner Geburt im Jahre 1815, einem historisch wichtigen Jahr, in dem auch der Wiener Kongress abgehalten wurde und wo vielleicht schon persönliche Wegmarken für Bismarck festgelegt wurden, wo hochpolitische Entwicklungen und Ereignisse ihre Schatten voraus geworfen haben. Zu meinen persönlichen Highlights der Ausstellung gehört die Originalfeder, mit der am 10. Mai 1871 der deutsch-französische Friedensvertrag unterzeichnet worden ist. Eine goldene Feder mit Brillianten besetzt, die wohl auch das wertvollste Ausstellungsstück sein dürfte.
Wenn ich mit Schülern und Studenten durch die Ausstellung gehe, dann haben die mitunter ganz andere Lieblingsstücke. Viele haben an einem großen Tisch ihre helle Freude, an dem wichtige politische Brennpunkte der Bismarck-Ära auf einer riesigen Landkarte durch Leuchtpunkte abgefragt und sichtbar gemacht werden können. Bemerkenswert sind auf jeden Fall auch die Großfiguren, die Menschen jener Zeit aus verschiedenen Gesellschaftsschichten in Originalkleidung darstellen.
PW: Sie haben Schülergruppen erwähnt, mit denen Sie durch die Ausstellung gehen. Welches sind da die am häufigsten gestellten Fragen?
U.L.: Das hängt natürlich sehr stark vom jeweiligen Wissensstand ab, den die Besucher über Bismarck haben oder davon, wie und was an den einzelnen Schulen im Geschichts- oder Politikunterricht besprochen worden ist. Zuletzt war noch eine 12. Klasse hier, die sich sehr stark dafür interessierte, wie die Frauen in jener Zeit gelebt haben und Vergleiche angestellt haben zur Gegenwart und auch zu noch früheren Zeiten. Da ging es im Besonderen um Berufstätigkeit, Lebenssituation oder Wahlrecht von Frauen. Andererseits bin ich aber auch immer wieder, und das soll nun keinesfalls hochnäsig wirken, über das Unwissen von Schülern und Studenten gleichermaßen erstaunt, was die Person Bismarcks angeht.
P.W.: Im Leben Bismarcks spielte eine Frau eine bedeutende Rolle, seine Gattin Johanna von Puttkammer. Ihr widmet die Stiftung auch eine Sonderausstellung. Was macht sie so erwähnenswert?
U.L.: Nun, sie ist eine heute weithin vergessene Frau. Sie stand immer im Hintergrund des großen Politikers und Staatsmannes und ich bin fest davon überzeugt, dass Bismarck ohne seine Frau nicht die Bedeutung erlangt hätte, die man ihm heute einräumt. Ihre Rolle ist wissenschaftlich noch nicht vollständig ausgeleuchtet. Johanna von Puttkammer war eine tief religiöse Frau, die ihrem Mann in den 1840er und 1850er Jahren den Glauben nahe gebracht hat. Sie war nicht nur eine gute Mutter für die gemeinsamen drei Kinder, sondern auch Mittelpunkt und Stütze in seinem gesamten Leben, bis zu ihrem Tod im Jahre 1894.
P.W.: Wie steht es um den Privatmann Bismarck? Kommt der Ihnen bei Ihrer Arbeit auch immer näher?
U.L.: Wenn Sie näher nicht im Sinne einer positiven Sympathie meinen, dann kommt er einem in der Tat näher. Ich muss offen gestehen, dass mir der Privatmann Bismarck, wie ich ihn aufgrund der eigenen Forschung kennengelernt habe, nicht sehr sympathisch ist. Er war ein Machtmensch, der ganz skrupellos politische Überlegungen und Überzeugungen durchsetzen konnte und der mit seinen Mitmenschen und Mitarbeitern in der Tat skrupellos umgegangen ist. Er ist keine sympathische Figur, was aber nicht bedeutet, dass einem nicht die Größe ins Auge springt, die diesen Mann wirklich ausgemacht hat.
P.W.: Gibt es denn heute überhaupt noch neue Erkenntnisse oder Forschungsschwerpunkte zum Thema Bismarck?
U.L.: Aufgrund unserer intensiven Archivforschung verfeinert sich unser Bismarckbild immer mehr. Wir erfahren, wie intensiv Bismarck zum Beispiel die Außenpolitik betrieben hat. Wie genau er die Verästelungen der außenpolitischen Beziehungen des Deutschen Reiches ausgelotet und beobachtet und in seine eigenen Überlegungen eingebracht hat. Wie ihn aber auch letztendlich, etwas salopp gesagt, die Außenpolitik aufgefressen hat.
Ich arbeite zur Zeit an einem Band der Edition über die Jahre 1882 bis 1884. Und da erschreckt es mich zu sehen, wie häufig Bismarck nicht in Berlin vor Ort in der Regierungszentrale gearbeitet hat, sondern auf seinen Gütern weilte, weil er gesundheitlich so stark angeschlagen war, dass er die Regierungsgeschäfte nicht direkt vor Ort führen konnte. Und das nicht aus Faulheit. Undenkbar zu glauben, dass eine heutige Kanzlerin oder ein heutiger Kanzler sechs Monate im Jahr nicht im Kanzleramt weilt. Bismarck hat die Regierungsgeschäfte auch nicht schleifen lassen, er hat sie sogar sehr intensiv geführt, aber von Friedrichsruh, von seinem Gut Varzin oder von Bad Kissingen aus, wo er oft in Kur war.
Interview: Alfried Schmitz, Stand vom 30.06.2007
Sendung: Otto von Bismarck, 19.09.2007









