Wiederaufbereitungsanlagen

Bild eines Atomkraftwerks auf einer Computertastur

Atommüll

Wiederaufbereitungsanlagen

Die Wiederaufbereitung atomaren Mülls gilt als gefährlichster Schritt in der Atomenergie. Und der Name trügt: Wiederaufbereitung meint kein Recycling. Ziel der Technologie ist, hochgiftiges, waffentaugliches Plutonium zu gewinnen. Sie ist damit der Schlüssel für den Plutonium-Umlauf, für Kraftwerke vom Typ "Schneller Brüter" und den Atomwaffenbau.

Mehr Atommüll durch Wiederaufbereitung

In Kernkraftwerken kann Plutonium nur in geringen Mengen als Spaltstoff eingesetzt werden. In Brennelementfabriken wird es Uran beigemischt und zu sogenannten MOX-Brennelementen weiterverarbeitet, die in Leichtwasserreaktoren verwendet werden können.

Sie sind aber wesentlich teurer als herkömmliche Brennelemente. Die Menge des Atommülls wird durch Wiederaufbereitung nicht geringer: das Volumen wird sogar noch erheblich vergrößert und die Handhabbarkeit erschwert. So fällt der größte Teil der radioaktiven Stoffe nach der Aufbereitung als Flüssigkeit an, die selbst nach ihrer Verglasung für eine Endlagerung weniger geeignet ist als die ursprünglichen Brennelemente.

Letztere werden in Wiederaufbereitungsanlagen mechanisch zerkleinert und in Salpetersäure aufgelöst, um dann durch chemische Prozesse Plutonium vom übrigen Atommüll abzutrennen.

Aufgrund der extrem hohen Strahlungsbelastung müssen diese Prozesse teilweise vollautomatisch hinter meterdicken Betonwänden ablaufen. Verglichen mit Kernkraftwerken geben Wiederaufbereitungsanlagen im Normalbetrieb erheblich größere Mengen radioaktiver Substanzen an die Umwelt ab. In Europa gibt es zwei Wiederaufbereitungsanlagen: eine in England und eine in Frankreich; die zweite englische Wiederaufbereitungsanlage in Dounreay wurde inzwischen stillgelegt.

Sellafield & Dounreay (Großbritannien)

Sellafield haftet ein miserabler Ruf an. Der Atomkomplex liegt an der Westküste Großbritanniens in einem dünn besiedelten Gebiet an der Irischen See. An dem Standort befinden sich verschiedene militärisch und zivil genutzte Atomanlagen, darunter eine Brennelementefabrik, Atomreaktoren und mehrere Wiederaufbereitungsanlagen.

Der Atomkomplex Sellafield in Großbritannien

Sellafield hat einen miserablen Ruf

In der Wiederaufbereitungsanlage THORP – seit 1994 in Betrieb – waren auch deutsche Atomkraftwerksbetreiber Kunden. In Sellafield, früher Windscale genannt, ereignete sich 1957 der weltweit erste schwere Atomunfall. Radioaktive Verseuchungen waren bis nach Irland nachzuweisen. Seitdem reißen die Schlagzeilen über Pannen in Sellafield nicht ab. Hunderte von mehr oder weniger gravierenden Zwischenfällen sind bekannt geworden.

Im November 1983 gerieten beispielsweise aufgrund eines "Irrtums" radioaktive Lösungsmittel und Chemikalien in die Irische See und weite Strandabschnitte mussten gesperrt werden. Zehn Jahre später lief bei einer Unfallserie plutoniumverseuchte Flüssigkeit aus. Sellafield setzt auf die "Verdünnungsentsorgung", das heißt radioaktive Stoffe werden ins Meer und in die Luft abgelassen.

Eine Untersuchung stellte 1984 fest, dass die Zahl der Leukämieerkrankungen in der Umgebung des Atomkomplexes um etwa das Zehnfache über dem Landesdurchschnitt liegt. 1997 fanden britische Forscher Plutonium in den Zähnen von Kindern und Jugendlichen.

Wie gefragt Wiederaufbereitungsanlagen sind, zeigte der zweite Wiederaufbereitungsstandort in Großbritannien: Dounreay liegt an der schottischen Nordküste und schon 1998 wurde die Schließung der Anlage beschlossen. Einige Wochen zuvor war das Verschwinden von 170 Kilogramm waffentauglichen Urans aus der Anlage zwischen 1965 und 1968 bekannt geworden. Um die noch bestehenden Aufträge einlösen zu können, blieb die Anlage aber bis 2006 in Betrieb.

La Hague (Frankreich)

Mehr als die Hälfte der in deutschen KKWs ausgedienten Brennelemente wurden lange ins französische La Hague mit seinen zwei Wiederaufbereitungsanlagen geliefert. Die Atomanlage liegt im Nordwesten Frankreichs an der Atlantikküste und kann nach Angaben von Greenpeace pro Jahr 1600 Tonnen Atommüll aufbereiten.

Die umzäunte Wiederaufbereitungsanlage mit mehreren kastenförmigen Gebäuden in La Hague in Frankreich.

Die Atomanlage La Hague im Nordwesten Frankreichs

Wie in Sellafield werden Teile der radioaktiven Substanzen in La Hague in die Luft und ins Gewässer abgeführt. Allein 230 Millionen Liter radioaktiven Abwassers gelangen jährlich in den Ärmelkanal und von dort in die Nordsee. Anfang 1997 löste die Veröffentlichung eines britischen Ärzteblattes eine lang anhaltende Debatte um die von der Anlage ausgehende Strahlengefahr aus.

In Studien wurde ein direkter Zusammenhang zwischen der Strahlenbelastung und einer überdurchschnittlichen Häufigkeit von Leukämiefällen im Umland der Anlage nicht ausgeschlossen. Greenpeace-Taucher waren außerdem auf im Meer versenkte Betonmassen gestoßen, deren Strahlungsaktivität um das 100- bis 4000-Fache über der der Umgebung lag.

Die Betreiberfirma der Anlage, die Cogema (Compagnie génerale des matières nucléaires) gab daraufhin zu, ein altes Einleitungsrohr für radioaktive Abfälle in den 1980er Jahren in Beton gegossen und versenkt zu haben. Auch bei Greenpeace-Tauchgängen im April 2000 wurden unerlaubte Mengen radioaktiver Teilchen gefunden, die illegal in die Abwässer von La Hague eingeleitet wurden.

Wackersdorf (Deutschland)

Die erste Wiederaufbereitungsanlage der Bundesrepublik ging im September 1971 in Betrieb. Die kleine Versuchsanlage in Karlsruhe sollte als Pilotanlage für die großtechnische Wiederaufbereitung dienen. Schon die Suche nach einem geeigneten Platz dafür dauerte wegen der Widerstände von Landesregierungen und der Bevölkerung Jahre.

Die Luftaufnahme zeigt ein dichtes Waldgebiet, dass durch zwei große Baugrundsstücke zerschnitten wird, die für die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf vorgesehen waren

1989 gescheitert: Die WAA Wackersdorf

1982 schließlich stellte die "Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufbereitung von Kernstoffen mbH" (DWK) einen offiziellen Antrag für ein Zentrum im Taxöldener Forst bei Wackersdorf in Bayern. Drei Jahre später erteilte das Bayerische Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen die erste Teilerrichtungsgenehmigung für den Anlagenkomplex Wackersdorf. Neben der eigentlichen Wiederaufbereitungsanlage waren eine MOX-Brennelementefabrik sowie große Lagerhallen für den Atommüll aus neun bis zwanzig Betriebsjahren geplant.

1987 musste die DWK zugeben, dass ihr bisheriges Planungskonzept unzureichend war. Unter anderem war klar geworden, dass das Hauptprozessgebäude erheblich größer werden musste. Das neue Konzept unterschied sich so maßgeblich von dem alten, dass die Unterlagen erneut öffentlich ausgelegt werden mussten.

Im Frühjahr 1988 waren rund 880.000 Einsprüche gegen die Wiederaufbereitungsanlage beim Bayerischen Umweltministerium eingetroffen, mehr als 400.000 davon aus Österreich. An diesem Widerstand scheiterte das Projekt letztlich. Am 31. Mai 1989 wurden die Bauarbeiten an der Anlage eingestellt.

Aufgrund der Risiken und Gefahren der Wiederaufbereitung ist in Deutschland seit Juli 2005 der Transport von abgebrannten Brennstäben zur Wiederaufbereitung verboten.

Autorin: Silke Rehren

Stand: 22.04.2016, 16:00

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