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Interview: Druck im Leistungssport

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Druck im Leistungssport

Der Hochleistungssport ist sein Metier. Seit rund 25 Jahren trainiert der Sportwissenschaftler Dr. Norbert Stein Athleten im Spitzensport. Unter anderem betreut er die Frauen-Fußball-Nationalmannschaft. In erster Linie ist Stein aber Dozent an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Auch dort ist er als Spitzensportbeauftragter Ansprechpartner für Top-Athleten, die ihr Studium und den Leistungssport unter einen Hut bringen wollen.

Unsere Videos können Sie mit dem Macromedia Flash-Player ab der Version 8.0 ansehen. Den neuesten Flash-Player können Sie beim Hersteller Adobe unter folgender Adresse kostenlos downloaden:
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Leistungsdruck im Spitzensport (5'59'')
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Planet Wissen (PW): Wenn man als Sportler an der Spitze angekommen ist, steht man unter einem großen Leistungsdruck. Von welchen Seiten kommt der zum Beispiel?

Norbert Stein (N.St.): Es gibt hier Drucksituationen ganz unterschiedlicher Art. Zum einen gibt es den Leistungsdruck, den sich ein Sportler selbst auferlegt. Zum anderen wird Druck vom System Leistungssport mit all seinen Facetten ausgeübt. Hierzu gehört unter anderem auch, dass Sportler unter möglichst professionellen Bedingungen agieren wollen, um ihre Ziele zu erreichen. Dies ist zumeist nur durch die Unterstützung von Sponsoren zu erreichen. Das wiederum bedeutet, dass der Sponsor mit seinem Einsatz Erwartungshaltungen verknüpft und seinen Nutzen aus der Verbindung ziehen will. Konkret heißt das, er will "seinen" Sportler dann auch werbemäßig präsentieren können, möglichst mit der Goldmedaille um den Hals.

Spielerinnen der Frauen-Fußball-Nationalmannschaft auf dem Feld. (Rechte: Imago Sportfotodienst)

Stein betreut die Frauen-Fußball-Nationalmannschaft

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PW: Sie führen mit Ihren Sportlern regelmäßig Leistungstests durch. Entsteht hierdurch nicht auch ein gewisser Druck?

N.St.: Natürlich ist das ein Druck für den einzelnen Sportler. So etwas machen wir ja in der Frauen-Fußball-Nationalmannschaft auch. Ich verstehe das aber eher als eine Hilfe für die Spielerinnen. Wir versuchen das im Team so zu sehen und so zu steuern, dass wir sagen: Welche Erkenntnisse können wir daraus ziehen, und wie kann ich dir jetzt konkret in deinem Training helfen?

Natürlich lässt sich letztendlich die dadurch entstehende Drucksituation nicht wegdiskutieren, weil sich ein Sportler zu einem bestimmten Zeitpunkt messen lassen muss. Und es fragt ihn keiner an diesem Zeitpunkt: Wie hast du geschlafen? Wie bist du heute drauf? Hast du das Beste in diesem Leistungstest abgeliefert? Und dann hat er noch andere um sich herum, die auch alle in die Mannschaft oder sogar auf seine Spielposition wollen. Insofern provoziert dann natürlich auch eine solche Leistungsüberprüfung ein gewisses Druckelement. Das ist ganz klar.

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Körperliche Belastungen (2'49'')
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PW: Mit einem gewissen Druck muss man wahrscheinlich als Leistungssportler auch umgehen können, oder?

N.St.: Genau das ist sehr wichtig für ihn. Ein Leistungssportler muss lernen, entsprechenden Drucksituationen in Training und Wettkampf, aber auch in seinem normalen Alltag standzuhalten. Er hat zu lernen, diesen Druck in der für ihn richtigen Weise zu interpretieren und zu kanalisieren. Beispielsweise den Druck, der durch die Medien ausgeübt wird. Der kann natürlich auch ab einem gewissen Punkt übermächtig werden. Trainer im Bundesliga-Fußball erleben das ja nicht selten. Das kann so weit gehen, dass sie sagen: Das mache ich nicht mehr. Da werfe ich lieber das Handtuch.

PW: Wie verbreitet sind denn psychische Probleme im Leistungssport?

N.St.: Mehr als wir denken. So wie es körperliche Probleme gibt, zum Beispiel Verletzungen muskulärer Art oder Gelenkverletzungen, gibt es selbstverständlich auch psychische Beeinträchtigungen. Es ist nur leider immer noch so, dass Sportler damit nicht offen genug umgehen, weil sie sich damit den Anstrich geben, den mentalen Anforderungen nicht gewachsen zu sein, nicht so zu "ticken", wie der Leistungssport beziehungsweise seine direkte Umwelt es verlangt. Dann heißt es meinetwegen innerhalb einer Mannschaft sehr schnell: "Was ist denn mit dem los? Der soll ja mal zum Psycho gehen." Das hat in vielen Kreisen immer noch so einen gewissen "Touch".

Ich denke, es gibt zudem viele Sportler, die konkret unter depressiven Zuständen leiden oder auf depressives Verhalten zusteuern und das erst einmal selbst erkennen müssen. Das ist häufig eine Sache, die eine jahrelange Genese hat. Ich glaube, auch ein Robert Enke hat sehr lange gebraucht, bis er selbst erkannt hat, in welchem Zustand er ist. Und dann ist die nächste Frage, wie man sich helfen lassen will.

PW: Wie ist denn in solchen Fällen die Betreuung im Spitzensport? Wer fängt die Sportler auf? Ist es mittlerweile die Regel, dass Psychologen im Betreuungsteam sind?

N.St.: Nein, das ist nicht die Regel. Unter anderem deshalb, weil das auch eine sehr kostenaufwändige Geschichte ist. Kleinere Sportverbände oder Vereine  können sich das oft nicht erlauben.

Für die Top-Sportler in Deutschland greift aber eine sehr gute Einrichtung, die sogenannten Olympiastützpunkte, die flächendeckend über das ganze Land eingerichtet wurden. Man muss sich das als Servicestationen für Kaderathleten vorstellen. Diese Olympiastützpunkte arbeiten sehr eng mit Sportpsychologen zusammen, die für die Betreuung der Sportler bereitstehen.

PW: Hat sich denn seit Robert Enkes Selbsttötung etwas geändert? Was würden Sie sich wünschen?

N.St.: Ich glaube, es ist noch zu früh, um das beurteilen zu können. Jedenfalls hat dieser traurige Fall die Diskussion über psychische Probleme im Sport in Gang gebracht. Was ich mir wünschen würde, wäre das Lernen aus diesem Geschehen. Lernen dergestalt, dass man zum Beispiel in bestimmten Zusammenhängen offener mit diesen Problemen umgehen kann. Zumindest im Spitzenfußball ist es noch unmöglich, sich Mannschaftskameraden oder dem Trainer gegenüber zu öffnen, weil man dann schnell in eine bestimmte Ecke abgedrängt wird oder das nötige Vertrauen verliert.

Der Sport ist nun einmal ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und es ist nur allzu naheliegend, dass menschliche Probleme, die sich anderweitig genauso darstellen, auch im Sport immanent sind. Sportler sind ja keine anderen Menschen. Wir dürfen hier auch nicht nur an das Thema Depressionen denken. Es gibt auch weitere Erkrankungen oder Zustände, die einer psychologischen Unterstützung bedürfen, vielleicht in größerem Umfang, als wir schlechthin vermuten. Insofern kann der bedauerliche Anlass Robert Enke eine Chance sein, dass man sich darauf besinnt, in diesem Bereich die Unterstützung beziehungsweise Hilfestellung weiter auszubauen.

Interview: Martina Schuch, Stand vom 20.05.2010

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