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Interview: Korruption im indischen Gesundheitswesen

Ein einheitliches Gesundheitssystem, vergleichbar unserer Krankenversicherung, existiert in Indien wegen der großen Einkommensunterschiede im Land nicht. Es gibt eine kostenfreie Basisversorgung durch den Staat parallel zu privaten Arztpraxen und Kliniken. Damit ist Indien ein interessanter Markt für die großen Pharmaunternehmen. Dr. Christiane Fischer hat eine Studie über das Geschäftsverhalten europäischer Pharmafirmen auf dem indischen Markt mitbetreut. Korruption ist im dortigen Gesundheitssystem ein wichtiges Thema.

Portrait von Christiane Fischer. (Rechte: Christiane Fischer)

"Genau wie hier gibt es in Indien Gier"

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Planet Wissen (PW): Warum ist Korruption im indischen Gesundheitswesen ein Thema?

Christiane Fischer (C.F.): In Indien gibt es ein staatliches Gesundheitssystem, das ist für jeden umsonst. Dort ist Korruption insofern ein Thema, als dass einige Ärzte von den Patienten dennoch Geld verlangen, um sie besser zu behandeln. Das muss man sich so vorstellen: Es kommt jemand in das staatliche Hospital, und die Ärztin oder der Arzt schlägt vor, dass man gegen Zahlung einer bestimmten Summe schneller behandelt wird und nicht warten muss. Oder man bekommt ein besseres Medikament als das, was in den staatlichen Listen vorgeschrieben ist, oder einen Operationstermin gegen ein Leiden, das sonst anders behandelt würde.

Indischer Arzt behandelt Fuß eines Patienten (Rechte: Andrea Cezekanski, Colcota Rescue)

Behandlung in einem staatlichen Gesundheitszentrum

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PW: Wie funktioniert das Gesundheitssystem?

C.F.: Bei der staatlichen Versorgung kommt es stark darauf an, wo man sich in Indien befindet. Der Bundesstaat Kerala im Süden Indiens verfügt beispielsweise über ein sehr gut ausgebautes Gesundheitssystem. Im Gegensatz dazu ist das Gesundheitssystem im nordöstlichen Bundesland Arunachal Pradesh nur rudimentär ausgebildet, dort sind die Menschen ärmer und weniger gebildet. Theoretisch ist das staatliche System gut. Praktisch funktioniert es aber oft nicht. Es gibt immer Leute, die nicht richtig arbeiten, die sich bestechen lassen und tatsächlich korrupt sind.

Im privaten Bereich des Gesundheitssystems müssen die Patientinnen jeden Praxisbesuch selbst bezahlen. Denn die staatliche Primärversorgung umfasst keine ambulanten Behandlungen. Dennoch nehmen nahezu zwei Drittel aller privaten Haushalte private Gesundheitsdienstleister in Anspruch, lediglich ein Drittel greift auf staatliche Angebote zurück. Ob das private System weniger korrupt ist, sei dahingestellt, denn die Patienten müssen sowieso zahlen und das ist schlecht kontrollierbar. Es gibt auch Krankenversicherungen, aber 80 Prozent der Bevölkerung haben keine.

PW: Kann man sich denn auf das staatliche System verlassen, oder muss man davon ausgehen, für eine vernünftige Behandlung den Arzt auf jeden Fall zusätzlich zu bezahlen?

C.F.: Bei der Behandlung von Basiserkrankungen müsste man eigentlich nicht extra zahlen. Wenn aber bei einer Patientin oder einem Patienten mit zum Beispiel Malaria und Tuberkulose die Basismedikamente nicht mehr helfen, also Resistenzen existieren, dann sind die alternativen Medikamente schon nicht mehr umsonst. Staatliche Listen schreiben vor, welche Medikamente umsonst abgegeben werden dürfen. Wenn man etwas anderes braucht, dann wird es schwierig. Ein anderer Fall ist, wenn eine Spezialklinik zu weit weg ist, dann muss man ausweichen, auch auf den privaten Sektor.

Regale voller Medikamente und Drogerieartikel (Rechte: Christiane Fischer)

Apotheke oder Supermarkt - in Indien sind die Grenzen fließend

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PW: Ist der private Sektor des Gesundheitssystems ein Einfallstor für Korruption?

C.F.: Man darf in Indien keine Pharmawerbung bei Laien machen. Pharmareferenten bewerben daher eigentlich nur die Fachgruppen, sie konzentrieren sich auf die Ärzte und Ärztinnen. Daher sind Unternehmen in besonderem Maß von den Verschreibungspraktiken der privaten Ärzte und Ärztinnen abhängig. In Indien gibt es zudem sogenannte unregistrierte Ärzte, von denen viele keinen richtigen medizinischen Abschluss haben. Für viele, vor allem ärmere Leute, sind sie die erste Anlaufstelle. Diese "Unregistrierten" werden von Pharmavertretern geradezu überrannt. Die Ärzte im staatlichen System stehen nicht so stark im Blickpunkt der Pharmavertreter, weil sie nur verschreiben, was auf der staatlichen Liste steht. Pharmareferenten tauchen also hauptsächlich in den privaten Praxen auf - bei den niedergelassenen Medizinern oder den "Unregistrierten".

PW: Welche Rolle spielen die Pharmavertreter?

C.F.: Pharmavertreter haben ein sehr hohes gesellschaftliches Ansehen. Das ist ein Beruf, den viele anstreben. Sie verkehren mit wichtigen Leuten, sind gut gekleidet und tragen schwarze Aktenkoffer - all das zählt in Indien als Statussymbol, wie mir eine Ärztin dort berichtete. Das Problem ist, dass es in Indien einfach weniger Informationen gibt, die wirklich unabhängig sind. Daher wird den Pharmareferenten mehr geglaubt als hier vielleicht.

Die Korruption funktioniert ähnlich wie hier. Pharmareferenten besuchen die Praxen oder privaten Kliniken und bestechen mit Geschenken oder mit Reisen. Ein Referent, den ich für die Studie interviewt habe, erzählte von Cocktailparties und Einladungen in Sternehotels. Gerade bei den Ärmeren, bei den "Unregistrierten", ist das ein willkommenes Zusatzeinkommen. Sie empfangen, wie uns berichtet wurde, bis zu drei Vertreter am Tag.

PW: Wie läuft die Bestechung ab?

C.F.: Der Pharmavertreter war im Interview recht offen. Er sprach von Cocktailparties in einem Umfang, von dem ich hier noch nicht gehört habe. Er deutete auch an, dass es nicht beim Cocktail bleibt: "We do, what the doctors want." Interessant sind auch die Dimensionen, die er beschrieb. Als Faustregel gilt: Eine Ärztin oder ein Arzt muss zehnmal soviel einbringen, wie der Pharmareferent in ihn hineinsteckt. Das ist schon sehr beeindruckend und hier meines Wissens nicht so ausgeprägt. Er erzählte von verschiedenen Wegen, auf denen er schon Ärzte bestochen hatte: mit Geld, mit Reisen. Das ist vielleicht kein qualitativer Unterschied zu Deutschland, aber ein quantitativer ist es vermutlich schon.

Den privaten Ärzten und Ärztinnen, die außerhalb des staatlichen Systems arbeiten, geht es vom Einkommen her eigentlich nicht so schlecht. Sie verdienen soviel, dass sie sehr gut leben könnten. Aber es gibt - genau wie hier - eben auch Gier.

PW: Gibt es Regeln oder Verbote, die für Ärzte oder Pharmafirmen gelten?

C.F.: Der "Medical council of India" - eine Vertretung der Ärzteschaft - hatte einen Ethikkodex aufgestellt, Danach sollte verboten werden, dass die Ärzte überhaupt Geschenke annehmen dürfen. Aber dann wurde die Organisation aufgelöst und derjenige, der das vorgeschlagen hatte, selbst wegen Korruption verhaftet. Es hat also nicht funktioniert. Korruption ist auf jeden Fall unter Ärzten und Ärztinnen ein Riesenthema.

Aber es gibt natürlich auf der anderen Seite auch genug Ärztinnen und Ärzte, die sich absolut korrekt verhalten. Eine Besonderheit in Indien ist das Unternehmen "Low Cost Standard Therapeutics" (LOCOST), das 60 der wichtigsten Medikamente ohne Gewinnorientierung herstellt. So was gibt es hier in Deutschland nicht. Der Direktor bekommt ein Gehalt von 13.000 Rupien im Monat. Das ist weit unter dem Durchschnittsverdienst in Indien. Dieses Unternehmen kümmert sich zudem um Bildungsprogramme im Gesundheitswesen und versorgt alternative Organisationen, die das staatliche Gesundheitssystem ergänzen. Das sollte man bei der Gesamtbetrachtung nicht vergessen und nicht alles über einen Kamm scheren.

Interview: Hildegard Kriwet, Stand vom 11.07.2011

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