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Arche-Gründer Bernd Siggelkow

Alles begann in Bernd Siggelkows Wohnzimmer. Die gute Stube des Pastors war Mitte der 90er Jahre erster Anlaufpunkt für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche in Berlin-Hellersdorf. Die Räumlichkeiten wurden schnell zu klein. Erster offizieller Standort des christlichen Kinder- und Jugendwerks Arche e.V. wurde eine ehemalige Schule. Mittlerweile ist die Arche mit 14 Einrichtungen in Deutschland vertreten und bietet knapp 2500 Kindern ein warmes Essen, die Möglichkeit zum Lernen, Spielen und Reden.

Die Arche in Berlin (4'42'')

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Arche-Gründer Bernd Siggelkow
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Kampf gegen emotionale Armut
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Planet Wissen (PW): Herr Siggelkow, seit 1995 kümmert sich die Arche um Kinder. Die Kinderarmut wächst, die Arche wächst mit. Ist die Entwicklung aus ihrer Sicht mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu beschreiben?

Bernd Siggelkow (B.S.): Das weinende Auge ist schon fast ein triefendes Auge, weil die Armut so viele Facetten hat. Sie wird in Deutschland gerade bei den Kindern nicht weniger. Die Chancengleichheit ist in Deutschland für Kinder, die aus sozial schwachen Familien kommen, ganz schlecht. Sie haben einfach nicht die Möglichkeit, den gleichen Bildungsstandard zu bekommen wie ein Kind aus der Wohlstandsgesellschaft.

Und das lachende Auge: Wir können viel mehr Kinder von der Straße holen, wir können ihnen Perspektiven bieten. Wir haben ganz vielen Jugendlichen, die eigentlich überhaupt keine Chance hatten, in den vergangenen Jahren einen Ausbildungsplatz beschafft. Und wir können viele Kinder und Eltern aus der Verwahrlosung holen.

Kinder spielen in der Arche.

"Nicht wie kleine Erwachsene behandeln"

Vergrößern

PW: Kinderarmut ist vielschichtig. Da geht es nicht nur um fehlendes Geld, sondern auch um fehlende Beziehung. Ist emotionale Armut genauso schlimm wie die finanzielle Armut?

B.S.: Emotionale Armut ist viel schlimmer. Ein Kind, das in Armut aufwächst, sich aber in einem geschützten Rahmen bewegt, in dem die Eltern versuchen, das Beste für ihr Kind zu bewegen, wird gar nicht merken, dass es arm ist. Aber ein Kind, das emotionslos aufwächst, weil die Eltern mit anderen Dingen beschäftigt sind und vielleicht gar nicht anders können, weil sie arbeiten gehen oder sich auf ihre Karriere fixieren, ist schlimmer dran.

Ein Kind braucht in seiner Entwicklung ganz viel Liebe und Aufmerksamkeit. Es braucht Menschen, zu denen es aufblicken kann, und es darf nicht behandelt werden wie ein kleiner Erwachsener. Wenn Kinder sich nicht kindlich entwickeln, dann werden sie sich viel zu früh mit dem Erwachsenwerden beschäftigen. Dann werden sie zu früh ihre Sexualität ausleben, relativ früh Alkohol trinken, vielleicht auch Drogen nehmen und Dinge ausprobieren, die man in einem geschützten Rahmen nicht ausprobieren würde.

PW: Wie gehen Sie mit Kindern um, die in die Arche kommen?

B.S.: Das Wichtigste ist, Vertrauen zu dem Kind aufzubauen. Da gibt es keine Frage nach dem sozialen Status oder ob es dem Kind gut oder schlecht geht. Da wird das Kind begrüßt und nach dem Namen gefragt. Es soll sofort merken: Hier bin ich zuhause, hier wollen die Menschen nichts von mir, sondern sie mögen mich so, wie ich bin. Egal wie ich aussehe, egal ob ich heule oder glücklich bin. Sie nehmen mich einfach ernst und wahr.

Ich erwarte von meinen Mitarbeitern, dass sie relativ schnell die Namen der Kinder kennen. Es gibt nichts Besseres, als wenn ich die Kinder im zweiten Gespräch mit dem Namen anreden kann: "Hallo Susanne, schön, dass du da bist." Dann sagt sie: "Woher weißt du meinen Namen?" Ich: "Den hast du mir doch gesagt." Dann ist sie ganz erstaunt: "Und den hast du behalten?" Das ist für ihre Welt nicht normal.

Fremde, die zu uns kommen, sagen: "Es ist ein angenehme Atmosphäre, die Kinder fühlen sich hier wie in einer geschützten Familie." Wir essen zusammen, wir reden miteinander. Wir betreuen keine Kinder, wir führen das Leben mit ihnen. Wir müssen ihnen keine Frage über ihr soziales Umfeld stellen. Das kommt von ganz alleine.

Hilfe für benachteiligte Kinder (3'34'')

PW: Sind Kinder in Berlin anders als Kinder in Frankfurt?

B.S.: Jedes Kind ist unterschiedlich, das hat nichts mit der Geografie zu tun. Aber es stimmt, selbst in den verschiedenen Berliner Bezirken sind die Kinder anders. Wir haben in unserer Hellersdorfer Einrichtung einen sehr geringen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund. In Frankfurt liegt der Anteil bei fast 100 Prozent. Da gibt es Probleme mit der Sprache und auch mit Gewalt.

Wir haben Kulturen in Deutschland, in denen sind die Jungs die Machos und die Mädchen gar nichts wert. Da müssen wir uns nicht wundern, dass in verschiedenen Kulturgruppen die Mädchen sehr anhänglich sind. Sie bekommen zuhause keine Liebe, sondern müssen als Mädchen funktionieren. Aber alle Kinder wollen Kinder sein, brauchen Liebe, und uns muss bewusst sein, dass sie unsere Gesellschaft sind. Nicht nur unsere zukünftige, sondern auch unsere gegenwärtige Gesellschaft.

PW: Sie sind in vielen Fernsehsendungen zum Thema Kinderarmut Gast. Auch in der Comedy-Sendung "Der dritte Bildungsweg" mit Jürgen Becker. Wie sind Fröhlichkeit und Armut miteinander vereinbar?

B.S.: Man stellt sich immer vor, arme Menschen heulen immer, aber das ist ja gar nicht so. Jeder ist auch fröhlich und möchte sich ablenken. Ich spreche über dieses Thema der Armut, bin aber trotzdem glücklich dabei, weil ich Menschen helfen kann. Wir lachen viel mit den Kindern in der Arche. Wir weinen natürlich auch mit ihnen, aber die meiste Zeit ist lustig und schön.

PW: Viele prominente Menschen unterstützen Sie. Wie wichtig ist die Darstellung der Arche in der Öffentlichkeit?

B.S.: Die Präsentation unserer Arbeit in der Öffentlichkeit ist wichtig, weil wir nur von Spenden leben. Es ist aber auch wichtig, dass wir generell das Thema Kinderarmut in der Öffentlichkeit haben und dafür sensibilisieren. Wir haben über dieses Thema in Deutschland gesprochen, als es das offiziell noch gar nicht gab. Ich möchte vorsichtig sagen, dass wir es salonfähig gemacht haben. Dadurch konnten wir schon einiges bewegen.

Kinder essen in der Kantine der Arche

"Ein Fünkchen Hoffnung"

Vergrößern

PW: Sie sind Pastor – Welche Bedeutung hat der persönliche Glaube für ihre Arbeit?

B.S.: Ohne diesen Glauben geht es in unserer Arbeit nicht. Gerade weil wir ganz viele Kinder und Eltern haben, die in einer hoffnungslosen Situation leben, braucht man bestimmte Hoffnungen. Wir sind oftmals in einer Situation in der man einerseits sagt: Wie kann Gott so eine Situation für Kinder zulassen? Auf der anderen Seite braucht man etwas, woran man sich festhalten kann. Und das ist der Glaube an einen Gott, der auch Öffnungszeiten hat, wenn wir geschlossen haben.

Ein Beispiel: In die Arche kommt eines Tages ein Mädchen, deren Mutter relativ viel trinkt und sagt: "Mama war gestern Abend wieder auf Sauftour. Ich war ganz alleine zuhause und dann habe ich mal gebetet, weil ich Angst hatte. Und auf einmal war diese Angst weg." Sie ist kein gläubiges Kind, aber sie hat das bei uns gesehen und gehört und sie hat es ausprobiert. Das hat sie beruhigt, es hat ihr eine Hoffnung gegeben. Wir brauchen dieses Fünkchen Hoffnung in unserem Leben.

PW: Im Anblick der immer größer werdenden Kinderarmut: Was gibt ihnen sonst noch Hoffnung?

B.S.: Hoffnung macht mir, dass viele Einrichtungen, die nicht Arche heißen, das Thema Kinderarmut für sich angenommen haben. Hoffnung macht mir, dass viele Kirchen sagen: "Wir können uns nicht mehr nur um Christen kümmern, sondern wir müssen für die Kinder unserer Nachbarschaft unsere Türen öffnen." Und Hoffnung macht mir, dass wir nach 16 Jahren auf Erfahrungen zurück blicken können und mit Menschen Kontakt haben, die wir als Kinder begleitet haben und die jetzt erwachsen sind. Erwachsene, die selbst in schwierigen Situationen aufgewachsen sind, können ein ganz anderes Vorbild sein. Kinder schauen zu ihnen auf und sagen: "Du hast es geschafft. Jetzt will ich es auch schaffen."

Interview: Daniel Schneider, Stand vom 29.11.2011
Sendung: Reiches Deutschland - Arme Kinder, 07.08.2012

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