Ölschlamm – klebrig, schwarz und radioaktiv

Mit Erdöl verunreinigter schwarzer Boden

Atommüll

Ölschlamm – klebrig, schwarz und radioaktiv

Das Geschäft mit Erdöl hinterlässt dunkle Spuren in der Umwelt: Undichte Pipelines, Ölseen rund um Bohrtürme oder auslaufende Tankschiffe. Doch bei der Förderung von Erdöl und Erdgas kommt außerdem ein radioaktiver Cocktail aus Abwasser und Schlamm an die Oberfläche.

Die radioaktive NORM

Natürliche radioaktive Stoffe wie Uran lagern überall in der Erdkruste. Zerfällt Uran, entstehen radioaktive Elemente wie beispielsweise das hochgiftige und langlebige Radium 226 oder das gesundheitsschädliche Polonium 210. Diese natürlichen radioaktiven Stoffe werden als NORM ("naturally occurring radioactive material") bezeichnet.

Tief unten in der Erde geht von diesen radioaktiven Elementen kein Strahlenrisiko aus. Doch wenn die Öl- und Gasindustrie die begehrten Rohstoffe tief aus dem Boden herausholt, werden auch Radium und Polonium über die Förderanlagen mit Öl und Schlamm an die Oberfläche gespült. Dort konzentrieren sie sich im Abwasser und Schlamm und lagern sich in harten Krusten an den Förderrohren ab. Radioaktiv verunreinigte Geräte, belastete Mitarbeiter und eine verseuchte Umwelt sind die Folgen.

Eine besondere Gefahr geht von dem wasserlöslichen Radium 226 aus. Wird es an die Oberfläche gespült und zerfällt, entsteht Radon, ein radioaktives Gas. Eine Studie der Münchener Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF) ergab, "dass ab 100 Becquerel pro Kubikmeter ein signifikant erhöhtes radonbedingtes Lungenkrebsrisiko auftritt. Man erkennt sehr deutlich diesen linearen Zusammenhang und dass es schon von den niedrigsten Konzentrationen an hochgeht mit dem Risiko", erklärt Institutsdirektor Heinz-Erich Wichmann.

Doch wie hoch und wie belastend ist diese "natürliche" Radioaktivität aus dem Erdinneren wirklich?

Grenzwertige Entsorgung

Die Studie "Strahlenschutz und der Umgang mit radioaktiven Abfällen in der Öl- und Gasindustrie" der Internationalen Atom-Energie-Agentur (IAEA) ergab, dass die spezifische Aktivität der Abwässer und Abfälle bei der Öl- und Gasförderung zwischen 0,1 und 15.000 Becquerel pro Gramm beträgt. Zum Vergleich: Die natürliche Bodenbelastung liegt bei 0,03 Becquerel pro Gramm.

Nach Recherchen des WDR-Energieexperten Jürgen Döschner bezifferte das Ölunternehmen Exxon im Jahr 2007 die mittlere Belastung der NORM-Abfälle seiner Branche auf 88,5 Becquerel pro Gramm. Das ist mehr als das 3000-fache der natürlichen Bodenbelastung. Ab einer Belastung von einem Becquerel pro Gramm fällt das Material bereits unter die Strahlenschutzverordnung.

Das bedeutet, dass diese Rückstände gesondert entsorgt werden müssen. Doch dies geschieht nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz "weitgehend in Eigenverantwortung der betroffenen Betriebe". Eine Kontrolle der Industrie ist also nicht vorgesehen. Eine Erfassung der entstandenen Abfälle und deren Entsorgung ist höchstens in unternehmensinternen Aufstellungen vorhanden.

Deutschland und Nigeria

Ein großer Öltanker im Nigerdelta, im Hintergrund Ölförderanlagen

Ölförderanlagen im Nigerdelta

In Deutschland fördern nur drei Unternehmen in nennenswertem Umfang Öl und Gas. Daher ist auch der anfallende Abfall im Vergleich zu anderen Ländern gering. Trotzdem widersprechen sich die Angaben: Der Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung e.V. spricht von etwa 300 Tonnen pro Jahr, die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit von etwa 1000 bis 2000 Tonnen. Radioaktiver Abfall, dessen Entsorgung nicht kontrolliert wird.

In den großen Ölförderländern sieht es noch schlimmer aus: Beispiel Nigeria. Dort wird in einem Monat mehr Öl gefördert als in Deutschland in einem Jahr. Besonders das Nigerdelta ist betroffen. Atemwegs- und Hauterkrankungen sowie Krebs treten dort gehäuft auf. Ob dies an den radioaktiven Nebenprodukten der Ölförderung liegt, lässt sich nur vermuten.

Im Jahr 2004 führte Nigerias Nukleare Aufsichtsbehörde Radioaktivitätsmessungen an zehn Offshore-Ölplattformen und zwei Terminals an Land durch. Der Ölschlamm wies eine spezifische Aktivität von bis zu 200 Becquerel pro Gramm auf. Nach deutschen und internationalen Richtlinien viel zu viel. So stuft beispielsweise auch der kanadische Ölindustrieverband Material, das mit mehr als 70 Becquerel pro Gramm belastet ist, als Gefahrgut ein. Verbindliche Regelungen zur sachgemäßen Entsorgung des Schlammes in Nigeria gibt es nicht, selbst Schutt aus noch belasteteren Uranminen wurde als Baustoff verwendet.

USA und Kasachstan

Aber auch in den Industrienationen sieht es nicht besser aus: In den USA wurden radioaktive Schlämme jahrelang einfach auf Freiflächen verteilt. Später wurden diese Gebiete zur Erholung und für die Landwirtschaft genutzt, oder es wurden Wohn- und Industriegebäude errichtet. In den Häusern war die Radon-Konzentration stark erhöht. Ölfirmen verschenkten kontaminierte Rohre an Kindergärten, Schulen, Sportvereine und Gemeinden, die daraus unter anderem Klettergerüste und Fußballtore herstellten.

In Kasachstan soll nach einer Studie der Universität Almaty ein Gebiet von der Größe der Bundesrepublik verseucht sein. Die strahlenden Reste der Ölförderung, Radium 226 und das Gas Radon, machen die Gegend eigentlich unbewohnbar. Trotz dieser Rückstände und den dort durchgeführten etwa 500 Atombombentests leben ungefähr eine Million Menschen in dieser Region. Nur knapp zehn Prozent der Bevölkerung in diesem Gebiet gelten als gesund.

Natürlich radioaktiv

Es bleibt das Argument, dass die Strahlung eigentlich natürlichen Ursprungs ist. Es findet keine künstliche Kernspaltung wie in Atomkraftwerken statt. Allerdings werden die radioaktiven Zerfallsprodukte von Uran nicht natürlich an die Erdoberfläche gespült, sie werden vom Menschen gefördert – in viel größerem Umfang als auf natürlichem Wege. Eine natürliche Strahlenbelastung bedeutet auch nicht, dass sie keine Gefahr darstellt.

Ein menschliches Plastik-Skelett, auf dessen Hüftknochen sich ein Radioaktiv-Zeichen befindet

Radioaktivität kann sich in den Knochen ablagern und potenzieren

Gerade im süddeutschen Raum, in Sachsen und Thüringen kann je nach Untergrund Radon verstärkt aus der Erde austreten und über die Kellerräume in die Häuser eindringen. Das ist zwar ein natürlicher Vorgang – aber keineswegs gefahrlos.

Eine europäische Studie, an der auch das Bundesamt für Strahlenschutz beteiligt war, bestätigt, dass europaweit ungefähr neun Prozent der Lungenkrebstodesfälle und zwei Prozent aller Krebstodesfälle durch Radon in Aufenthaltsräumen verursacht wird.

Radon verursacht damit jährlich ungefähr 20.000 Lungenkrebstodesfälle in der Europäischen Union, davon etwa 3000 in Deutschland. Auch weiß man nicht, welche Auswirkungen eine Ansammlung von NORM-Stoffen unterhalb der Grenzwerte im menschlichen Körper hat. Eventuell potenzieren sich diese und tragen damit zur Gesundheitsgefährdung bei.

Autorin: Monika Sax

Weiterführende Infos

Stand: 22.04.2016, 16:00

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