Tanzen als Sport - Interview
Planet Wissen (PW): Wie viel Zeit nimmt der Tanzsport in Ihrem Leben in Anspruch?
Renata Busheeva (R.B.): Wir trainieren jeden Tag etwa drei bis vier Stunden, bis auf die Tage der An- und Abreise zu Turnieren. Aber wenn mal ein Tag Pause war, machen wir sofort weiter.
Valentin Lusin (V.L.): Die Turniere sind auch ziemlich häufig. Oft in Europa, manchmal aber auch weiter weg. Und wir fliegen nach Italien oder nach England zu unseren Trainern. Wir haben schon jetzt ein halbes Jahr im Voraus alles verplant, wann wir wo sind, wo wir schlafen, alles.
R.B.: Ich kann aber auch gar nicht anders. Vor kurzem war ich zum Beispiel anderthalb Wochen krank und musste pausieren. Dann geht es mir richtig schlecht.
PW: Wie sind Sie zum Tanzen gekommen?
V.L.: Ursprünglich stammen wir beide aus Russland. Dort gibt es keine Tanzschulen wie in Deutschland, sondern nur Tanzen als Sport. Gerade für Kinder ist das sehr verbreitet. So habe ich damit angefangen, mit russischer Polka. Im Alter von sieben Jahren bin ich dann mit meiner Familie nach Deutschland umgezogen. Mit neun Jahren habe ich weitergemacht mit dem Tanzen, zuerst in einem Tanzkurs, danach ziemlich schnell im Verein und bei Turnieren.
R.B.: Ich habe mit elf Jahren angefangen, zu Hause in Russland. Dort habe ich auch Turniere getanzt. Mit 16 bin ich nach Deutschland gekommen, unter anderem wegen des Tanzens. Ich war auf der Suche nach einem passenden Partner.
PW: Und dieser Partner war dann Valentin?
R.B.: Ja, genau. Wir haben uns kennengelernt, und das hat einfach genau gepasst. Zum einen mit dem Tanzen, aber auch sonst.
PW: Sie sind also auch privat ein Paar? Ist das immer so bei Turniertänzern?
R.B.: Wir sind praktisch seit dem ersten Tag zusammen, damals waren wir erst 16. Wir harmonieren sehr gut, haben so viele gemeinsame Interessen...
V.L.: Außerdem reisen wir ständig zusammen, schlafen im selben Hotelzimmer. Wenn wir nicht zusammen wären, sondern andere Partner hätten, wäre das für die sicher schwierig zu verstehen.
R.B. (lacht): So viel wie wir trainieren - wir hätten auch gar keine Zeit für einen anderen Partner. Trotzdem - es gibt natürlich auch Tanzpaare, die nicht zusammen sind.
PW: Wenn Sie mal Streit haben - ist das eher privat oder beim Tanzen?
R.B.: Jedes Paar streitet sich beim Tanzen. Wenn etwas nicht klappt, geht das schnell.
V.L.: Und man hat auch nicht jeden Tag Lust aufs Tanzen. Dann fängt man an zu motzen und der Partner bekommt das ab. Da muss man sich schon zusammennehmen.
R.B.: Über andere Sachen streiten wir eigentlich nicht. (lacht) Wir reden ja kaum über etwas anderes.
PW: Die ganzen Reisen, die Kostüme - wie finanzieren Sie das alles?
V.L.: Die Reisekosten werden vom Tanzsportverband übernommen und wir bekommen eine Förderung von der Deutschen Sporthilfe. Außerdem haben wir seit etwa drei Jahren Sponsoren für die Schuhe und für Renatas Kleider. Darüber sind wir sehr froh. Die Schuhe halten bei uns nur ein, zwei Monate, dann brauchen wir wieder neue. Und wenn Renata ein paar Mal auf einem Turnier ein Kleid getragen hat, muss sie wieder ein neues haben. Das wird schon erwartet.
R.B.: Die Kleider gehen auch leicht kaputt. Pailletten oder Federn fallen ab. Wenn die Kleider aber noch gut erhalten sind, versuche ich sie an jemanden weiterzuverkaufen, der zum Beispiel auf regionaler Ebene tanzt.
PW: Manche empfinden den Tanzsport als etwas Künstliches...
R.B.: In Fernsehübertragungen kommt das häufig so rüber. Da sieht man dann die Gesichter ganz nah, und die wirken fürchterlich überschminkt. Aber wir schminken uns ja auch nicht fürs Fernsehen, sondern für das Turnier-Publikum. Und das sitzt zum Teil ganz schön weit weg.
V.L.: Wenn man einmal in seinem Leben ein gutes Turnier live sieht, empfindet man das ganz anders. Da kommt von den Tänzern so viel Energie rüber, so viel Charakter - das ist einfach unglaublich.
PW: Sie sind zurzeit national und international erfolgreich. Gibt es Pläne für ein Leben nach dem Tanzsport?
R.B.: Wir studieren ja beide auch. Das ist sozusagen unser zweites Standbein. Ich studiere Betriebswirtschaftslehre in Düsseldorf...
V.L.: ...und ich studiere Sport und Biologie auf Lehramt an der Sporthochschule und an der Uni in Köln.
R.B.: Aber eigentlich wollen wir dem Tanzsport schon treu bleiben. Man kann das sein ganzes Leben lang machen - als Wertungsrichter zum Beispiel. Wir haben auch beide Trainerlizenzen gemacht. Viele andere Turnierpaare studieren deshalb gar nicht, sondern sagen, sie werden hinterher sowieso Trainer.
V.L.: Aber darauf wollten wir uns nicht einfach verlassen. Wir haben deshalb unsere Studienfächer auch bewusst ausgewählt, weil man sie vielleicht mit dem Tanzbereich kombinieren kann. Tanzen als Bewegungsförderung an Schulen zum Beispiel.
R.B.: Oder Betriebswirtschaft und Pädagogik könnten helfen, wenn man später mal eine Tanzschule aufmachen will.
V.L.: Die Tanzwelt ist eine eigene Welt für sich, in der man auch durchaus Geld verdienen kann, wenn man gut ist.
Interview: Christina Lüdeke, Stand vom 28.12.2009









