Archäologische Sensation: die Schlacht am Harzhorn
Varusschlacht war nicht letzter Feldzug der Römer
Bislang dachte man, dass die legendäre Varusschlacht im Jahr 9 nach Christus die letzte große Schlacht der Römer gegen die Germanen war. "Quintilius Varus, gib die Legionen zurück!", soll Kaiser Augustus ausgerufen haben, als er die Nachricht von der verheerenden Niederlage seines Statthalters in Germanien erhielt. Varus war seit zwei Jahren Statthalter im Norden und ein sehr angesehener und erfahrener Offizier. Doch dann geriet er mit drei Legionen auf dem Rückweg zum Winterlager in einen Hinterhalt.
Völlig überraschend griffen die Germanen an, als sich die Römer durch unwegsames Gelände schlugen. Alle drei Legionen samt Hilfstruppen und Tross wurden vernichtet. Als Varus die ausweglose Situation gesehen hat, soll er sich das Leben genommen haben. Diese verheerende Niederlage soll dazu geführt haben, dass sich die Römer fortan nicht weiter auf germanisches Gebiet begaben, sondern die bereits eroberten Gebiete östlich des Rheins durch den Bau des Limes sicherten und die Eroberung Gesamt-Germaniens aufgaben. Doch die aktuellen Funde zeigen etwas anderes.
Von Hipposandalen und Schuhnägeln
Als am Harzhorn die ersten römischen Funde auftauchten, war das Ausmaß der römischen Präsenz dort noch nicht ersichtlich. Doch seit 2008 durchkämmen zwei Grabungstechniker quasi täglich das inzwischen rund vier Quadratkilometer große Gelände nach römischen Metallgegenständen. Über 2000 Objekte konnten bislang geborgen werden, alle wegen der speziellen Bodenbeschaffenheit in erstaunlich gutem Zustand. Neben dem römischen Pferdehufschutz, der Hipposandale, kamen noch weitere "Sensationen" zutage: die Jochführung eines Pferdewagens, die bronzene Verzierung einer Messerscheide, unzählige römische Geschossspitzen und Katapultbolzen. Außerdem Unmengen von kleinen, rostig verschrumpelten Schuhnägeln. Gerade letztere sind für die Archäologen vor Ort der "Schlüssel" zu den Bewegungen der Römer. Wie eine Spur ziehen sich die kleinen Metallstückchen durch das Waldgebiet und zeigen, von wo nach wo die Römer vorrückten. Einige Funde erlauben eine recht genaue Datierung des Geschehens: Anhand von Pferdeknochen und anhand von Holzresten an den Befestigungen der Geschossspitzen wurde im Labor mithilfe der C14-Methode das Alter der Objekte ermittelt: Einheitlich konnte der Zeitraum auf 230-240 nach Christus festgelegt werden.
Auch die bronzene Messerscheidenverzierung ist eine Mode dieser Zeit. Damit steht für die Archäologen fest: Über 200 Jahre nach der Varusschlacht lieferten sich die Römer mit den Germanen noch einmal ein schweres Gefecht - und das mitten in Germanien. Mit wie vielen Soldaten die Römer unterwegs waren, lässt sich nicht genau beziffern. Aber die Experten um Günther Moosbauer, Professor für römische Provinzialgeschichte an der Universität Osnabrück, und Michael Meyer, Professor an der Freien Universität Berlin, Germanenexperte und Grabungsleiter am Harzhorn, gehen inzwischen von rund 15.000 Mann samt Infanterie und Bogenschützen aus.
Zeitliche Einordnung
Was aber wollten die Römer so weit ab vom Limes in Germanien? Anhand von gefundenen Münzen konnten die Wissenschaftler den politischen Hintergrund rekonstruieren. Denn auch die Münzen können durch die Prägung mit den Profilen von der Kaiser Severus und Maximus Thrax auf die erste Hälfte des 3. Jahrhunderts nach Christus datiert werden. Weil die Germanen damals brutale Beutezüge ins Römische Reich unternahmen, wollten die betroffenen römischen Truppen Rache üben. Doch Kaiser Severus entschied sich - vielleicht auch in Erinnerung an die Varusschlacht - gegen einen großen Germanenfeldzug. Severus wurde daraufhin ermordet. Sein Nachfolger Maximus Thrax versprach seinen Leuten, gegen die Angreifer ins Feld zu ziehen. Von der Schlacht am Harzhorn gibt es keine schriftlichen Überlieferungen, aber es gibt Berichte über die Feldzüge von Maximus Thrax. Darin ist von einer großen Schlacht im Moor die Rede. Dass die Schlacht am Harzhorn diese Schlacht im Moor gewesen sein könnte, ist ausgeschlossen.
Aber der Archäologe und Althistoriker Günther Moosbauer hält es für denkbar, dass das jetzt entdeckte Schlachtfeld von einer Schlacht im zeitlichen und räumlichen Umfeld der großen Schlacht stammen könnte. Dass das denkbar ist, entnimmt der Römerkenner auch den Kilometerangaben der historischen Quellen. Eine gängige Abschrift aus dem 17. Jahrhundert gibt die Entfernung des Schauplatzes dieser Schlacht zur römischen Grenze mit 30 bis 40 Kilometern an. Doch in älteren Abschriften fand Günther Moosbauer die zehnfache Entfernung von 300 bis 400 Kilometern niedergeschrieben - vermutlich die richtige Zahl, die jetzt wie ein passendes Teil im großen Puzzle wirkt.
Hergang der Schlacht
Von Norden kommend bewegten sich die Römer entlang des Tals, durch das heute die A7 führt, um ins Lager nach Mainz zurückzukehren. Doch offenbar haben sie sich dann entschlossen, den Steilhang hinauf in den Wald am Harzhorn zu steigen - vermutlich, weil ihnen die Germanen unten den Weg versperrten. Auf welche Weise es den Germanen gelang, die Römer von ihrem Weg abzubringen, ist bislang unklar. Klar dagegen ist, dass die Römer auf offenem Feld so überlegen gewesen wären, dass sie in einen Hinterhalt in unwegsames Gelände gelockt werden mussten, wollte man eine Chance gegen sie haben. Im Wald griffen dann die Germanen an und die Römer schlugen zurück.
An bestimmten Punkten häufen sich die Geschossspitzen – hier, so vermuten die Archäologen, stand die Vorhut der Germanen. Objekte, die einen Kampf Mann gegen Mann nahelegen, fehlen. Doch das muss noch nichts heißen, meint Günther Moosbauer: Nach dem Kampf wurden die Schlachtfelder geräumt und alles wiederverwertbare Material aufgesammelt. Übrig blieben die Wurfgeschosse, die, so klein wie sie waren, im Unterholz kaum wiederzufinden waren.
Wer gewann die Schlacht?
Die bislang gefundenen Überreste und die Art und Weise ihrer Anordnung lassen Rückschlüsse darauf zu, wie die Schlacht ausgegangen ist. Alles spricht dafür, dass diese Schlacht kein vernichtender Schlag gegen die Römer war wie die legendäre Varusschlacht. Denn während die Archäologen in Kalkriese, dem Ort der Varusschlacht, Unmengen von Nahkampfspuren fanden, ist das am Harzhorn nicht der Fall. Das lässt darauf schließen, dass die Römer das Schlachtfeld im Nachhinein räumen konnten.
Aber das Feld räumen in Feindesland geht nur, wenn man gesiegt hat. Und auch die Spuren der Sandalennägel weisen darauf hin, dass die Römer in Richtung der germanischen Stellungen vorgerückt und nicht zurückgewichen sind. Noch sind die Rätsel der Schlacht am Harzhorn nicht alle gelöst. Aber jetzt schon ist klar: Der Fund ist ein Glücksfall für die Archäologie und erzählt ein spannendes und bislang unbekanntes Kapitel der römischen Geschichte in Deutschland.
Christiane Gorse, Stand vom 20.10.2011
Sendung: Von Hipposandalen, Schlachtfeldern und Gladiatoren - Die Römer in Deutschland, 26.05.2011








