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Tacitus' Germania

Über das Leben des römischen Historikers Publius Cornelius Tacitus ist wenig bekannt. Er wurde um 55 nach Christus geboren und stammte wohl aus einem begüterten Hause. Deshalb genoss die damals übliche Ausbildung der oberen Stände. Dies erschloss ihm den Zugang zu den höchsten römischen Staatsämtern. Er war ein Freund Plinius des Jüngeren (63-113 nach Christus) und wie dieser ein gefeierter Redner. Erst nach der Gewaltherrschaft Domitians (51-96 nach Christus) trat Tacitus als Schriftsteller hervor. Im Jahr 98 nach Christus veröffentlichte er das wichtigste schriftliche Zeugnis über Altgermanien, die "Germania" ("De origine et situ Germanorum"). Er starb wahrscheinlich um das Jahr 120 nach Christus.

Stich von Tacitus. (Rechte: AKG)

Berühmt und doch unbekannt: Publius Cornelius Tacitus

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Ein Auszug aus Tacitus' Germania

Siedlungsweise und Wohnstätten

16. Daß die Völkergemeinschaft der Germanen keine Städte bewohnen, ist hinreichend bekannt, ja daß sie nicht einmal zusammenhängende Siedlungen dulden. Sie hausen einzeln und gesondert, gerade wie ein Quell, eine Fläche, ein Gehölz ihnen zusagt. Ihre Dörfer legen sie nicht in unserer Weise an, daß die Gebäude verbunden sind und aneinanderstoßen: jeder umgibt sein Haus mit freiem Raum, sei es zum Schutz gegen Feuersgefahr, sei es aus Unkenntnis im Bauen. Nicht einmal Bruchsteine oder Ziegel sind bei ihnen im Gebrauch; zu allem verwenden sie unbehauenes Holz, ohne auf ein gefälliges oder freundliches Aussehen zu achten. Einige Flächen bestreichen sie recht sorgfältig mit einer so blendendweißen Erde, daß es wie Bemalung und farbiges Linienwerk aussieht. Sie schachten auch oft im Erdboden Gruben aus und bedecken sie mit reichlich Dung, als Zuflucht für den Winter und als Futterspeicher. Derartige Räume schwächen nämlich die Wirkung der strengen Kälte, und wenn einmal der Feind kommt, dann verwüstet er nur, was offen daliegt; doch das Verborgene und Vergrabene bemerkt er nicht, oder es entgeht ihm deshalb, weil er erst danach suchen müßte.

Häusliches Leben, Gelage

22. Gleich nach dem Schlafe, den sie häufig bis in den lichten Tag hinein ausdehnen, waschen sie sich, öfters warm, da bei ihnen die meiste Zeit Winter ist. Nach dem Waschen speisen sie; jeder hat einen Sitz für sich und einen eigenen Tisch. Dann gehen sie in Waffen an ihre Geschäfte und nicht minder oft zu Gelagen. Tag und Nacht durchzechen, ist für niemanden eine Schande. Streitigkeiten sind häufig (es handelt sich ja um Betrunkene); sie enden selten mit bloßen Schimpfreden, öfters mit Totschlag und Blutvergießen. Doch auch über die Aussöhnung mit Feinden, den Abschluß von Heiraten und die Wahl der Stammeshäupter, ja über Krieg und Frieden beraten sie sich vielfach bei Gelagen, als sei der Mensch zu keiner Zeit aufgeschlossener für unverstellte oder stärker entbrannt für erhabene Gedanken. Dieses Volk, ohne Falsch und Trug, offenbart noch stets bei zwanglosem Anlaß die Geheimnisse des Herzens; so liegt denn aller Gesinnung unverhüllt und offen da. Am folgenden Tage verhandeln sie nochmals, und beide Zeiten erfüllen ihren Zweck; sie beraten, wenn sie sich nicht zu verstellen wissen; sie beschließen, wenn sie sich nicht irren können.

Quelle: Tacitus - Germania Kapitel 16 u. 22
Philipp Reclam Verlag, Stuttgart, 1986

Jo Siegler, Frank Endres, Stand vom 19.03.2013

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