Indianer heute
Indianer machen mobil
Der Kampf der nordamerikanischen Ureinwohner um Entschädigung für den ihnen zugefügten Landraub durch die weißen Siedler ist so alt wie die Besiedlung des Neuen Kontinents selbst und er ist noch lange nicht zu Ende. Aber es gibt beachtliche Veränderungen.
Mit moralischen Appellen an die Weißen um Teilhabe der Indians am American Way of Life konnten zahlreiche Stämme ihre Lebenssituation verbessern. Vor allem eine junge Generation gebildeter Indianer mit erfolgreichen Studienabschlüssen in Rechts- und Wirtschaftswissenschaften ist dabei, dem etablierten Amerika mit jener Waffe gegenüber zu treten, die es selbst am besten beherrscht: wirtschaftlicher Erfolg. Immer häufiger machen sich junge Indianer zu engagierten Managern ihrer Stämme und schlagen die Bleichgesichter in Sachen Geschäft.
In den Vereinigten Staaten gibt es mehr als 500 anerkannte Indianerstämme. Etwas mehr als 200 von ihnen betreiben mit großem Erfolg Spielcasinos und Vergnügungsparks samt angegliederter Hotels und Einkaufszentren – lauter Geschäftstätigkeiten, die weiße US-Amerikaner ursprünglich kraft Gesetz den Indianern verboten haben. So profitieren die Stämme in attraktiven Landschaften und nahe der großen Zentren von den beliebten Kurzurlauben der spielsüchtigen Weißen.
Geld regiert auch die Indianer-Welt
Wirtschaftlich besonders erfolgreiche Stämme wie die Morongo aus Palm Springs haben innerhalb weniger Jahre Vergnügungsimperien mit mehr als fünf Milliarden US-Dollar Jahresumsatz aufgebaut. Kaum nehmen sich die Native Americans, wie sie im Englischen heißen, jenen Anteil, der ihnen ihrer Ansicht nach mindestens für den geraubten Landraum zusteht, schon wächst weißer Widerstand. Auch der ehemalige kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger machte gegen die Indianer mobil: Indianer-Casinos ja, aber bitte nur, wenn genug Steuern an die weiße Regierung zurückfließen.
Mehr noch als die Steuerfreiheit dürfte das unamerikanische Geschäftsgebaren den weißen Herrschaften ein Dorn im Auge sein. Denn bis heute ziehen sich traditionelle Handlungsmuster durch die Geschäfte vieler Indianer-Stämme: Der Einzelne gilt weniger als die Gemeinschaft. Karriere misst sich nicht am Jahresumsatz, sondern an den Taten, die ein Einzelner für seinen Stamm erbringt. So werden ganz selbstverständlich Krankenhäuser, Gesundheitsdienste, Schulen und Bedürftige aus den Einnahmen der Casinos finanziert.
Für Amerikas neoliberale Wirtschaft, in der solches Versorgungs- und Gleichheitsdenken als Bremse allen Wachstums gilt, wirkt stammverbundenes Indianer-Business wie eine Nachricht aus einer fremden Welt. Den weißen Ökonomen, dessen höchstes Ziel in der Vermehrung des individuellen Wohlstands liegt, muss es schmerzen, wenn die erwirtschafteten Milliarden der Indianer unkontrolliert deren Lebensverhältnisse beeinflussen, denn eine Anpassung an den American Way of Life bedeuten diese Aktivitäten keineswegs.
Nach wie vor verstehen sich die meisten Natives in erster Linie als Angehörige ihres Stammes. Sie fühlen sich als Cherokee, Hopi oder Navajo und – wenn überhaupt – erst lange danach als Amerikaner. Ob mit diesen wirtschaftlichen Mitteln die Situation der Native Americans nachhaltig verbessert werden kann, ist allerdings selbst unter den Indianern umstritten.
Nicht alle machen mit
Nicht einmal die Hälfte der Stämme hat Anteil an dem Erfolg. Die Mehrheit lebt entweder geografisch zu abgelegen oder sie kann Casinobetriebe mit ihren Traditionen nicht vereinbaren. Wieder andere Stämme sind in der Frage pro oder contra Casino tief zerstritten. Aber selbst jene Indianer, die von Glücksspiel und Steuerbefreiung profitieren, sehen darin nur ein Mittel zum Zweck für eine gerechtere Zukunft. Sie betrachten die Roulette- und Bingo-Millionen als Werkzeug, mit dem sie in einer Welt des Geldes die Dinge für sich und ihre Stämme ins Positive lenken können.
Wer gilt als Indianer?
Spötter behaupten, dass schon in wenigen Generationen alle Amerikaner Indianer sein werden, wenn das Wachstum der indigenen Bevölkerung Nordamerikas so weitergeht wie bisher. Vor rund 150 Jahren waren es nur ganze 250.000, die die systematische Ausrottung überlebt hatten. Gegenwärtig zählen sich über vier Millionen Menschen zur Urbevölkerung. Solche Steigerung jenseits aller biologischen Vermehrungsfähigkeit ist mehr ein kulturelles als ein ethnisches Phänomen. Die Rechtsprechung der USA handhabt die Zuordnung zu ethnischen Gruppen sehr großzügig, sie erlaubt sogar den Zutritt zu mehreren Stämmen gleichzeitig.
Der Ethnologe Christian Feest stellt für die Bevölkerungsentwicklung der nordamerikanischen Indianer-Stämme eine beachtliche Identitätsmigration, eine Selbstzuordnung zu Indianer-Stämmen, fest, was auch eine Reaktion auf den Überdruss am American Way of Life sei.
Formal gilt für das Bureau of Indian Affairs derjenige als Indianer, der mindestens zu 50 Prozent indianischer Abstammung von einem der offiziell anerkannten Stämme ist. Aber fast jeder Stamm legt nochmals eigene Kriterien fest, wer dazugehört. Die US-Zensusbehörde zählt jeden als Indianer, der sich dazu bekennt. Nicht selten führen auch attraktive Spielcasinos oder vor Gericht erstrittene Sonderrechte zu unverhofftem Wachstum einzelner Stämme, während andere in den weniger attraktiven Reservaten unter sich bleiben.
Zuerst Indianer, dann Amerikaner
Zwei solcher Stämme sind die Navajo und die Hopi. Beide leben im Schnittpunkt der US-Staaten Arizona, New Mexico und Utah in einer unwirtlichen, von Wüste geprägten Gegend. Die Hopi besiedeln als Ackerbauern seit Jahrhunderten die Tafelberge der Gegend. Die Navajo drangen als Nomaden vor etwa 300 Jahren in das Hopi-Gebiet ein und siedeln seitdem, legitimiert von der US-Regierung, vor allem um den Canyon de Chelly.
Der Konflikt zwischen Hopi und Navajo besteht bis heute, denn die abgelegene Lage hat die Traditionen, aber auch die Gegensätze beider Stämme lebendig erhalten. Wer in einem solchen Reservat aufwächst, ist zunächst Hopi beziehungsweise Navajo und erst in zweiter Linie Amerikaner.
Die Stammeszugehörigkeit gilt mehr als verwandtschaftliche Bindung. Oft spielen religiöse und zeremonielle Gewohnheiten lebenslang eine prägende Rolle. Hinzu kommt gerade in abgelegenen Reservaten die gemeinsam erlebte Benachteiligung durch unzulängliche Infrastruktur, fehlende Arbeitsplätze und schlechte Bildungschancen. Vielen Indianern bieten nur die entfernten Metropolen oder die Armee Möglichkeiten zur Veränderung. Sie verlassen die Reservate für ein Leben im weißen Amerika, ohne jedoch ihre Wurzeln aufzugeben. Es wird keine Gelegenheit ausgelassen, die Stammestraditionen zu pflegen – nicht aus Nostalgie, sondern aus Überzeugung.
Die Pow-Wow-Bewegung
Obwohl zwischen den mehr als 500 nordamerikanischen Indianer-Stämmen die Unterschiede oft viel deutlicher sind als die Gemeinsamkeiten – außerhalb des Englischen zum Beispiel gibt es aufgrund der unendlichen Vielfalt der Indianer-Sprachen kaum Verständigungsmöglichkeiten – , hat sich in jüngerer Zeit unter den Indianern ein neues Wir-Gefühl entwickelt. Besonders deutlich wird dies bei Traditionen und Ritualen, wie sie etwa auf den großen Pow Wow-Veranstaltungen" kreuz und quer durch die USA gepflegt werden.
Ursprünglich waren Pow Wows Tanzfeste der Prärie-Indianer. Heute entwickeln auch jene Stämme eigene Pow-Wow-Traditionen, in denen solche Tanzfeste traditionell keine Rolle spielten. Pow Wows sind zum kulturellen Treffpunkt der Native Americans geworden und dort wird die Minderheit der Indianer unversehens zur Mehrheit.
Auch wenn Pow Wows vor allem ein unterhaltsames Treffen aller Indianer, ihrer Freunde und Förderer sind, haben sie noch eine weiterreichende Bedeutung. Musik ist für Indianer die erweiterte Form der gesprochenen Sprache. So wird in den vielstündigen Pow Wows nicht nur getanzt, sondern die dargebotenen Sprechgesänge dienen dem Lob und Tadel von Stammesmitgliedern, sie sind Begleitung von Zeremonien und Ritualen, sie enthalten Informationen an die Gemeinschaft oder sollen Kontaktaufnahmen zu den Geistern ermöglichen. Pow-Wow-Musik verbindet die unterschiedlichsten kulturellen Aspekte und führt innerhalb und über die Stämme hinaus zusammen.
Wolfgang Neumann-Bechstein, Stand vom 28.05.2013
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