Kletter- und Schlingpflanzen
Ein Platz an der Sonne
Wenn Pflanzen in die Höhe klettern, haben sie nicht die gute Aussicht im Sinn: Ihr Ziel ist das Licht, der Platz an der Sonne. Denn Licht ist ein wichtiger Faktor, um Fotosynthese zu betreiben, Energie zu tanken, zu wachsen, kurzum: zu überleben. Egal ob Grashalm, Rosenstrauch oder Buche - alle Pflanzen streben ans Licht. Um ans Licht zu gelangen, investieren Bäume dabei einen wesentlichen Teil ihrer Kraft in den Aufbau von Stämmen. Kletterpflanzen haben eine ganz andere Strategie entwickelt. Sie wachsen mit Hilfe von Bäumen und Sträuchern, Mauern und Zäunen der Sonne entgegen. Um beweglich zu bleiben, können Kletterpflanzen kein Holz einlagern. Erst im Alter kann ihr Stamm verholzen, wie etwa bei Efeu und Glyzinie. Vor allem in den tropischen Regenwäldern, wo Licht selten ist, gibt es vielfältige Formen der kletternden Überlebenskünstler. Fast jeder kennt die sich schlingende und schwingende Liane.
Schlingen, ranken, klettern
Um senkrechte, nicht selten auch glatte Flächen zu bezwingen, nutzen Kletterpflanzen unterschiedliche Techniken: Es gibt elegante Schlinger, robuste Ranken- und Wurzelkletterer und raffinierte Spreizklimmer.
Schlingpflanzen umschlingen - wie der Name schon sagt - mit ihren jungen Trieben Zweige, Stäbe, Zäune oder andere Stützen. Die Zellen der Sprossachsen sind wie eine Wendeltreppe angeordnet. Auf Berührungsreiz wird Wasser von den inneren zu den äußeren Zellen verlagert. Dadurch verdickt sich der Trieb und krümmt sich jeweils zum Schwerpunkt, wobei er sich zum Licht wendet. Die Winder, wie sie auch genannt werden, können sich entweder rechts- oder linksherum drehen. Rechtsschlinger sind Winden, Schlingknöterich, Geißblätter, Blauregen und Bohne. Zu den Linksschlingern zählen Hopfen und Schmerwurz.
Rankenkletterer bilden aus Blättern oder Sprossen Ranken mit spezieller Greif- und Haltefunktion. Sie bevorzugen Kletterhilfen wie Drähte und Schnüre, die sie umfassen. Zur Gruppe der Ranker gehören beispielsweise Clematis, Passionsblume oder Echter Wein.
Wurzelkletterer benötigen kein Klettergerüst, sie verankern sich mit speziellen Haftwurzeln an der Unterlage. Voraussetzung dafür ist allerdings ein gewisses Maß an Feuchtigkeit und Rauigkeit der Kontaktstelle. Der sicherlich bekannteste heimische "Klettermaxe" ist der Efeu, weitere Arten sind Klettertrompete und Kletterhortensie. Ebenfalls beliebt sind Kletterrose und Brombeere, sie gehören zu den Spreizklimmern. Mit ihren langen Trieben verflechten sie sich in andere Sträucher oder Baumkronen und verhaken sich dort mit Stacheln oder Dornen.
Vom Weinspalier zur blühenden Fassade
Dass der Mensch die Fähigkeit von Kletterpflanzen, an Wänden und Mauern emporzuwachsen, nutzt, um damit Haus und Garten zu verzieren, ist keine Erscheinung unserer Zeit. Bereits in der Antike gab es weinberankte Wandelgänge, die als Schattenspender genutzt wurden. Bei den Griechen galt Efeu als heilige Pflanze, und in den Gärten des alten Roms kultivierte man kletternde Rosen. Mit den Römern gelangte auch die Weinrebe nach Mitteleuropa. Die veredelte Kletterpflanze wurde zu einer wichtigen Nutzpflanze: Weinstöcke gab es nicht nur in Weinbergen, sondern auch vor Bauern- und Bürgerhäusern, in Burg- und Klostergärten. Im 16. Jahrhundert kamen rankende und sich schlingende Gewächse in der europäischen Gartenkunst groß in Mode: bewachsene Pergolen, Lauben, Spaliere und Rosenbögen waren ein Muss in allen Garten- und Parkanlagen. Mit der Entdeckung neuer Kontinente gelangten auch exotische Klettergewächse aus Übersee nach Europa. Während im 17. und 18. Jahrhundert vor allem Pflanzen aus Nordamerika Einzug hielten, zum Beispiel Wilder Wein, folgten im 19. Jahrhundert Arten aus Asien, zum Beispiel der Schlingknöterich. Ende des 19. Jahrhunderts begann man mehr und mehr, insbesondere zwecks Verschönerung, mit der Begrünung von Häusern und Villen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde vor allem aufgrund hygienischer und baulicher Bedenken die Fassadenbegrünung weitestgehend eingestellt. Erst in den letzten Jahrzehnten führten ökologisches Denken und ein erhöhtes Umweltbewusstsein wieder zu mehr "Grün in der Stadt" sowie zu Fassaden- und Dachbegrünungen.
Susanne Wagner, Stand vom 01.06.2009






