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Interview: Mit Jugendlichen auf Wikinger-Fahrt

Er arbeitete sich vom Matrosen zu Kapitän empor, wurde verbeamteter Geographie-Lehrer und schließlich zu einem der bekanntesten deutschen Segler und Abenteurer. 1977 brach Burghard Pieske mit einem selbst gebauten Katamaran zu einer zehnjährigen Weltumseglung auf. Mit weiteren spektakulären Expeditionen, darunter die Atlantiküberquerung mit der Wiking Saga, machte er immer wieder von sich reden.
Seit 2006 wagt er ganz andere Abenteuer: Beim Projekt Euro-Viking nehmen Burghard Pieske und sein Betreuerteam Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen an Bord selbst gebauter Wikinger-Schiffe und segeln mit ihnen über Flüsse in die entlegensten Regionen Europas. – Eine wirkungsvolle Therapie und Lebenshilfe der besonderen Art.

Studiogast Burghard Pieske. (Rechte: SWR/Brigitte Karwath)

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Planet Wissen (PW): Welche Leistung der Wikinger hat Sie am meisten beeindruckt?

Burghard Pieske (B.P.): Die Landnahmefahrten rüber nach Island, dann weiter nach Grönland und hinaus bis nach Amerika. Das kann ich wohl als Seemann am besten beurteilen – dass diese Menschen, die das wagten in offenen Booten, unglaublich leidensfähig waren. Es ist ja nicht die Kolumbus-Route bei schönem Wetter, sondern dort oben pfeift einem der Wind ganz schön zwischen die Zähne. Die Kälte, die Nässe und die Wetterwechselhaftigkeit – das war ja das Problem der Zeit. Und viele haben diese Reisen mit ihrem Leben bezahlt.

PW: Beim Projekt Euro-Viking segeln Sie mit sozial problematischen Jugendlichen auf nachgebauten Wikinger-Schiffen. Wie ist die Idee entstanden?

B.P.: Es war anfangs keine Idee, sondern der Fluss hat uns eine Therapie verordnet, genauer gesagt: das Flusssystem Düna-Dnjepr zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer. Geplant war eine Expedition auf der historisch verbürgten Wikingerroute mit gestandenen Abenteurern. Ein befreundeter Sozialpädagoge überredete mich, doch mal Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien, also aus sehr schwierigen Verhältnissen mitzunehmen, um sie durch Rudern und Segeln auf einen positiven Lebensweg zu führen.

Schon die erste dreiwöchige Etappe mit jungen Menschen ohne Schulabschluss, teilweise mit Drogenproblemen und Hafterfahrung, zeigte bei ihnen unglaubliche Verhaltensänderungen. Daraus ist das Projekt Euro-Viking, eine Intensiv- oder Expeditionstherapie entstanden, die durch weitere Flussreisen immer wieder verbessert wurde. Wir haben insgesamt 70 Jugendliche aus verschiedenen Ländern Europas auf unseren Reisen betreut. Allein von den deutschen Teilnehmern sind jetzt 15 in Lohn und Brot beziehungsweise in Ausbildung.

PW: In der Sendung und in Ihrem Buch schildern Sie, wie riskant Ihre Fahrt mit der Wiking Saga war. Ist solch ein Abenteuer mit Jugendlichen an Bord nicht gefährlich?

B.P.: Ja, manchmal schon. Ich würde meine Jugendlichen auf keinen Fall auf eine Atlantiküberquerung im offenen Wikingerschiff mitnehmen, denn wer bei Dunkelheit und den eisigen Temperaturen über Bord geht, ist tot. Flussreisen, zumal die gemächlich fließende Düna oder Dnjepr, sind nicht annähernd so gefährlich - man könnte durchaus an Land schwimmen.

PW: Und – haben das auch schon welche gemacht?

Am Anfang spielen einige Teilnehmer schon mit dem Gedanken, die Expedition durch Flucht zu verlassen: zu hart, zu einsam - kein Handyempfang und isoliert von gewohnten Zugehörigkeiten. Nachdem der erste Muskelkater abgeklungen, ein paar Schwielen an den Händen gewachsen sind und - noch wichtiger- sich eine Vertrauensbrücke zwischen Betreuern und Jugendlichen gebildet hat, wächst ein neues Lebensgefühl.

Der Fluss, die Natur sind die Therapeuten und verpassen der Expedition eine Zwangsjacke, die da sagt: Machst du was, bekommst du was – machst du nichts – bekommst du nichts. Nicht mal was zu essen, weil wir täglich 50 Kilometer rudern müssen, um das vorausgefahrene Camp samt Verpflegung zu erreichen. Der Fluss diszipliniert uns "Wikinger", strukturiert unseren Alltag und fordert einen besonderen Einsatz der Betreuer. Sie sind durch ihre langjährige Erfahrung die "Stimme" des Flusses. Als integrativer Bestandteil der Expeditionscrew rudern sie natürlich ihren Teil, verrichten auch alle Arbeiten, die sie von den Jugendlichen fordern.

PW: Das ist beeindruckend. Gibt es das Projekt noch?

B.P.: Oh ja! Wir sind gerade wieder dabei, die Boote auszurüsten. Den ganzen August über fahren wir in die Ukraine. Da fehlt noch ein Stück, weil bei den großen Stauseen eine Schleuse gesperrt wurde. Wir werden dieses Mal sogar mit zwei Schiffen auf Nebenflüssen des Dnjepr rudern beziehungsweise einen Stausee besegeln. Dieses Projekt Euro-Viking hat derartig eingeschlagen bei den Jugendlichen, dass wir durch Mund-zu-Mund-Propaganda alleine sehr, sehr viele Anmeldungen haben, weil sich das Resultat einer solchen dreiwöchigen Reise herumgesprochen hat.

Unter drei Wochen nehmen wir keinen Jugendlichen mit, denn es muss erst Beziehung und dann Erziehung erfolgen. Meine Mitsegler, die sogenannten Betreuer, das sind ja alte Herren, teilweise pensionierte Pädagogen, die müssen akzeptiert werden; sie müssen durch ihre Tatkraft natürlich Vorbild sein und erst dann können wir mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen. Also das Ganze hat natürlich auch einen gewissen zeitlichen Rahmen.

PW: Sie haben inzwischen einige Boote – es sind ja etliche Schiffe gebaut worden, von Jugendlichen und für Jugendliche...

B.P.: Ja, in sogenannten 1-Euro-Maßnahmen. Zurzeit sind zwei Wikingerschiffe in Mecklenburg-Vorpommern im Bau. Genauer gesagt, der Ausbau, denn die Rumpfschale wurde von Bootsbaulehrlingen als Projekt geschaffen nach dem Motto: Jugendliche in Arbeit bauen Schiffe für Jugendliche ohne Arbeit. Von den Jugendlichen, die an den Schiffen arbeiten, rekrutieren wir auch unsere Expeditionsteilnehmer. Denn das ist wichtig: Die Identifikation jedes Einzelnen mit dem Wikingerschiff und dem Reiseziel, das viele hundert Kilometer voraus in einem fernen Land liegt.

Überhaupt das Wikingerschiff: Es ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Therapie, weil die Menschen, die wir in den abgelegenen Dörfer von Weißrussland oder der Ukraine treffen, auf die Expedition mit Einladungen und Geschenken reagieren. Die Jugendlichen erkennen plötzlich den Wert ihrer Leistung. Denn das ist ja das Euro-Viking-Projekt in Kurzform: Am Anfang steht die Leistung, denn Leistung bringt Erfolg. Erfolg bringt Anerkennung. Anerkennung macht selbstbewusst, und ein gesundes Selbstbewusstsein ist die Voraussetzung, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

PW: Und dieser Lerneffekt stellt sich tatsächlich so schnell ein?

B.P.: Noch einmal: Von der Expeditionscrew wird Leistung gefordert, knallhart und konsequent. Und zwar nicht von uns Betreuern, sondern von der Natur. Wer seine Regenjacke morgens vergisst, sitzt nach einem Regenschauer den Rest des Tages wie ein abgenadelter Tannenbaum im Boot. Wer unpünktlich losrudert, dem versagt der Fluss die Gratiskilometer, weil wir mit dem Strom rudern, und wer seinen Ruderriemen nur "badet" statt durchzuziehen, der delegiert seinen Arbeitsanteil auf die Kameraden. Die regeln das dann schon, weil der Fluss uns die individuelle Arbeitsleistung in Form von Ruderwirbeln permanent mitteilt.

Überhaupt das „"Recap", das Rekapitulieren des Tages am allabendlichen Lagerfeuer. Es ist die wichtigste Stunde des Tages. Hier wird Klartext geredet, erklärt, gelobt, gelauscht und gelacht. Hier werden die Jobs vergeben (Jeder Jugendliche erhält eine spezielle Aufgabe: zum Beispiel Koch, Mechaniker, Scout, Einkäufer), werden Zukunftspläne geschmiedet und schwere Kindheitserlebnisse aufgearbeitet. Und für manche junge Menschen, die, kaputt vom Rudern in die Flammen schauen, stellt sich nach Wochen die Erkenntnis ein: Es lohnt sich zu arbeiten, nicht nur in dieser neuen Familie von Wikingern, sondern generell.

PW: Wo befinden sich die Wiking Saga und die Wikingerschiffe des Projekts heute?

B.P.: Die sind eingelagert. Im Winter haben wir eine große Lagerhalle in Mecklenburg-Vorpommern. Wir gehen aber auch viel auf Messen, um für dieses Unternehmen zu werben, zum Beispiel auf der ITB oder auf der Boots-Ausstellung in Düsseldorf. Da zeigt Euro-Viking dann Flagge durch die Schiffe, denn die kann man einfach mit dem Pkw-Trailer transportieren, obwohl so ein Schiff zehn Meter lang ist.

PW: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, einem alten Wikinger eine einzige Frage stellen könnten – was würden Sie von ihm wissen wollen?

B.P.: Ich hätte ein solches Bündel an Fragen!

Ich würde ihn fragen: Wo kommst du gerade her, kommst du aus dem Kampf? Oder: Welches ist dein Beruf – bist du ein Händler, bist du ein Bauer, bist du ein Viehzüchter oder hast du ein eigenes Schiff? Ich würde ihn fragen: Wie groß ist dein Schiff, wie viele Leute hast du drin und: Machst du Handelsfahrten oder bist du mit einem Langschiff unterwegs und führst Kriege? Also, ich würde zunächst einmal nach seinem maritimen Hintergrund fragen und mit ihm natürlich sofort über sein Schiff reden. Und ich weiß, seine Augen würden leuchten, denn das Schiff ist natürlich der Kristallisationspunkt seines Lebens - der Wikinger und sein Schiff!

Martina Frietsch, Stand vom 17.06.2011
Sendung: Auf den Spuren der Wikinger, 02.02.2012

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