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Rechtsmedizin in den Medien - Faszination des Verbrechens?

Der gute Quincy machte den Anfang. Jack Klugman als unermüdlicher Rechtsmediziner der amerikanischen Fernsehserie "Quincy" faszinierte schon in den 70er Jahren auch die deutschen Zuschauer. Heute scheint es in Büchern und Filmen einen Boom der Rechtsmedizin zu geben. Während auch im ARD-"Tatort" die Rolle des Rechtsmediziners immer mehr Wichtigkeit bekommt, sprießen seit einigen Jahren Bücher, Filme und Serien aus dem Boden, in denen der Rechtsmediziner die Hauptrolle einnimmt. Viele Krimis drehen sich nicht mehr hauptsächlich um Kommissare und Detektive, sondern Rechtsmediziner - oder oft auch Rechtsmedizinerinnen - sind hier die Stars.

Im Gerichtssaal: stehender Quincy und viele sitzende Menschen. (Rechte: dpa)

Jack Klugman als Rechtsmediziner Dr. Quincy

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Kathy Reichs und Patricia Cornwell - Meisterinnen ihres Fachs

Krimifans verschlingen die Werke von Kathy Reichs und Patricia Cornwell. Schriftstellerin Reichs ist wie ihre Protagonistin Dr. Tempe Brennan auch selbst forensische Anthropologin: Sie untersucht bei gerichtlich zweifelhaften Fällen Knochen von Verstorbenen. Mit Dr. Tempe Brennan, die das gleiche tut, hat sie eine Rechtsmedizinerin geschaffen, die die Fans mit ihren spannenden Ermittlungen in Atem hält. Mittlerweile gibt es eine ganze Krimi-Serie um Dr. Brennan. Der Leser erfährt so manches Detail der forensischen Aufklärungsarbeit, manchmal realistischer geschildert als ihm lieb ist. Man kann mit ihr mitzittern, da sie sich durch ihre Ermittlungen immer wieder in Gefahr begibt. Und zuletzt stößt sie dann doch immer noch auf einen Hinweis, der den Mörder entlarvt. Wie Kathy Reichs so weiß auch Patricia Cornwell, wovon sie spricht. Die forensischen Details sind fundiert. Auch Cornwells Hauptfigur, Dr. Kay Scarpetta, ist eine Rechtsmedizinerin, die sich mit Leib und Seele ihrer Arbeit verschrieben hat. Beim Lesen der preisgekrönten Bücher spürt man die Erfahrungen einer Autorin, die ebenfalls Pathologin ist und die sich ständig bei ihr bekannten Rechtsmedizinern und deren aktuellen Fällen inspirieren lässt.

Rechtsmediziner Börne im Anzug guckt einen Zettel an, der an Leichenfüßen hängt. (Rechte: WDR)

Jan Josef Liefers als Rechtsmediziner Prof. Börne

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Der Reiz des Verbrechens

Verbrechen faszinierten schon immer die Menschheit. Mord und Totschlag waren vor 3000 Jahren in den Räubergeschichten der Antike genauso aktuell wie heute, wo uns Filme wie "Nightwatch" oder "Das Schweigen der Lämmer" erschaudern lassen. Krimis mit Sherlock Holmes oder Miss Marple in der Hauptrolle, Romane von Patricia Highsmith oder Donna Leon, Columbo oder der aktuelle "Tatort" - die menschlichen Abgründe lassen den Zuseher immer wieder schaudern. Aristoteles sah den Zweck von Schrecken und Entsetzen in der "Reinigung" der menschlichen Seele. Manch ein Krimifan sieht das bodenständiger. Es ist doch spannend, das alles mitzukriegen. Man zittert mit dem Ermittler, der dem Täter auf der Spur ist. Und es ist faszinierend, die unsäglichen Morde und Verbrechen aus nächster Nähe mitzubekommen. Der Wunsch, ganz nah am Geschehen dabei zu sein, ist wohl ein Grund für das Interesse an Kriminalliteratur und -filmen. Ein bisschen Voyeurismus und Spannung locken uns. Andererseits sind wir beruhigt, dass alles nur in begrenztem Rahmen geschieht - und auf Entfernung. Die Geschehnisse betreffen ja glücklicherweise nicht uns selbst, weshalb es umso faszinierender scheint die Grausamkeiten anzuschauen.

Blonde Frau und bärtiger Mann, uniformiert mit Kappe. (Rechte: dpa)

Szene aus der US-Fernsehserie CSI: Crime Scene Investigation

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Rechtsmediziner, wie wir sie kennen

Die "Tatort"-Rechtsmediziner Prof. Börne und Dr. Roth sind für den sonntäglichen Zuschauer zu festen Figuren geworden. Sie sind vertrauenswürdige Spezialisten, die durch ihre Untersuchungen und ihr Wissen tatkräftig zur Aufklärung beitragen. Ihre Arbeit erfreut sich beim Publikum höchster Beliebtheit, ebenso wie etwa die des Rechtsmediziners in der ZDF-Krimiserie "Der letzte Zeuge". Zu genaue Details aus den rechtsmedizinischen Untersuchungen will der Zuschauer jedoch nicht sehen. Und dies wird respektiert. Das Szenario im "Tatort" unterscheidet sich vom realen Seziersaal: Glücklicherweise lässt sich der Geruch beziehungsweise Gestank nicht ins Fernsehen übertragen. Und alles ist klinisch sauber - viel klinischer als in Wirklichkeit, wo die Obduktion in einer schmutzigeren, blutigeren Atmosphäre stattfindet. Zudem sehen wir im "Tatort" nicht explizit, welches Drama sich unter dem Leichentuch versteckt. Oft winkt der Kommissar schon ab, wenn der Mediziner auch nur andeutet, er wolle die entstellende Verletzung zeigen. Der Zuschauer stimmt ihm dankbar zu. Denn es würde beide überfordern und abschrecken, das Zusammensetzen eines zertrümmerten Schädels oder die Untersuchung eines aufgeschnittenen Darmes zu sehen. In der US-Fernsehserie "CSI - Crime Scene Investigation", die 2006 auch in Deutschland schon in die fünfte Staffel geht, löst ein mehrköpfiges Team von Forensikern komplizierte Mordfälle. Hierbei faszinieren vor allem die neuesten technischen Methoden, mit denen das unschlagbare Ermittlerteam die Schuldigen entlarven kann.

Faszination der Rechtsmedizin

Aber was macht gerade diese Art von Film und Literatur so interessant? Es scheint die Mischung aus Faszination, Sensationslust, wissenschaftlichem Interesse und Tabubruch zu sein. So geht etwa der Münchener Rechtsmediziner Prof. Wolfgang Eisenmenger davon aus, dass die menschlichen Extremsituationen, mit denen es die Rechtsmedizin zu tun hat, der Grund für die große Faszination sind. "Die Verknüpfung von Kriminalistik mit Naturwissenschaft und Medizin macht uns Rechtsmediziner reizvoll für den Zuschauer", erklärt er. Diese wissenschaftliche Sensationslust gab es schon immer. In den Anatomiesälen des 16. Jahrhunderts tummelten sich schaulustige Adelige und Fürsten. Hier hatten nur höhere Schichten Zutritt, diese gönnten sich das Zuschauen bei einer Obduktion wie ein faszinierendes Theaterstück. Kulturell und wissenschaftlich interessant gab die Darbietung gleichzeitig der Sensationslust Raum. Heute erleben wir Ähnliches - zum Beispiel bei der umstrittenen Ausstellung "Körperwelten", die präparierte Leichen zeigt. Wissenschaftlich wertvoll und spannend, sehen sie viele als geschmacklosen Tabubruch. Doch als faszinierende Mischung aus Medizin, Wissenschaft und Sensation lockt sie Besucher in Scharen an.

Zwei Männer und eine Tote auf einem Boot. Männer knien beide, vor ihnen tote Prostituierte in roter Reizunterwäsche. (Rechte: WDR)

Thanner und Schimanski klären jeden Fall auf

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Gerechtigkeit und Aufklärung

Joe Bausch, der den Rechtsmediziner Dr. Roth im Kölner Tatort spielt, liefert eine weitere Erklärung: "Das große Interesse von Zuschauern und Lesern an der Arbeit der Rechtsmediziner rührt vermutlich aus dem Wunsch nach Sicherheit. Sicherheit im Bezug auf Aufklärungsarbeit und ungeklärte Todesfälle. Im Film wird so gut wie jedes Verbrechen aufgeklärt. Stets ist der Rechtsmediziner zur Stelle und findet wissenschaftlich fundierte Details, die zum Stellen des Täters führen. Der Rechtsmediziner schafft Vertrauen." Anhand von Fakten, und seien sie noch so unscheinbar und scheinbar unwichtig, findet er heraus, wer der Mörder ist. Der Zuschauer fühlt sich beruhigt zu wissen, dass Wissenschaftler und Mediziner alles tun, um den Täter zu entlarven. Und dies erfolgreich, denn dank DNA-Analyse, Haarproben und ähnlichen Fakten ist einiges möglich. Und so wird am Ende jedes "Tatorts" der Täter gestellt, der Mord aufgeklärt. Im richtigen Leben ist das nicht so. Hier verringert sich die Anzahl der rechtsmedizinischen Institute ständig. Statistiken gehen davon aus, dass jeder zweite Mord erst gar nicht als solcher erkannt wird und somit auch der Erfolg bei der Aufklärung von Morden äußerst fragwürdig ist. Vielleicht sehen wir deshalb so gerne "Tatort" oder "CSI", weil es nach jedem Verbrechen ein Happy End gibt - der Tote wird zwar auch hier nicht mehr lebendig, der Täter aber auf jeden Fall bestraft.

Andrea Schultens, Stand vom 01.06.2009

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