Interview mit Manfred Breuckmann
Planet Wissen (PW): Was haben Sie vor der WM 2006 von der deutschen Mannschaft sportlich erwartet?
Manfred Breuckmann (M.B.): Ich erinnere mich noch sehr gut an den 1. März 2006, als die deutsche Mannschaft in Florenz gegen Italien eine Klatsche erhielt. Da war meine Erwartungshaltung ehrlich gesagt nicht besonders hoch. Obwohl Klinsmann und Löw immer abwiegelten, dass alles nur Vorbereitung sei. Ich habe mir sportlich vom deutschen Team nicht allzu viel versprochen.
Manfred Breuckmann in Aktion (0'51'')
PW: Dann war am 9. Juni das Eröffnungsspiel gegen Costa Rica. Haben Sie da bereits geahnt, dass in der Mannschaft mehr steckt?
M.B.: Es brach ja mit dem Eröffnungsspiel sozusagen eine gewaltige Woge los, und als die deutsche Mannschaft dann sofort mit einer schönen Leistung gewann, dachte ich schon: Da kann noch etwas Schönes aus der Mannschaft werden.
PW: Wie beurteilen Sie das Team 2006 im Vergleich zu den vielen anderen Nationalteams der Jahre davor?
M.B.: Das Team 2006 zeichnete von Beginn des Turniers an aus, dass es nach vorne spielte. Die Mannschaft hat nie abgewartet, was passiert, sondern die Initiative ergriffen. Eine Linie, die von Jogi Löw weiterhin auch konsequent verfolgt wird. Das Team 2006 signalisierte auch besonders mit seiner Körpersprache: Hallo, hier sind wir, wir haben keine Angst, wir greifen an und wollen gewinnen. Das war neu. So kannte man die deutschen Fußballer bisher nicht. Meistens haben die Deutschen bei einem Spiel in den ersten 30 Minuten erstmal geschaut und abgewartet, wie der Gegner sich verhält, und dann reagiert. Plötzlich agierten die Deutschen - und zwar von der ersten Minute an. Da haben Klinsmann und Löw das Team völlig anders eingestellt, als die Trainer in den Jahren davor.
PW: Was genau haben Klinsmann und Löw anders gemacht?
M.B.: Sie haben erstens wirklich moderne Trainingsmethoden eingeführt, auch wenn im Vorfeld viel gelacht wurde über Gummibänder und Ähnliches. Das waren ja nur Randerscheinungen. Tatsächlich wurde sehr sportlich und modern trainiert. Außerdem wurde großer Wert auf das mentale Training gelegt. Das Allerwichtigste war dabei: Die Trainer haben der Mannschaft einen anderen Geist eingehaucht, den Offensivgeist. Dazu waren Klinsmann und Löw risikobereit. Sie haben sich etwas getraut, indem sie Ungewohntes und Neues ausprobierten, gerade auch was die Taktik anging. Da haben sie gefährliche Drahtseilakte gewagt.
PW: Ein Beispiel bitte.
M.B.: Es ist ja kein Zufall, dass Michael Ballack bei dieser WM kein Tor geschossen hat. Das heißt: Die Trainer haben erkannt, dass man offensiv spielen muss, aber auch nicht zu offensiv spielen darf. Das ist auch eine Lehre aus dem Desaster des Vorbereitungsspiels gegen Italien. Also hat man die Rolle von Ballack etwas defensiver angelegt als bisher, und alle mussten sich entsprechend umorientieren.
PW: Das Trainergespann Klinsmann/Löw setzte auch besonders auf junge Spieler. Ist das ebenfalls Teil ihres Erfolges?
M.B.: Da muss man fairerweise sagen, dass früher nicht immer so ein Reservoir an jungen Spielern zur Verfügung stand. Da profitierte das Team 2006 auch von der erfolgreichen Nachwuchsarbeit vieler Trainer.
PW: Was war für Sie die größte Leistung des deutschen Teams?
M.B.: Das war ganz klar das unglaublich spannende, nervenzerreißende Spiel gegen Argentinien, wo das Team eine sagenhafte mentale Stärke und einen großen Siegeswillen gezeigt hat. Ich habe das Spiel selbst kommentiert und war vor dem Elfmeterschießen schon erledigt.
PW: Hätten Sie der Mannschaft und Torwart Jens Lehmann so ein erfolgreiches Elfmeterschießen zugetraut?
M.B.: Ich saß selbst 1997 im San-Siro-Stadion in Mailand, als Schalke Uefa-Pokal-Sieger wurde und Lehmann damals auch der große Elfmeterkiller war. Also der hat auf jeden Fall das Potenzial und er hat es bei der WM mal wieder bewiesen. So wie die gesamte Mannschaft und das Trainergespann auch ihr Potenzial zeigten, indem sie nie aufhörten zu kämpfen.
Interview: Marika Liebsch, Stand vom 03.07.2007





