Spielen
Am Anfang war das Spiel
Warum spielen wir gerne eine Partie Schach, treffen uns zur Skatrunde oder puzzeln stundenlang vor uns hin? Ist Spielen sinnvoll, oder ist das Spiel eine Art "intelligentes Abfallprodukt" des menschlichen Wesens, ein überflüssiger Zeitvertreib, der uns bei der Freizeitgestaltung hilft? Spiele zu spielen gehört zu den elementaren Erfahrungen unseres Lebens. Der Spieltrieb ist so tief in unsere Evolutionsgeschichte eingeschrieben, dass er längst nicht nur dem Menschen eigen ist: Auch Tiere hoch entwickelter Gattungen spielen in der Zeit, in der sie heranwachsen.
Wie viele Säugetiere spielt auch der Mensch besonders intensiv in der Kindheitsphase. Längst hat die wissenschaftliche Erforschung durch die Sozialpsychologie und Pädagogik die Bedeutung kindlichen Spielens untermauert. Das Kind spielt in erster Linie nicht aus Lustgewinn oder weil es auf diese Weise seine Freizeit gestaltet. Spielen ist vielmehr die Haupttätigkeit des Kindes, das dadurch seinen Reifungsprozess erst beginnen kann. Ohne das Spiel ist eine normale Entwicklung, die in der Persönlichkeitsentfaltung mündet, nicht denkbar. Denn der angeborene Spieltrieb führt das Kind an die Bedingungen des Lebens und die Erfassung seiner Umwelt heran. Alles, was es durch seine Sinne begreifen lernt, alles, was es sieht, hört, fühlt und schmeckt wird zum Spiel.
Spielerisch lernen heißt spielend lernen
Durch das Spiel befasst sich das Kind mit den Dingen. Es lernt sie wahrzunehmen und einzuordnen. Im Spiel ist also immer auch eine Simulation der Realität, eine Heranführung an die Gegebenheiten des Lebens enthalten, denen sich das Kind einmal stellen muss, wenn es zum Erwachsenen herangereift ist. Durch intensives Spielen entwickelt das Kind seine motorischen Fähigkeiten und schult seine kognitiven Anlagen, erst durch das Spielen lernt der kleine Mensch auch zu denken. Im Spiel werden soziale Kompetenzen erworben und Gefühle ausgebildet. Dafür finden sich im Tierreich viele Parallelen: Das Löwenjunge, das mit seinen Geschwistern umhertollt, und die Wolfswelpen, die im Spiel zubeißen ohne sich zu verletzen, sind Beispiele dafür. Die heranwachsenden Säugetiere proben auf diese Weise bereits den Ernstfall: Sie erforschen spielerisch, wie Beute gestellt, der Rang verteidigt und auf Konkurrenten Eindruck gemacht wird.
Leben, um zu spielen: spielerischer Zeitvertreib
Der Spieltrieb ist nicht nur Kindern eigen. Auch der Erwachsene findet im Spiel zurück zu seinen Ursprüngen. Menschen spielen aus Zeitvertreib, aus Lust am Spiel, aus Tradition und kulturellem Selbstverständnis heraus, aus Erziehungsgründen und natürlich auch wegen der Geselligkeit. Dabei unterscheiden sich die Spiele oft erheblich voneinander. Manche Spiele haben Wettbewerbscharakter, die Spieler messen ihre körperlichen oder geistigen Fähigkeiten und vergleichen diese miteinander. Körperliche Spiele, auch Sport genannt, begegnen uns zum Beispiel bei den Olympischen Spielen, bei der Tour de France oder der Champions League.
Menschen spielen nicht nur, sie lassen gern auch spielen und schauen dabei zu: im Stadion, aber auch im Theater und im Kino, wo Rollen vorgespielt werden. Spiele sind eine aufbauende, schöpferische Angelegenheit, die uns in der Kindheit prägt und bis ins hohe Alter hinein begleitet.
Würfeln, ziehen, schlagen
Vor vielen tausend Jahren hatten die Spiele, auf die unsere heutigen Gesellschaftsspiele zurückgehen, politischen und/oder religiösen Charakter. So diente einst die Urform des Brettspiels, auf dem Figuren bewegt werden, dem Nachstellen von Schlachten und kriegerischen Auseinandersetzungen, die die Feldherren vergangener Zeiten auf diese Weise simulieren und analysieren konnten. Die Priester früherer Kulturen lasen die Zukunft aus dem Vogelflug, aus tierischen Eingeweiden und geworfenen Knochen. Je nachdem, welche Stellung die Knochen nach dem Wurf einnahmen, glaubten die Priester, die Zukunft einschätzen zu können - was nichts anderes ist, als die Zukunft zu "erwürfeln". Ein zentrales Spielelement unserer heutigen Brettspielkultur, der Würfel, hat in diesem religiösen Ritual seine Wurzeln.
Ausgleich für die Seele
Spielkultur und Gesellschaftsspiele haben sich seit ihren Anfängen in grauer Vorzeit ständig weiterentwickelt. Wir spielen heute so viel wie nie zuvor. Das ist zunächst eine Folge unseres Wohlstands. Die Menschen vieler Kulturen in früheren Epochen hatten keine Zeit, um zu spielen. Das Spiel galt als nutzlose Tagedieberei und hatte besonders angesichts von Krieg, Elend und Not keinen Raum. Spiele, insbesondere das Glücksspiel, waren oft von staatlichen und kirchlichen Verboten belegt.
Heute verfügen wir über ungleich mehr Freizeit als unsere Vorfahren, deshalb können wir uns der Kultur des Spielens ganz anders widmen. Wir haben allerdings nicht nur mehr Zeit als früher, sondern auch mehr Geld. Wo Geld vorhanden ist und Nachfrage besteht, kann sich ein Markt etablieren; das gilt auch für den Spielemarkt. Immer mehr Menschen kaufen immer mehr und immer neue Spiele. Spieleklassiker sind bis heute zum Beispiel Schach und Backgammon, Doppelkopf, Bridge, Skat und Canasta. Daneben werden Brettspiele aller Art angeboten, es gibt Kinder-, Familien- und Erwachsenenspiele, Strategie-, Abenteuer-, Sciencefiction- und Fantasyspiele. Spieleerfinder wie Klaus Teuber und Rainer Knizia sind Koryphäen auf ihrem Gebiet. Vor allem hat sich die Brettspielkultur in Deutschland etabliert, hier existiert regelrecht eine Szene, die sich besonders seit den 1970er Jahren kontinuierlich aufgebaut hat.
Auch wenn heute mehr gespielt wird als früher und uns weit mehr Spiele zur Verfügung stehen als unseren Ahnen, sind die Beweggründe des Spielens damals wie heute die gleichen. Es ist das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Geselligkeit, das uns zum gemeinsamen Spiel, zum Gesellschaftsspiel vereint.
Gregor Delvaux de Fenffe, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Historisches Spielzeug - Von Zinnsoldaten und Puppenstuben, 14.12.2007







