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Fußball-Weltmeisterschaft 1954

Es gibt Sätze, die fast jeder Fußballfan im Schlaf vollenden kann. Zum Beispiel: "Wenn der Torwart rauskommt - muss er ihn haben." Oder: "Erst hatten sie kein Glück - und dann kam auch noch Pech dazu." Doch es gibt einen Satz, gegen den alle anderen berühmten Sentenzen verblassen. Einen Ausruf, um den auch ausgewiesene Fußballhasser nicht herumkommen: "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen - Rahn schießt…Tor! Tor! Tor! Tor!" Kommentator Herbert Zimmermann war nach Helmut Rahns Siegtreffer zum 3:2 im Weltmeisterschafts-Finale 1954 selig - und mit ihm ganz Deutschland.

Archivbild: Fritz Walter und Ferenc Puskás geben sich vor dem Endspiel 1954 die Hand. (Rechte: dpa)

Die Kapitäne Puskás (rechts) und Walter vor dem Finale

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Über Saarbrücken und Oslo nach Bern

Der Weg zur Weltmeisterschaft (WM) 1954 war für die erst fünf Jahre zuvor gegründete Bundesrepublik nicht besonders beschwerlich. Drei Siege und ein Unentschieden hatten die Deutschen in der Qualifikation gegen das Saarland und Norwegen geschafft, und damit das WM-Ticket souverän gelöst. Doch die Reise in die Schweiz war für die Elf von Bundestrainer Sepp Herberger trotzdem etwas Besonderes. Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg nahm eine deutsche Nationalmannschaft wieder an einer WM teil, vom Turnier 1950 waren die Deutschen noch ausgeschlossen gewesen.

Das 4:1 gegen die Türkei in Bern war also das erste WM-Endrundenspiel der Deutschen seit dem Achtelfinal-Aus 1938 gegen die Schweiz. Es war der erste von fünf Siegen auf dem Weg zum Titel. Zwar kassierten die Männer um Kapitän Fritz Walter im zweiten Vorrundenspiel eine satte 3:8-Niederlage gegen den späteren Finalgegner Ungarn - die bis heute höchste WM-Niederlage einer deutschen Mannschaft. Doch dank eines aus heutiger Sicht kruden Modus reichte den Deutschen ein zweiter Sieg im Entscheidungsspiel gegen die Türken, um ins Viertelfinale einzuziehen.

Kleiner Ort an einem See in den Bergen. (Rechte: Interfoto)

Spiez am Thuner See

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Der Geist von Spiez

Dass die deutsche Mannschaft in die K.o.-Runde kam, war schon ein Erfolg. Als Favoriten galten Titelverteidiger Uruguay, Brasilien und die starken Ungarn um ihren Star Ferenc Puskás, Deutschland prophezeiten die Experten einen relativ kurzen Aufenthalt in der Schweiz. Als Quartier hatte Sepp Herberger den kleinen Ort Spiez am Thuner See ausgewählt, weil er sich dort eine ruhige und störungsfreie Vorbereitung auf die Spiele versprach. Im Hotel "Belvedere" wurde aus der Nationalmannschaft die von Herberger angestrebte eingeschworene Gemeinschaft - der "Geist von Spiez" wurde fester Bestandteil des Wunders von Bern.

Fast hätten die Deutschen erst gar nicht Quartier in Spiez beziehen können, denn im Belvedere waren bis dahin hauptsächlich Niederländer zu Gast. Und die hatten nur wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch keine Lust auf deutsche Zimmernachbarn. Letztlich ließ sich der Hotelier aber doch umstimmen, die Niederländer zogen aus. Trainer Herberger führte im Belvedere ein strenges Regiment: "Das, was er angeordnet hat, galt. Es durfte sich keiner selbstständig ein Glas Bier bestellen", erinnerte sich später Ersatztorwart Heinrich Kwiatkowski.

Der ungarische Torwart Grosics hechtet vergeblich dem Ball hinterher. (Rechte: dpa)

Das entscheidende Tor

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Erst Schützenfest, dann Favoritensturz

Ihr Viertelfinale gewannen die Deutschen mit 2:0 gegen Jugoslawien, ein ziemlich ungewöhnliches Ergebnis für dieses Turnier - ungewöhnlich normal. Viele Resultate der Weltmeisterschaft 1954 lesen sich eher wie Eishockey-Ergebnisse: Ungarn - Korea 9:0, Uruguay - Schottland 7:0, England - Belgien 4:4, Österreich - Schweiz 7:5. Mit durchschnittlich mehr als 5,3 Treffern pro Spiel ist das Turnier in der Schweiz bis heute die torreichste WM. Auch der Halbfinal-Erfolg der deutschen Mannschaft gegen den Nachbarn aus Österreich war ein Torfestival. Mit 6:1 wurden die Österreicher vom Platz geschickt, die sich später immerhin gegen Uruguay den dritten Platz sicherten.

Im Endspiel warteten nun am 4. Juli 1954 die Ungarn, die Übermannschaft der damaligen Zeit. Bis zum WM-Finale im Berner Wankdorfstadion hatte das Team um Trainer Gusztáv Sebes 32 Mal nicht verloren. 1952 waren die Ungarn Olympiasieger geworden, ein Jahr später hatten sie die Engländer mit 6:3 gedemütigt und als erste Mannschaft vom Festland im berühmten Londoner Wembley-Stadion gewonnen. Die Ungarn waren also klarer Favorit und wurden dieser Rolle sehr schnell gerecht. 2:0 lagen die Deutschen bereits nach acht Minuten hinten, kamen aber ebenso schnell wieder zurück: Nach 18 Minuten hieß es 2:2. Dabei blieb es bis zur 84. Minute, bis Helmut Rahn das 3:2 erzielte und Kommentator Zimmermann zur Ekstase trieb.

Archivbild: Fritz Walter in der offenen Tür eines Zugwaggons mit dem Weltmeisterpokal. (Rechte: dpa)

Da ist das Ding! Fritz Walter mit dem Pokal

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Triumphzug und Papstaudienz

Immer wieder - auch heute noch - wird von allen Seiten betont, dass der Sieg von Bern mehr als nur ein sportlicher Erfolg für Deutschland war. Knapp zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges durften sich die Deutschen wieder gemeinschaftlich über ein Ereignis freuen, ohne gleich in den Verdacht des Nationalismus zu geraten. Der WM-Gewinn fiel in eine Zeit, als es in der Bundesrepublik wieder merklich aufwärts ging: Das "Wunder von Bern" gesellte sich zum ebenso erstaunlichen Wirtschaftswunder hinzu, das in den 50er Jahren die Republik beflügelte. Nach dem Sieg von Bern sagten viele Deutsche stolz: "Wir sind wieder wer."

Die "Helden von Bern", wie die Mannschaft um Fritz Walter von nun an genannt wurde, erwartete in Deutschland ein triumphaler Empfang. Erst ging es mit dem Zug zurück über die Grenze, vorbei an den jubelnden Massen, die an jedem Bahnhof warteten. Beim Empfang in München begleiteten dann rund 300.000 Menschen den Autokorso der Nationalelf. Fritz Walter schrieb über den Triumphzug später: "So viel Liebe! So viel Begeisterung! Das haben wir nicht erwartet!" Die Helden von Bern waren von nun an Stars der jungen Bundesrepublik, bekamen neben ihrer bescheidenen Siegprämie von 1000 Mark viele Geschenke wie zum Beispiel einen Roller oder einen Kühlschrank. Nicht einmal der Papst konnte sich dem Heldenruhm entziehen. Zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 1956 lud Pius XII. die Mannschaft in den Vatikan ein.

Johannes Eberhorn, Stand vom 10.09.2010

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