Kultur und Gräberkult in der Bronzezeit
Was haben die Menschen geglaubt?
Wie soll man heute wissen, was die Menschen in der Bronzezeit gedacht und woran sie geglaubt haben, welche Vorstellungen sie von den Göttern hatten oder welche Mythen und Riten in ihrem Leben wichtig waren? Wie haben sie getrauert, wenn einer von ihnen starb? Es gibt keine schriftlichen Überlieferungen aus dieser Zeit. Dennoch zeigen die verschiedenen Fundstücke aus bronzezeitlichen Gräbern, dass sich unsere Vorfahren intensiv mit dem Jenseits und dem Leben in einer anderen Welt auseinandergesetzt haben müssen. Was immer die Menschen bewegt haben mag, sicher ist, sie haben ihre Toten bestattet. Das heißt, sie hatten ihre eigene Vorstellung vom Umgang mit der übernatürlichen Welt und haben ein Verhältnis zu Göttern entwickelt.
Die typischen Gräber der Bronzezeit sind die Hügelgräber. Die Toten lagen unter einer Erdaufschüttung, manche in einem Baumsarg, in Steinkisten oder Sarkophagen. Männer wurden anders bestattet als Frauen. Der Leichnam wurde angehockt bestattet, immer mit dem Gesicht nach Osten, mit dem Blick zur aufgehenden Sonne. Dabei lagen die Männer mit dem Kopf im Norden, die Frauen im Süden. Offenbar wurden Frauen und Männern unterschiedliche Sphären im Jenseits zugeordnet. Anscheinend hatten die Menschen früher auch mehrere Gottheiten mit unterschiedlichen Funktionen. Die Sonne hatte in der Bronzezeit eine sehr große Bedeutung. Das Sonnensymbol erscheint immer wieder in dieser Epoche. Es ist aber nur zu vermuten, was genau die Menschen damit alles verbanden. Auch das Schiff und das Pferd tauchen immer wieder als Symbol auf. Die mythologische Bedeutung hat möglicherweise mit dem Lauf der Sonne zu tun: Wenn die Sonne im Westen untergeht, wird sie von der Sonnenbarke wieder nach Osten gebracht, wo sie dann erneut aufgehen kann. Dort zieht ein Pferd den Himmelskörper an einem langen Seil über den Horizont wieder nach Westen.
Kriminalistische Archäologen
Wie die Menschen gelebt und welche Vorstellungen sie gehabt haben müssen, versuchen Archäologen durch eine genaue Analyse des Grabes herauszubekommen. Dabei arbeiten sie wie kriminalistische Profiler. Sie analysieren akribisch alle Informationen, die in einem Grab zu finden sind: Skelette, Lage der Toten, Grabbeigaben. Sie führen Altersbestimmungen durch und vergleichen die Grabfunde mit den Funden anderer Gräber dieser Epoche. Dabei entwickeln sie ein Bild, welches Ansehen der Tote möglicherweise innerhalb der Gesellschaft hatte. So sprechen ein besonders großes Hügelgrab und besonders reichhaltige Grabbeilagen für Prestige und Bedeutung des Verstorbenen. Beispiele hierfür sind die Fürstengräber von Leubingen in Thüringen und Helmsdorf im Landkreis Mansfelder Land. Beide Grabhügel waren rund acht Meter hoch und hatten einen Durchmesser von über 30 Metern. Wegen der reichen Ausstattung und der offensichtlich sehr aufwändigen Bestattung der Toten, wurden sie als "Fürstengrab" bezeichnet.
Die Grabbeigaben waren reichlich: Neben einem großen Vorratsgefäß fanden die Wissenschaftler bronzezeitliche Waffen und Werkzeuge. Den Toten waren außerdem Prestigegegenstände, für die Zeit typische Stabdolche, mit auf den Weg ins Jenseits gegeben worden, außerdem goldene Trachtenaccessoires wie Gewandnadeln und Ringschmuck und steinerne Gerätschaften. Solche Beigaben zeigen in aller Regel auch, welche Funktion der Verstorbene zu Lebzeiten hatte – und wie wichtig er in der Gesellschaft war. Denn die Ressourcen waren nicht unbegrenzt und diese Materialien wertvoll. Trotzdem wurden die Metallgegenstände nicht etwa eingeschmolzen, um die Materialien zu recyceln, sondern dem Verstorbenen mit ins Grab gelegt.
Die Toten wurden also nicht nur einfach in den Boden gegeben, sondern bekamen auf dem Weg ins Jenseits die Dinge mit, die sie zeitlebens ausgemacht haben: Tracht, Werkzeuge, Schmuck. Wollte man ihnen den Zugriff auf diese Gegenstände auch im Tod gewähren? Möglicherweise. Das spricht für den Glauben, dass Menschen im Jenseits im gleichen Stand wiedergeboren werden, in dem sie auf Erden lebten. Ähnliches kennt man aus der Steinzeit. Wahrscheinlich kam es auch darauf an, in einen Dialog mit den Göttern zu treten: Ich gebe dir, damit du zurückgibst. Es galt, die Götter milde zu stimmen, sie zu beeinflussen, Bitten und Forderungen an sie zu richten. Die Gabe an Götter spielt in der Bronzezeit eine große Rolle. Es gab offenbar feste Glaubensvorstellungen, Totenrituale und eine Jenseitsvorstellungen. Religiöse Grundideen und zentrale Riten bestimmten also auch das Opferverhalten der Bronzezeitmenschen.
Andrea Wengel, Stand vom 01.06.2009







