"Trimm Dich"
Kampf den Wohlstandsbäuchen
Rund 250.000 Herzinfarkte pro Jahr, zunehmende Kreislauferkrankungen und Früh-Pensionierungen: Ende 1969 schlugen die bundesdeutschen Krankenkassen Alarm. Ein Drittel der Männer und 40 Prozent der Frauen hatten durchschnittlich sieben Pfund Übergewicht. Das waren die besorgniserregenden Schattenseiten des Wirtschaftswunders in der Bundesrepublik.
Daher startete der "Deutsche Sportbund" (DSB) am 16. März 1970 eine großangelegte Werbeaktion: "Trimm Dich - durch Sport!" Die Idee stammte aus Finnland: Auf zig Tausenden Plakaten warb ein fröhliches Männchen namens "Trimmy" mit hochgerecktem Daumen bundesweit für mehr Bewegung. Die Aktion war zunächst auf vier Jahre angelegt. Unterstützt wurde der DSB von Politik, Krankenkassen und zahlreichen Sponsoren aus der Wirtschaft.
Sport für alle
Die "Trimm-Dich-Aktion" traf mitten ins Schwarze: Schon im Laufe des Jahres 1970 war sie bei 60 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung bekannt. Auch die Sportvereine erhielten großen Zulauf: 1970 waren nur 10, 1 Millionen Westdeutsche (17 Prozent) Vereinsmitglieder. Diese Zahl schnellte innerhalb von zehn Jahren auf 17 Millionen in die Höhe (28 Prozent). Und eine EMNID-Umfrage ergab 1973, dass weitere 44 Prozent der Gesamtbevölkerung außerhalb der Vereine Sport trieben. Glaubt man also den Umfragen, waren Mitte der 70er Jahre über 70 Prozent der Bevölkerung sportlich aktiv.
Dauerlauf und Klimmzüge
"Trimm Dich" - das bedeutete vor allem Dauerlauf, Gymnastik, Turnen und Kraftsport, vorzugsweise auf etwa drei bis vier Kilometer langen Rundkursen durch Wald und Feld. Diese "Trimm-Dich-Pfade" boten - im Abstand von jeweils etwa 200 Metern - mehrere einfach und robust gestaltete Trainings-Stationen, zum Beispiel Stangen für Klimmzüge oder Baumstümpfe zum Hüpfen und für Bocksprünge. Kleine weiße Figuren auf zumeist hellblauen Tafeln erklärten dem fleißigen Trimmer die Übung. Dazu gab es Broschüren. Wer kräftig geschwitzt hatte, konnte hier seine Trainingseinheit notieren.
Sportbegeisterung durch Olympia 1972
Die Olympischen Sommerspiele 1972 lösten in der Bundesrepublik eine große Sport-Begeisterung aus. Zwar trübte der blutiger Terroranschlag auf das Olympische Dorf das weltweit verbreitete Bild von den "heiteren und harmonischen Spielen". Dennoch fühlten sich die Deutschen nach Olympia mehr zur "Trimm-Dich-Bewegung" hingezogen als je zuvor. Ihr Bekanntheits-Grad erreichte in der Bundesrepublik 1972 sensationelle 93 Prozent.
"Schwimm mal wieder!" - "Fahr mal wieder Rad!" - "Kick mal wieder!" Eine Welle der Bewegung schwappte über die Bundesrepublik, lange bevor es Aerobic, Stretching, Walking oder Mountain-Bikes gab. Jede Gemeinde, die etwas auf sich hielt, legte einen "Trimm-Dich-Pfad" an. Der Effekt war groß und es kostete nicht viel, zumal die Krankenkassen anfangs als Sponsoren auftraten.
Willkommene Abwechslung
Während der 70er Jahre waren die "Trimm-Dich-Pfade" recht beliebt. Ihr Charme: Unabhängig von Gruppen- oder Vereinszwang konnte jeder - ganz für sich - seine Fitness verbessern. Vor allem für Menschen, die den ganzen Tag im Büro arbeiteten, eine Wohltat. Denn längst nicht jeder, der einen Bürojob hatte, hatte die Zeit regelmäßig am Vereinsleben teilzunehmen. Aber auch viele Jugendliche genossen die sportliche Abwechslung im Wald oder versuchten zusätzlich zum Vereinssport ihre Kondition zu verbessern. Eltern brachten ihren Kindern die Übungen bei. Lehrer entführten ihre Schulklassen zum Sport in die Natur - bei Wind und Wetter.
Verwitternde Pfade
Aber auch der Sport ist Moden und Trends unterworfen - abgesehen von "König Fußball", dessen Beliebtheit kaum irgendwelchen Schwankungen unterworfen ist. Die "Trimm-Dich-Bewegung" kam in die Jahre. Manche Stangen im Wald rosteten, Täfelchen verblichen, Holzklötze moderten.
Trotzdem gibt es auch heute noch Hunderte funktionierende "Trimm-Dich-Pfade" in Deutschland. Viele ehrenamtliche Sport-Freunde halten sie in Schuss. Aber die Pfade brauchen Pflege, und das kostet Geld. Geld, das längst nicht jede Stadt zur Verfügung hat. Ein Teufelskreis, denn ungepflegte Anlagen werden immer seltener genutzt.
"Joggen" statt "Trimmen"
Sind "Trimm-Dich-Pfade" aus der Mode gekommen? Heute, über 30 Jahre nach dem Start der Bewegung, laufen mehr Leute durch den deutschen Wald als je zuvor. Doch nur wenige "Jogger" kommen auf die Idee dabei Klimmzüge zu machen oder an Stangen entlang zu hangeln. Aber trotz aller Trends und Mode-Erscheinungen: Zu den beliebtesten Sportarten gehören nach wie vor "klassische" Disziplinen wie Gymnastik, Dauerlauf, Radfahren oder Schwimmen. Zehntausende nehmen regelmäßig an Stadtmarathons, Volksläufen und -wanderungen teil und besuchen öffentliche Hallen- und Freibäder.
Claudia Kracht, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Die Geschichte des Laufens - Vom aufrechten Gang zum Ultramarathon, 02.12.2008







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