Interview: Die Kunst der Inuit
Planet Wissen (PW): Herr Walk, woher stammt Ihr Interesse für die Inuit?
Dr. Ansgar Walk (A.W.): Seit Jahrzehnten Kunst sammelnd wurden meine Frau und ich auf einer Kanadareise mit Inuit-Kunst konfrontiert: Wir sahen in einem Museum erstmals Werke von Inuit-Künstlern und waren davon so fasziniert, dass wir die Künstler selbst kennen lernen wollten. Aus dem Kontakt und der nachfolgenden Freundschaft mit den Inuit entstand bald auch das viel weiter führende Interesse für alle Lebensbelange dieser Menschen. Als Naturwissenschaftler bin ich bei meinen Recherchen vielleicht recht gründlich. Da es seinerzeit kaum einschlägige deutschsprachige Bücher gab, schrieb ich schließlich selber welche.
PW: Worin besteht für Sie der besondere Reiz der Inuit-Kunst gegenüber der etablierten westlichen Kunst?
A.W.: Inuit-Kunst zeichnet sich durch natürliche Spontaneität und ungekünstelte Authentizität aus. Sie hält Traditionen, Mythen und auch Traumhaftes fest, wobei großer Wert auf ästhetische Ausdrucksweise gelegt wird. Beim Gestalten von Skulpturen wollen die Künstler das wiedergeben, was sie als essentiell im Rohmaterial sehen; das Material liefert das Motiv. Allerdings muss man beim Sammeln sehr auf die Übergänge von Kunst zu Kunsthandwerk achten. Ein rasch geschnitzter Eisbär ist oft nicht Kunst, sondern Serienarbeit.
PW: Können Kunst und Kunsthandwerk dazu beitragen, den Inuit neues oder zusätzliches Einkommen zu bescheren?
A.W.: Kunst und Kunsthandwerk tun das in der Tat seit Mitte des letzten Jahrhunderts. Hier werden Werte neu geschaffen. Doch lässt sich der Territorialhaushalt natürlich nicht allein mit den Einkünften aus dem Kunstvertrieb bestreiten. Der jährliche Umsatz wird übrigens derzeit auf 20 bis 25 Millionen Euro geschätzt, etwa vergleichbar den Umsätzen mit Tourismus. Mir scheint, die Inuit verfügen in ungewöhnlichem Maß über ein stark ausgeprägtes künstlerisches Talent: In nahezu jeder Familie gibt es Künstler oder kunsthandwerklich Tätige, wie man zum Beispiel an der Lust sieht, mit der auch alltägliche Gegenstände wie Fellkleidung und -stiefel verziert werden.
PW: Unser zweiter Studiogast, Sabina Jung, brachte Zeichnungen ihres Bruders mit ins Studio. Er hat sie abends am Tisch so ganz nebenbei mit dem Kugelschreiber gekritzelt. Sind für Sie solche Zeichnungen ein Beleg für das Talent der Inuit?
A.W.: Solche Zeichnungen zeigen, dass es unter den Inuit ganz gewiss noch viele unentdeckte Kunsttalente gibt. Auf dem Gebiet des heutigen Territoriums Nunavut haben in der Mitte des letzten Jahrhunderts namhafte Künstler und Kunstgeschichtler wie James Houston ihr Wissen über Kunst und Techniken zur künstlerischen Gestaltung an die Inuit weitergegeben. Ihre "Entwicklungshilfe", zum Beispiel bei der Verwendung von Papier und der Herstellung von Drucken, ließ seit etwa 1960 einen Markt für Inuit-Kunst entstehen. Labrador, wo der Bruder von Frau Jung lebt, wurde in dieser Hinsicht weniger erschlossen. Doch dürfte sich auch hier mit der Selbstverwaltung und zunehmendem Tourismus - vor allem durch Kreuzfahrtschiffe - etwas ändern.
PW: Mit welchem Kunstwerk der Inuit fing Ihre Leidenschaft an?
A.W.: Mit einer kleinen Steinskulptur, die wir auf der eingangs erwähnten Kanadareise entdeckten. Sie weckte unsere Liebe zur Inuit-Kunst. Steinskulpturen - meist übrigens aus Serpentin oder Serpentinit und nicht aus dem immer wieder erwähnten, aber viel zu weichen Speckstein - sind sehr typisch für Inuit-Kunst.
PW: Sind Inuit-Kunstwerke eher abstrakt oder überwiegen bildliche Darstellungen?
A.W.: Im Grunde gibt es zwei Themenkomplexe: beobachtete Realität - Menschen und Tiere - und Figurationen aus der Mythologie der Inuit, etwa Verwandlungen von Tier zu Mensch und umgekehrt. Manche Darstellungen tendieren zwar zum Imaginären, sind aber immer noch real - "abstrakt" im europäischen Sinne sind solche Kunstwerke nicht.
PW: Aber auch Drucke auf Papier sind bei den Inuit-Künstlern sehr beliebt. Doch ist Papier ja wohl kein traditionelles Material?
A.W.: Nein, Bilder auf Papier, vor allem Drucke, gibt es erst seit Ende der 1950er Jahre; Papier war ja in der Arktis bis zur Ankunft der Weißen unbekannt. Auf ihren Bildern geben die Inuit ihren ganzen Formenreichtum, ihre Phantasie und nicht zuletzt ihr traditionelles Wissen wieder. Zu den berühmtesten Inuit-Künstlern zählt Kenojuak Ashevak. Werke von ihr sind sehr gesucht und finden sich auf Briefmarken, auf Münzen und in vielen namhaften Museen. Kunst gibt es im übrigen auch in Form von Textilkunst - Websachen, Applikationen - und Keramik.
PW: So werden aus Jägern Künstler. Haben die Inuit damit eine neue Leidenschaft gefunden?
A.W.: Jagen liegt den Inuit im Blut; es ist ihre Tradition. Die Künstlerin Kenojuak sagte mir einmal, ihr sei beides gleich lieb: Jagen und fischen - malen und zeichnen und schöne Dinge gestalten; sie brauche beides, um glücklich zu sein.
Vladimir Rydl, Stand vom 15.11.2006









