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Interview: Reittherapie

Constanze Werth ist seit ihrer Kindheit eine Pferdenärrin, und ihr war schon früh klar, dass ihr Beruf etwas mit Tieren zu tun haben muss. Deshalb hat die Diplom-Pädagogin neben ihrem Studium eine Zusatzausbildung im heilpädagogischen Reiten gemacht und bietet diese Form der Therapie an. Im Interview mit Planet Wissen spricht die 32-Jährige über ihre Pferde als Partner in der Therapie, welche Eigenschaften ihre Tiere haben müssen und was ihr bei ihrer Arbeit besonders wichtig ist.

Constanze Werth sitzt mit zwei Hunden auf einer Parkbank. (Rechte: Constanze Werth)

"Der Mensch wird beim heilpädagogischen Reiten ganzheitlich angesprochen"

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Planet Wissen (PW): Frau Werth, was versteht man unter Reittherapie?

Constanze Werth (C.W.): Die Reittherapie gliedert sich in drei Bereiche: heilpädagogisches Reiten, Reitsport für Behinderte und Hippotherapie. Letzteres ist Krankengymnastik auf dem Pferd, das machen vor allem Krankengymnasten mit einer Zusatzausbildung. Heilpädagogisches Reiten bieten die Berufsgruppen der Pädagogen und Psychologen an. Und beim Bereich Sport für Behinderte geht es darum, dass Menschen mit Behinderungen das Reiten als Sport ausüben - wie man es auch bei den Paralympics sieht. Rein theoretisch läuft eben alles unter dem Begriff therapeutisches Reiten beziehungsweise Reittherapie.

PW: Sie bieten also heilpädagogisches Reiten an.

C.W.: Genau. Ich bin von Beruf Diplom-Pädagogin und habe dann über zweieinhalb Jahre die Zusatzausbildung im heilpädagogischen Reiten gemacht. Ich reite schon sehr, sehr lange. Mit zwölf habe ich ein Pferd bekommen und habe mich auch immer ziemlich intensiv damit beschäftigt. Irgendwann habe ich dann mal im Stall gestanden, und da hat eine Frau heilpädagogisches Reiten gemacht. Erst habe ich gedacht: "Die macht ja gar nicht so viel mit den Kindern", weil sie auch mit ihnen im Wald spazieren ging. Dann habe ich mich aber ein paar Mal mit ihr unterhalten, ihre Arbeit kennengelernt und fand es sehr spannend. Mir war auch schon früh klar, dass ich etwas mit Tieren und Menschen machen wollte.

Das Bild zeigt einen Jungen, der freihändig auf einem Pferd reitet, das an der Longe geführt wird. (Rechte: WDR)

Auch Constanze Werth hat Patienten mit dem Down-Syndrom

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PW: Beschreiben Sie doch bitte einmal, was heilpädagogisches Reiten ist.

C.W.: Heilpädagogisches Reiten ist eine individuelle Förderung des Menschen über das Medium Pferd. Der Mensch wird ganzheitlich angesprochen, und der Umgang mit dem Pferd bietet unterschiedliche Förderziele. Eine Therapie-Stunde bei mir fängt zum Beispiel damit an, dass man das Pferd von der Wiese holt. Es gehört auch dazu, dass man das Pferd führt, pflegt und füttert. Natürlich ist ein Teil das Reiten, aber darauf liegt nicht unbedingt der Hauptfokus. Wichtig ist der ganze Umgang mit dem Pferd, die Beziehungsarbeit. Grundsätzlich ist das heilpädagogische Reiten als Fördermaßnahme für Menschen gedacht, die verschiedene Störungen haben - körperlicher, geistiger, seelischer oder sozialer Art. Ich habe also ganz unterschiedliche Patienten, aber vom Alter her sind es überwiegend Kinder und Jugendliche.

PW: Welche Rolle spielt das Pferd in der Therapie?

C.W.: Das Pferd hat einfach diese Besonderheit, dass es tragen kann. Getragen zu werden, sich schaukeln zu lassen - das ist für viele der Kinder, die zu mir kommen, etwas, bei dem sie Nachholbedarf haben. Da setzt man dann noch mal - im heilpädagogischen Sinne - beim Vor-Geburtlichen an. Außerdem nimmt das Pferd jeden erst einmal bedingungslos an und sagt nicht: Du siehst komisch aus, du siehst nicht aus wie die Norm. Wenn man positiv auf das Tier zugeht, reagiert es auch positiv. Es bestärkt den Menschen darin, dass er in Ordnung ist, so wie er ist. Und so wird das Selbstbewusstsein gestärkt. Für manche Kinder ist auch gar nicht das Reiten das Wichtigste, sondern zum Beispiel das Füttern. Ich denke da an ein Mädchen, das wegen einer Behinderung nicht laufen kann. Für sie war es ganz wichtig, endlich mal selbst etwas zu machen. Aus diesem Passiven heraus - man kümmert sich immer um mich - jetzt tue ich aktiv etwas für jemanden.

PW: Was für Eigenschaften müssen die Pferde mitbringen?

C.W.: Auf jeden Fall müssen die Pferde eine grundsolide Ausbildung haben - vom Boden aus und im Reiten. Die Pferde müssen die Arbeit mit dem Patienten gerne machen, zugewandt sein. Insgesamt funktioniert das aber nur, wenn sie auch einen vernünftigen Ausgleich zu den Therapiestunden haben, also man mit ihnen ausreitet, sie auf der Weide ihrem Herdentrieb nachgehen lässt, ihnen genug Pausen gönnt. Es ist ein Trugschluss, dass es immer ein ganz, ganz liebes Pferd sein muss. Natürlich muss es ein sicheres Pferd sein, so würde ich es beschreiben. Es soll aber seinen Charakter haben.

Im heilpädagogischen Reiten ist es am besten, wenn man mehrere Pferde mit unterschiedlichen Charakteren und Größen hat. Einem Jungen, der sehr viel Angst hatte, habe ich angeboten, dass er sich meine Pferde erst mal anguckt. Dann habe ich sie laufen lassen, er hat sie sich angeguckt und hat dann gesehen, dass eins langsamer läuft und sich dann dafür entschieden. Nachdem er eine Zeit bei mir in der Therapie war, liebäugelte er immer mehr mit einem schnelleren Pferd. Da habe ich gesagt: Guck mal, am Anfang hast du dir das gar nicht zugetraut. Da war er richtig stolz und hat selbst gesehen, was er geschafft hat.

PW: Bilden Sie die Pferde selbst aus?

C.W.: Ja. Mir ist es wichtig, Pferde auch wirklich zu kennen, damit ich sie einschätzen kann. Dann weiß ich, wie das Pferd auf bestimmte Dinge reagiert, was für es nicht in Ordnung ist. Das Pferd ist ja der Partner in der Therapie. Ich merke immer wieder bei meinen Pferden, dass sie nie fertig ausgebildet sind. Wenn ein neuer Patient zu mir kommt und ich möchte mit ihm etwas Spezielles machen, dann muss ich das den Pferden erst mal zeigen. Einem meiner Pferde habe ich zum Beispiel Fußballspielen beigebracht, weil ein Kind das so gerne machte. Da haben die beiden dann mit einem riesigen Gymnastikball Fußball gespielt. Die Pferde können nach und nach immer mehr. Man muss einfach kontinuierlich und mit Geduld trainieren.

PW: Was ist Ihnen bei Ihrer Arbeit persönlich wichtig?

C.W.: Mir ist es bei meiner Arbeit mit den Menschen wichtig, zu begleiten und Vertrauen zu schenken. Diese Beziehungsarbeit ist mir sehr wichtig - zu sehen, dass das Pferd ein Partner ist und nicht nur benutzt wird. Ich habe da außerdem einen schönen Spruch von Goethe gefunden: "Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben." Gerade behinderte Menschen brauchen Selbstvertrauen - und das will ich den Menschen, die zu mir kommen, mitgeben: Vertrauen in sich selbst, Selbstwertgefühl. Ich versuche, ihre Handlungskompetenz durch die Therapie zu erweitern und dadurch Lebensfreude und Lebensqualität zu halten oder zu steigern. Ich sage nicht: Wir machen heute das und das, sondern biete den Menschen verschiedene Auswahlmöglichkeiten an - damit sie einfach merken: Ich bin kompetent, ich kann das selbst entscheiden.

Interview: Alexandra Stober, Stand vom 27.05.2009

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