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Interview: Prof. François Bertemes

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Interview mit Prof. François Bertemes

Der Prähistoriker Prof. Dr. François Bertemes hat schon an vielen Ausgrabungen wie der Kreisgrabenanlage von Goseck und den Deutsch-bulgarischen Ausgrabungen in Drama teilgenommen. Seit 2006 gräbt er im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts auf der türkischen Insel Tavsanadasi. Dort fanden die Forscher eine Hafenstadt aus der mittelminoische Zeit. Planet Wissen hat Prof. Dr. François Bertemes nach seinen Erfahrungen befragt.

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Kultur und Gräberkult
Prof. Bertemes
Prähistoriker

Planet Wissen (PW): Man hört immer wieder von spannenden und sogar sensationellen Funden. Für Sie als Archäologen ist das die Grundlage Ihrer Arbeit. Wie kommt man an solche Funde ran? Ist das "graben mit System" oder wirklich nur Zufall?

Prof. Francois Bertemes (F.B.): Das ist eigentlich beides. Wir haben einen großen Teil der Funde, die nach wie vor von uns als Zufallsfund bezeichnet werden. Das sind Funde, die bei irgendwelchen Erdarbeiten zu Tage kommen, ob das jetzt Großinvestitionen sind wie Autobahnen oder auch kleinere Geschichten wie Hausbau und ähnliches. Da kommt eine ganze Reihe von Funden zutage. Zum zweiten haben wir ehrenamtliche Mitarbeiter, die sich sozusagen als Hobbyarchäologen gewisse Landschaften aussuchen und diese regelmäßig begehen und dann an der Oberfläche Funde ausmachen. Das sind dann meistens Einzelfunde. Und dann gibt es noch die systematischen Ausgrabungen.

Prof. Dr. François Bertemes. (Rechte: SWR)

Prof. François Bertemes

PW: Wie gehen Sie da vor?

F.B.: Wir gehen von dem Bestand an Informationen aus, die wir haben. Das sind eigentlich doch sehr viele in der Zwischenzeit. Da wissen wir genau, wo in der Landschaft welche Fundorte vorhanden sind. Hier graben wir aber in der Regel erst dann, wenn Not am Mann ist, das heißt wenn im Rahmen von Baumaßnahmen diese Fundstellen gefährdet sind. Dann werden die Fundorte systematisch ausgegraben. Das hat für uns die Vorteile, dass die Funde, die wir da bergen, in ihrem tatsächlichen archäologischen Kontext sind. Das heißt es ist klar, ob ein Fund aus einem Grab stammt, aus einem Haus oder ob es eine Deponierung ist. Bei diesen Depotfunden handelt es sich um Wertsachen, die die Menschen der Bronzezeit dem Boden übergeben haben, was möglicherweise religiösen Hintergrund hatte. Diese Funde sind natürlich dann von ganz besonderem Interesse für uns, weil wir da aus ihrem Kontext heraus natürlich wesentlich mehr Fragen beantworten können.

PW: Wie wissen Sie denn, wo es solche Fundstellen gibt?

F.B.: Wir haben noch weitere sogenannte Prospektionsmethoden, die weniger die Funde betreffen als die Befunde. Da werden ja heute in großem Umfang Befliegungen durchgeführt, um aus der Luft zu sehen, wo Erdverfärbungen vorhanden sind und wo etwas sein könnte. Zum Beispiel die Kreisgrabenanlage von Goseck, die ich durchgeführt habe. Das ist so ein typischer Fall. Das ist ein Befund, der Anfang der 90er Jahre durch die Luftbildbefliegung zustande gekommen ist und wo man dann sagt, das ist so spannend, das müssen wir systematisch untersuchen.

PW: Wenn man einen solchen Fund freilegen will, was ist denn dann der nächste Schritt?

F.B.: Der nächste Schritt ist Geophysik. Wenn man zum Beispiel jetzt einen Luftbildbefund hat, der sich ja nur nach Bewuchsanomalien richtet, kann man durch die Veränderung der inhärenten Magnetik im Boden zum Beispiel feststellen, wo Bodeneingriffe stattgefunden haben, beziehungsweise man benützt auch die elektronische Leitfähigkeit des Bodens. Die wird jedes Mal gestört, wenn ich einen Bodeneingriff mache. Das gehört zum Standard. Das ist praktisch nachher so wie eine Röntgenaufnahme.

Man sieht dann schon in den Boden hinein, sieht, wo die Gruben sind, sieht, wo zum Beispiel Mauern sind. Dann hat man schon einen relativ guten Überblick über die Strukturen der Anlage. Dann wird man in der Regel die Ausgrabungsfläche so anlegen, dass man möglichst optimal den Befund erfasst. Danach wird systematisch ausgegraben, indem wir die bewegte Erde, also den Humus, mit dem Bagger wegnehmen. Sobald man dann unter dem Humus in unberührten Schichten ist, graben wir nach wie vor per Hand weiter und legen die Befunde akribisch frei. Das ist dann eine sehr detaillierte Arbeit und wird exakt dokumentiert. Wir versuchen, möglichst den Schichten nach zu graben. Das heißt wenn man eine mehrschichtige Siedlung zum Beispiel hat, dann wird alles, was zu einer Schicht, das heißt einer Benutzungsphase gehört, gleichzeitig ausgegraben. Dadurch haben wir den Überblick, was gleichzeitig diesen Befund, sagen wir mal dieses Haus, in einer bestimmten Zeit ausgemacht hat. Und dann geht man erst zum Älteren vor.

Prof. Francois Bertemes im Gespräch mit Moderatorin Birgit Klaus im Studio. (Rechte: SWR)

Prof. François Bertemes bei Planet Wissen

PW: Dann haben Sie Mauersteine ausgegraben oder sind mit Glück auf einen Grabfund gestoßen, auf Skelettteile, Gegenstände. Wenn Sie die in den Händen halten, was können Sie daraus lesen?

F.B.: Wir unterscheiden ja zwischen Funden und Befunden. Der Befund ist der Kontext. Über den Kontext kann ich sehr viel erfahren, zum Beispiel wie ist ein Grab angelegt, wie sieht die Grabgrube aus? Wie liegt der Tote in der Grabgrube, ist er auf dem Rücken ausgestreckt worden oder ist er als "Hocker", also mit angewinkelten Beinen, bestattet worden? All dies sind Informationen, die es uns auch erlauben, etwas über die geistige Haltung zum Beispiel der Trauergemeinschaft mitzubekommen. Weshalb haben die den Toten mit dem Blick nach Osten zur aufgehenden Sonne hin bestattet? Unsere Arbeit lässt sich sehr gut mit der Arbeit der Kripo vergleichen. Die versuchen zunächst einmal, alle Spuren am Tatort zu sichten. Das machen wir auch. Und dann geht es darum, die Spuren in eine solche Relation zu bringen, dass ich den Tathergang schildern kann. Wir machen genau das Gleiche mit den Bodenfunden.

Wie die Polizei können wir über diese Spuren hinaus noch ein Stückchen weitergehen. Die Polizei ist in der Lage, Täterprofile zu erstellen, nur anhand der Spuren. Das ist im Endeffekt das Gleiche, was wir auch machen, so dass wir über dieses "Täterprofil" der Menschen, die dieses Grab hergerichtet haben, auch etwas über diese Menschen aussagen können.

Bei den Funden schauen wir uns die Sachen zunächst einmal genau an. Wenn ich zum Beispiel ein Fundstück aus einer bestimmten Tracht habe, weiß ich heute bereits, welche Trachten es zu welchen Zeiten gegeben hat, wie sie sich entwickelt haben. Da haben wir einen guten Überblick. Tracht ist immer an Mode gebunden, das war schon früher so. Man kann also dann die Trachtbestandteile gewissen Moden zuweisen. Damit kann ich den Fund in etwa datieren. Darüber hinaus sagen mir diese Trachtgegenstände sehr viel. Zum Beispiel, ob es die bronzezeitliche Tracht einer Frau ist, die ursprünglich aus dieser Region stammt, wo das Grab gefunden wurde. Oder ob sie von irgendwo völlig anders herstammt, eingeheiratet wurde. Das ist heute alles möglich, weil wir so viele Funde haben, dass man das einordnen kann.

PW: Obwohl es heißt, dass die Archäologie nur etwa 0,1 Prozent dessen kennt, beziehungsweise ausgegraben hat, was der Boden an Schätzen der Vergangenheit verbirgt?

F.B.: Ja. Dieser geringe Prozentsatz reicht durchaus aus, um solche Fragen zu erörtern. Ich bin sicher, wenn man alles Wissen, was wir heute haben, zusammennimmt, hat man genug Material, um aussagekräftige Modelle zu erstellen. Allerdings können sie sich, je nach neuen Funden, auch wieder verändern. Es gibt aber immer wieder Funde oder Befunde, wo mal was Neues auftaucht, wo man sich dann von neuem Gedanken machen muss. Da wäre zum Beispiel die Himmelsscheibe von Nebra so ein Fall, wo auf einmal ein Gegenstand auftaucht, der so eine Fülle von Informationen enthält, wie wir sie bislang in diesem Umfang nicht kannten. Und jetzt müssen sich die Wissenschaftler Gedanken machen, wie das zustande kommen kann.

PW: Welche Rolle spielen bei der Einordnung der Funde neue Analysemethoden wie die DNA-Analysen oder die der Altersbestimmung?

F.B.: Die Altersbestimmung spielt eine große Rolle, da wir mit der Betrachtung der Gegenstände, zum Beispiel einer Mode, erstmal nur in der Lage sind, Funde in einer relativen zeitlichen Abfolge einzuordnen. Dieser Fund ist älter als ein anderer. Es ist ein historisch archäologischer Vergleich. Aber das ist keine absolute Datierung. Mit den absoluten Möglichkeiten, wie der C14 Analyse oder Dendrochronologie (Baumringdatierung), sind wir natürlich in der Lage, die Funde sehr exakt zu bestimmen. Bei der Dendrochronologie, wenn man Glück hat, wirklich auf das Jahr genau.

Außerdem gibt es noch eine Vielzahl von Untersuchungsmöglichkeiten, die wiederum bei der Kripo eingesetzt werden. Da spielt die DNA-Analyse eine sehr große Rolle. Vorausgesetzt, dass wir genug alte DNA haben. Aber DNA-Analysen sind wahnsinnig teuer, vor allem wenn es um alte DNA geht, weil die aufwendig aufbereitet werden muss. Nichtsdestotrotz wird das im großen Umfang jetzt angegangen, auch mit viel Forschungsmitteln.

Und ich bin eigentlich guter Dinge, dass man in zehn, 15 Jahren wirklich so weit ist, Vergleiche anzustellen: Zum Beispiel finde ich dann, auf einem Gräberfeld meinetwegen, nördlich von Halle eine Frau; das sagt mir die Tracht. Aber dann kann ich noch feststellen: Die kommt aus Hessen. Das zeigt mir der DNA-Strang und das zeigt mir eigentlich auch die Tracht und dann kann man natürlich ganz spannende Sachen herauslesen. Ähnliches ist heute schon mit einer Analyse der Zähne zu machen.

PW: Kann man nicht heute bereits mit Hilfe der Isotopenanalyse sagen, wo sich ein Mensch im Laufe seines Lebens aufgehalten hat?

F.B.: Bei der Isotopenanalyse nutze ich die Tatsache, dass sich ja in den Zähnen das ablagert, was wir zum Beispiel auch als Kind zu uns genommen haben. Dadurch ist man dann in der Lage festzustellen: Aha, der hat in seiner Kindheit eine andere Ernährung gehabt, anderes Wasser getrunken, als er es Zeit seines späteren Lebens vorfand oder in der Zeit kurz vor seinem Tod.

Über diese Frage kriegt man natürlich auch etwas über die Mobilität der Leute heraus. Das ist Wissen, das wir vorher nicht hatten. Dazu gehören auch die Fragen der damaligen Viehweidewirtschaft, dass die Menschen zum Beispiel den Sommer über mit dem Vieh den besseren Weideplätzen nachgezogen sind. Das sogenannte wandernde Hirtentum ist archäologisch eigentlich ganz schwer nachzuweisen.

Jetzt ist das allerdings durch solche Analysen möglich geworden: Durch Laseraberration werden die einzelnen Wachstumsringe der Zähne analysiert, so dass ich sehen kann, wie sich jemand innerhalb eines Jahres bewegt hat. Die Kollegen der Universität Bristol haben dieses Verfahren entwickelt. Und dann sieht man, dass ein großer Teil der vorgeschichtlichen Bevölkerung eigentlich immer in Bewegung war.

PW: Sie sind in Ihrem Beruf angewiesen auf Funde. Liegt Ihnen daran, eigene Funde zu machen? Oder arbeiten Sie genauso gut und gerne mit den Zeugen der Zeit, die bereits geborgen sind?

F.B.: Jeder Archäologe ist natürlich auch immer gern ein Finder, das ist ganz klar. Es gibt Kollegen, die mehr am Schreibtisch sitzen und das auswerten, was veröffentlicht ist, oder in die Magazine gehen und auswerten. Aber im Endeffekt muss man beides machen. Bei mir persönlich ist es so, dass ich sehr gerne ausgrabe, weil einfach dieser Entdeckungswille in mir steckt. Und dann kann ich mich durchaus auch schon über einen schönen Fund freuen, weil er mir eine Welt eröffnet. Überhaupt ist ja die Profession eines Archäologen deshalb so schön, weil durch jede Arbeit, die man angeht, durch jede Forschung, die man anstrebt, man in der Regel eigentlich etwas über sich selber erfährt. Das ist nicht bei vielen Berufen so.

PW: Gibt es einen ganz persönlichen wichtigsten Fund, den Sie haben?

F.B.: Wirklich wichtige Funde habe ich weniger ausgegraben. Von den Befunden kann ich mich wirklich überhaupt nicht beklagen. Zum Beispiel diese Kreisgrabenanlagen, die ich eigentlich seit den 80er Jahren verfolge. Zunächst habe ich in Bulgarien an solchen bronzezeitlichen Kreisgräbern gegraben, zu einem Zeitpunkt, als man diese Form von Heiligtum in der Bronzezeit in Bulgarien überhaupt nicht kannte. Inzwischen gibt es da ein halbes Dutzend. Und das Gleiche auch hier mit Goseck, wo man auf dieser Basis dann eine neue Welt erschließen kann, wenn man so etwas ganz ausgegraben hat und eigentlich die geistige Welt des damaligen Menschen dem interessierten Betrachter näherbringen kann. Das sind für mich schon ganz schöne Momente.

Andrea Wengel, Stand vom 18.06.2007

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