In der Tanzschule
Jungs in Turnschuhen - Mädchen mit Absatz
Sie sind 16 oder 17, die meisten besuchen die elfte oder zwölfte Klasse. Viele Jungs tragen dieselben lässigen Turnschuhe wie tagsüber, was die Tanzschritte nicht unbedingt eleganter macht. Die Mädchen dagegen haben durchweg Absatzschuhe an. Einige sogar ohne Strümpfe, trotz der kühlen Temperaturen an diesem Wintertag.
"Meine Mama hat früher auch gern getanzt, und sie hat gemeint, dass sich solche Schuhe dafür anbieten", erzählt die 16-jährige Eva. Sie hat ihre dunklen Pumps extra für den Tanzkurs gekauft. Vorher hatte sie nie hohe Absätze an, jetzt muss sie sich erst noch an das Gefühl gewöhnen. "Tanzen finde ich damit einfacher als laufen." Bei der Silberhochzeits-Feier ihrer Eltern hat sie sich vorgenommen, zum Tanzkurs zu gehen. Dort wurde nämlich getanzt. "Ein Freund hat mir zwar davor ein paar Sachen gezeigt", sagt sie. "Aber ich wollte es doch noch mal richtig lernen." Jetzt hat sie Spaß an der Tanzstunde, vor allem den Boogie mag sie gern. "Nur der Jive ist schwierig, da kriege ich irgendwie die Bewegungen nicht rein."
Benimm-Regeln auf dem Parkett
Auch bei Philipp hakt es mit dem Jive. Wenn der dran ist, flüchtet er rasch in eine Sitzecke und sieht zu, wie die anderen mit den schnellen Schrittfolgen kämpfen. "Ich hatte vor kurzem meinen Fuß gebrochen. Da kann ich auf keinen Fall Jive tanzen", erklärt er. Aber dabei grinst er so verschmitzt, dass man ihm ein schmerzhaftes Leiden nicht so recht abnehmen mag. Auch Tanzlehrerin Beatrice Grethen nicht. Als sie zum Boogie wechselt, springt Philipp sofort auf und macht mit. "Ah, das kann er also wieder, unser Kranker", sagt sie. Aber auch sie lächelt dabei, die sanfte Kritik nimmt ihr keiner übel.
Seit gut 30 Jahren gibt die schlanke Frau mit den dunklen Haaren und dem Pferdeschwanz schon Tanzstunden. Sie weiß, wie sie mit ihren Schülern umgehen muss. "Ein paar Benimm-Regeln vermitteln wir hier zwar auch, aber nur das Wichtigste", meint sie. Richtiges Auffordern, die Partnerin nach dem Tanz zum Platz bringen, mal einer Dame in den Mantel helfen - das gehört zu den Kurs-Themen. "Das war's dann aber auch schon. Mein früherer Chef sagte immer, was die Eltern in 16 Jahren nicht geschafft haben, das schaffen wir in acht Wochen Kurs auch nicht."
Nicht mehr Pflicht - aber gut fürs Image
Schwieriger zu unterrichten als früher seien die Jugendlichen heute nicht, meint die Tanzlehrerin. Allerdings entscheiden sie sich seltener für einen Paartanz-Kurs. "Viele Mädchen machen zurzeit lieber Hip-Hop." Beatrice Grethen sieht das gelassen: "Hauptsache, sie bewegen sich überhaupt. Und der Paartanz wird wiederkommen." Zum gesellschaftlichen Pflichtprogramm wie früher gehöre der Tanzkurs aber bei Weitem nicht mehr, so Grethen.
Für Lisa und Giuliano, einem der Pärchen aus dem Kurs, war es dagegen gar keine Frage, dass sie auch "richtig" tanzen lernen wollten. "Das braucht man doch für später", meint die 17-jährige Lisa. "Zum Beispiel beim Abi-Ball." Ihr Freund Giuliano will die neu erworbenen Fähigkeiten schon früher zum Einsatz bringen. "Ich habe viele Verwandte in Italien, und meine Cousins und Cousinen heiraten dort bald alle", erzählt er. "Wenn ich da nicht tanzen könnte, das wäre schon blöd."
Philipp grinst schon wieder hintergründig. Er sieht noch einen weiteren Vorteil beim Tanzkurs. Einen ganz entscheidenden sogar. Zwar könne man sich mal einen abfälligen Kommentar von einem Kumpel einfangen, von wegen altmodisch und so. "Aber die sagen nur so lange was, bis ein Mädel dazukommt und sagt: 'Wie toll, du tanzt?' Damit kann man nämlich echt Eindruck machen."
Christina Lüdeke, Stand vom 26.01.2010







