Nordamerikanische Indianer
Die ersten Einwanderer Amerikas
Als vor etwa 30.000 Jahren die erste eisfreie Landbrücke zwischen Sibirien und Alaska entstand, war dies der gängigen Theorie nach der Beginn der Besiedlung des amerikanischen Kontinents. Bis ins 15. Jahrhundert breiteten sich die Einwanderer, von den Europäern später "Indianer" genannt, auf dem ganzen Kontinent aus. Vor allem in Mittel- und Südamerika entwickelten sich bekannte Hochkulturen wie die Reiche der Inkas, Mayas oder Azteken. Solche Großreiche gab es im nördlichen Teil des Kontinents nicht. Hier lebten über 400 Völker mit eigenen Kulturen und Sprachen in kleinen, eigenständigen Gemeinschaften, heute von uns als "Stämme" bezeichnet. Das Land der Indianer war Gemeinschaftsbesitz und ihre Führer, die "Häuptlinge", wurden in der Regel wegen ihrer herausragenden Fähigkeiten ausgewählt, nicht aufgrund einer familiären Erbfolge.
Als die Weißen kamen
Von 1497 an, fünf Jahre nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus, eroberten die Engländer Neufundland und Labrador, wenige Jahre später begannen hier Fallensteller mit dem Pelzhandel. Im Süden erreichten die Spanier Florida auf der Suche nach Gold. Die Ureinwohner, die ethnische und kulturelle Vielfalt kannten, empfingen die Fremden in der Regel freundlich. Die Europäer hingegen sahen in den "Indianern" nur "Wilde" und "Heiden". Sie machten sich keine Mühe die Religion, Politik und Gesellschaft der Ureinwohner zu verstehen.
Die europäischen Invasoren schleppten Krankheiten ins Land - mit schrecklichen Folgen für die Indianer: In den nächsten Jahrhunderten starben zum Beispiel Tausende Indianer an Pocken-Epidemien, da ihr Immunsystem auf diesen Erreger nicht eingestellt war. Hinzu kam ein zunehmender Missionierungsdrang der christlichen Kirchen und eine Flut von Siedlern, die immer mehr Land in Anspruch nahmen. Zunehmend begannen die Indianer zu rebellieren, aber nur selten konnten sie sich gegen die übermächtige Schlagkraft der "Feuerwaffen" durchsetzen. In so genannten "Friedensverträgen" verloren die Indianer mehr und mehr ihrer angestammten Territorien.
Umsiedlung und Vertreibung
1830 verabschiedete der Kongress der jungen Vereinigten Staaten von Amerika ein Umsiedlungsgesetz ("Indian Removal Act"), um dem Ansturm neuer Siedler Herr zu werden. Mit militärischer Gewalt wurden 100.000 Ureinwohner aus ihrer Heimat im Osten und Süden in so genannte "Reservate" vertrieben, Tausende starben während der langen Märsche ("Trail of Tears"). Aufstände, zum Beispiel der Navajos, scheiterten. Nur wenige Völker wie die Sioux oder die Seminolen konnten sich kurzfristig in ihrer Heimat behaupten. In den Reservaten sorgte eine "Indianer-Behörde" für die Umerziehung der Ureinwohner. In speziellen Internaten lernten die indianischen Kinder europäische Wertvorstellungen. Die indianische Kultur stand nicht auf dem Lehrplan.
Als 1869 die transkontinentale Eisenbahn vollendet wurde, kam es auch im Westen des Kontinents zu einer massiven Zunahme von Siedlern und Abenteurern. Innerhalb kurzer Zeit wurden Millionen Büffel abgeschlachtet und damit die Lebensgrundlage der Prärie-Indianer zerstört. 1883 waren die Büffel Nordamerikas nahezu ausgerottet. Immer wieder verließen Gruppen junger Krieger die Reservate und kämpften gegen die Zerstörung ihrer Heimat. Die USA antworteten mit blutigen Strafexpeditionen und Massakern an ganzen Völkern der Ureinwohner.
"Little Bighorn"
In fast 400 Verträgen versuchte die US-Regierung, die Indianer-Völker zur Abtretung ihres Landes zu bewegen. Teilweise kam dadurch kurzfristig Frieden zustande, allerdings brach die Regierung immer wieder ihre eigenen Verträge. Als 1874 Goldgräber in das Land der Lakota einfielen und damit den Friedensvertrag von Fort Laramie aus dem Jahr 1868 brachen, führte dies zu einem erbitterten Krieg und zu einer legendären Niederlage der US-Armee. Oberstleutnant George Armstrong Custer wurde mit seinem 200 Mann starken 7. Kavallerie-Regiment durch die Übermacht einer Cheyenne-Sioux-Koalition unter den Anführern Sitting Bull und Crazy Horse komplett vernichtet. Die Indianer beklagten nur wenige Opfer. Der Triumph der Indianer sollte jedoch nur von kurzer Dauer sein. In der Folge veranstaltete die US-Armee grausame Hetzjagden auf Indianer in ganz Amerika. Aus "Rache für Custer" mussten Tausende Ureinwohner in blutigen Massakern sterben. Nur wenige "Rebellen", wie der Apache Geronimo, konnten sich kurzfristig gegen die militärische Übermacht der US-Regierung behaupten.
Amerikanisierung
Um die schwelenden Konflikte zwischen Weißen und Indianern in den Reservaten zu beenden, bemühte sich die US-Regierung ab 1880 die traditionelle Lebensweise der Indianer weiter zu durchbrechen. Sie löste den gemeinschaftlichen Landbesitz der "Stämme" auf und verteilte das Land an einzelne indianische Familien. Große Gebiete der Reservate fielen bei dieser Umverteilung allerdings an Weiße. In der schulischen Erziehung wurde das Verbot der indianischen Sprachen und Gebräuche verschärft und Männern das Tragen langer Haare verboten. Die Ureinwohner lebten wie Gefangene in ihren Reservaten, standen unter der strengen Kontrolle der Regierung und durften ihre kulturelle Identität nicht mehr ausleben. Oft hingen sie aufgrund der Landumverteilung und Vernichtung der Jagdgründe von den unregelmäßigen Verpflegungsrationen der Weißen ab. Hunger, Armut und Elend waren die Folge und führten zu zahlreichen Aufständen in den Reservaten. Nach dem fürchterlichen Massaker bei "Wounded Knee", dem rund 350 Indianer zum Opfer fielen, erstarb der Widerstand der Ureinwohner.
Indianischer Alltag heute
Nach dem Einsatz von indianischen Soldaten auf Seiten der USA im Ersten Weltkrieg erhielten die Ureinwohner 1924 die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1934 stand man ihnen im "Indian Reorganisation Act" das Recht auf Ausübung ihrer Kultur zu. Trotzdem versuchte die US-Regierung immer wieder dann, wenn wirtschaftliche Interessen anstanden, die Rechte der Indianer zu beschneiden, zum Beispiel durch Landenteignungen. 1968 entstand deshalb die erste indianische politische Organisation: das "American Indian Movement". Die Organisation versuchte immer wieder, die Probleme der Indianer an die Öffentlichkeit zu tragen. Heute bilden die Ureinwohner nur noch eine Minderheit in ihrer Heimat.
Uwe Leonhardt, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Rocky Mountains - Von Vulkanen, Gletschern und Büffelherden, 16.12.2008










