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Verfolgte Minderheit - die Kurden in der Türkei, im Iran und Irak

Nach dem Ersten Weltkrieg veränderte sich die Landkarte in Kleinasien und im Nahen Osten. Staaten wurden geschaffen, neue, oft willkürliche Grenzen gezogen. Großer Verlierer nach dem Untergang des Osmanischen Reiches waren die Kurden. Ihre Gebiete wurden zwischen mehreren Staaten aufgeteilt, in denen sie oftmals angefeindet, unterdrückt und verfolgt wurden und großteils immer noch werden.

Kurdische Demonstration in Istanbul. (Rechte: Picture Alliance )

Gewohntes Bild: Kurdenproteste

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Türkei: keine Minderheitenrechte

Staatsgründer Atatürk richtete 1923 die Türkische Republik nach westlichem Vorbild aus. Ein Hauptbestandteil des neuen Staates war die Trennung von Kirche und Staat, der Einfluss des Islams auf Politik und Rechtssystem wurde stark eingeschränkt. Dadurch sahen sich viele Kurden in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Die Skepsis und Ablehnung wuchs angesichts von Atatürks Plan, aus dem Vielvölkerstaat des Osmanischen Reiches einen türkischen Nationalstaat zu machen. Griechen, Armeniern und Juden wurden aufgrund ihrer Religion Minderheitenrechte zugestanden, den größtenteils islamischen Kurden nicht.

Der türkische Staat versuchte auf verschiedene Art und Weise, die Kurden zu assimilieren. So war der Gebrauch der kurdischen Sprache lange Zeit öffentlich verboten, genauso wie kurdische Medien und kurdische Schulen. Selbst bestimmte traditionelle Bekleidungen durften von den "Bergtürken", so eine gebräuchliche Bezeichung, nicht länger getragen werden. Außerdem wurde versucht, die Bevölkerungsstruktur in den Kurdengebieten zu ändern. Kurdische Bewohner wurden deportiert, Türken angesiedelt.

Kurden mit Eseln in Ostanatolien. (Rechte: Imago)

Kurden in der Türkei leben oft in Armut

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Zugeständnisse ab den 1990er Jahren

Unter dem Einfluss des Kommunismus und aufgrund der teilweisen Auflösung der dörflichen Stammesstrukturen bildeten sich in den 1960er und 1970er Jahren illegale kurdische Arbeitervereine. Besonders die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gewann viele Anhänger. Ihr Vorsitzender Abdullah Öcalan erklärte auch Terroranschläge und Sabotage ab Mitte der 1980er Jahre zu Mitteln im Unabhängigkeitskampf. Die türkische Regierung schlug mit aller Macht zurück, stellenweise glich die Situation einem Bürgerkrieg. Schätzungen zufolge starben mehr als 40.000 Menschen in diesem Konflikt, der auch im neuen Jahrtausend nicht beigelegt ist.

Mit der Annäherung der Türkei an die Europäische Union hat sich die Lage der Kurden allerdings etwas verbessert. So darf ab den 1990er Jahren wieder öffentlich Kurdisch gesprochen werden, zum Teil wurden auch kurdische Privatschulen legalisiert. Später wurden auch kurdische Medien zugelassen, allerdings standen und stehen diese unter strenger Beobachtung. Trotz der Zugeständnisse schwelt der Konflikt weiter in dem Land, in dem Schätzungen zufolge zwischen 8 und 14 Millionen Kurden leben.

Iran: unerwünscht aus religiösen Gründen

Auch im Iran herrschte von Anfang an ein großer Assimilierungsdruck gegenüber der kurdischen Minderheit. Hier spielten vor allem religiöse Motive eine Rolle. Der Iran ist größtenteils schiitisch, während die Kurden der sunnitischen Glaubensrichtung des Islams angehören. Ende 1945 wurde im Westen des Irans, rund um die Stadt Mahabad, die Republik Kurdistan ausgerufen. Anfangs wurden die Kurden dort durch die Sowjetunion unterstützt, die im Iran einen kommunistischen Staat errichten und ihren Zugriff auf die dortigen Ölreserven sichern wollten. Doch der Druck der internationalen Gemeinschaft auf den sowjetischen Diktator Josef Stalin war zu groß, er zog seine Truppen zurück. Die iranische Armee konnte daraufhin die Gebiete zurückerobern, das politische Führungspersonal der Kurden musste fliehen oder wurde ermordet. Während der Herrschaft des Schahs erlebten die Kurden immer wieder Repressalien: Parteien wurden verboten, vermeintliche oder tatsächliche Aufrührer verhaftet.

Früherer irakischer Präsident Saddam Hussein. (Rechte: Imago)

Saddam Hussein unterstützte iranische Kurden

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Kurden als Spielball zwischen Iran und Irak

Mit der islamischen Revolution 1979 verbanden auch die Kurden neue Hoffnung auf mehr Freiheit, in den ersten Gesprächen mit Revolutionsführer Khomeini deutete dieser Zugeständnisse an. Allerdings stellte sich dies bald als Taktik heraus, um die Kurden vorerst ruhigzustellen. In der neuen Verfassung war von Minderheitenrechten keine Rede mehr, stattdessen wurde das schiitische Element des Islams hervorgehoben. Im Ersten Golfkrieg zwischen Iran und Irak (1980-1988) wurden die Kurden immer wieder von den Kriegsparteien instrumentalisiert. Saddam Hussein unterstützte die Kurden im Iran, während Khomeini die Kurden im Irak zum Widerstand aufwiegelte. Auch nach Ende des Krieges änderte sich nichts an der Situation der knapp sechs Millionen Kurden im Iran. Politische Betätigung und Autonomiebestrebungen wurden im Keim erstickt. So ließ Irans Regierung mehrmals in den 1990er Jahren kurdische Politiker ermorden, darunter Sadegh Sharafkandi, den Generalsekretär der Demokratischen Partei Kurdistan-Irans, 1992 im Berliner Restaurant Mykonos.

Ölfelder im Nordirak nahe Kirkuk. (Rechte: Mauritius )

Kampf um Rohstoffe im Nordirak

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Irak: Vernichtungsfeldzug durch Saddam Hussein

Im Irak erlebten die Kurden ein Dasein der Extreme. Da das Land nach dem Ersten Weltkrieg bis Ende der 1950er Jahre unter britischer Verwaltung stand, hatten die Kurden dort relativ große Freiheiten. Sie waren als Minderheit anerkannt, konnten ihre Kultur und Sprache frei pflegen und waren auch politisch in Bagdad vertreten. Nach dem Abzug der Briten wurden durch eine Landreform die alten Siedlungsstrukturen teilweise zerstört, zudem wollte die Zentralregierung in Bagdad die Kontrolle über die erdölreiche Region um Mosul. Die Folgen waren Aufstände und jahrelange Kämpfe gegen die Regierung. Die instabile politische Lage im Land führte aber auch immer wieder zu Zugeständnissen und Versprechungen gegenüber den Kurden. Die schnell wechselnden Regierungen sicherten sich erst einmal deren Unterstützung, bevor sie nach Festigung der Macht mit ihrer Repressionspolitik fortfuhren. Animositäten und Kämpfe unter den kurdischen Stämmen sorgten zusätzlich dafür, dass die Autonomiebestrebungen ins Leere liefen.

Kurz nach Saddam Husseins Machtantritt 1979 begann der Krieg mit Iran, in dem auch die Kurden eine große Rolle spielten. Saddam ließ die Bewohner ganzer kurdischer Dörfer deportieren und siedelte regierungstreue Iraker in den Kurdengebieten an, um sich die kriegswichtigen Rohstoffe zu sichern. Als ein Teil der irakischen Kurden die iranischen Truppen unterstützte, reagierte Saddam mit äußerster Brutalität. Im März 1988 befahl er einen Giftgas-Angriff auf die kurdische Stadt Halabdscha. 5000 Menschen, die meisten davon Zivilisten, starben. Ein jahrelanger Vernichtungsfeldzug gegen die Kurden begann, in deren Verlauf circa 200.000 Menschen getötet und circa 1,5 Millionen vertrieben wurden.

Internationale Truppen kontrollieren Kurden im Nordirak. (Rechte: Picture Alliance)

Internationale Truppen sollen im Nordirak für Sicherheit sorgen

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2005: Ein Kurde wird irakischer Staatspräsident

Mit dem Ende des Zweiten Golfkrieges 1991 änderte sich die Lage der Kurden. Im Norden Iraks wurde eine Sicherheitszone eingerichtet, in der die Kurden die lang ersehnte Autonomie genossen. Allerdings war die wirtschaftliche Lage sehr schwierig: Die Landwirtschaft lag am Boden, Bagdad verhängte ein Embargo. Teilweise waren 70 Prozent der Menschen auf humanitäre Hilfe aus dem Ausland angewiesen; Schmuggel und Kriminalität florierten. Die Konkurrenz zwischen den verschiedenen politischen Akteuren in Kurdistan führte dazu, dass der de facto unabhängige Staat kaum überlebensfähig war.

Erst nach dem Fall des Regimes von Saddam Hussein 2003 verbesserte sich der Zustand. Eine günstige Wirtschaftsentwicklung sowie stabilere politische Verhältnisse führten dazu, dass die autonomen kurdischen Gebiete zu den ruhigsten und friedlichsten Regionen des Iraks wurden, der ansonsten von Bürgerkrieg und Terroranschlägen heimgesucht wird. Auch der Einfluss und die Akzeptanz im Rest-Irak stiegen. So wurde 2005 der Kurde Dschalal Talabani zum irakischen Präsidenten gewählt. Der letzte Schritt von der stabilen autonomen Region zu einem unabhängigen Staat für die vier Millionen dort lebenden Kurden scheint dennoch sehr weit entfernt. Zu groß sind die Bedenken auf Seiten der Türkei und des Irans.

Ingo Neumayer, Stand vom 11.02.2011

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