Künstliche Intelligenz und Bewusstsein

Die Computergrafik zeigt einen menschlichen Oberkörper, auf dem ein Monitor angebracht ist. Auf dem Bildschirm des Monitors ist ein Gehirn zu sehen.

Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz und Bewusstsein

In Zukunft wird es immer mehr Roboter geben. Wenn sie mit Menschen interagieren, sollten sie Im Idealfall ein Bewusstsein für ihre Umgebung und vielleicht sogar für sich selbst besitzen. Vordenker der KI-Forschung halten das in Zukunft für möglich.

Lässt sich Bewusstsein nachbilden?

Wenn man davon ausgeht, dass das Gehirn ein materielles Objekt ist, das den Gesetzen der Physik unterliegt, dann müsste man Gehirnprozesse auch im Computer nachbilden können. Vorausgesetzt, man hat die Prozesse genau genug analysiert.

Sind Bewusstsein und Intelligenz demnach nichts anderes als ein Prozess der Informationsverarbeitung? Schon heute versteht man die grundlegenden Prozesse der Informationsverarbeitung zwischen den Nervenzellen relativ gut. Letztendlich gleichen sie biochemisch dem Ja/Nein-Entscheidungsprozess, der auch in Mikrochips abläuft.

Und es ist ja sogar schon in ersten, einfachen Versuchen gelungen, Nervenstränge durch Mikrochips miteinander zu verbinden. Wenn, wie manche Wissenschaftler glauben, Bewusstsein nicht mehr als die Summe unserer Gehirnfunktionen ist, dann müsste sich auch bei Robotern Bewusstsein erzeugen lassen.

Darstellung von Nervenzellen.

Künstliche neuronale Netze lassen Roboter lernen

Künstliche neuronale Netze, die die Funktion des menschlichen Gehirns nachahmen, sollen Roboter das Lernen ermöglichen. Im Prinzip geht es dabei um die Fähigkeit, Software (Handlungsanweisungen) und Wissen aus vielen, verschachtelten Datenbanken ständig neu miteinander zu verknüpfen.

Ein Problem kann so von unterschiedlichen Seiten betrachtet und neue Wege zu einer Problemlösung geschaffen werden. Es geht dabei um die ständig neue Bewertungen einer Situation - mit anderen Worten um Lernen. So wie es Kinder im Alter von ein bis zwei Jahren machen. Auch sie besitzen in dieser Phase noch kein ausgeprägtes Bewusstsein.

Eltern geben ihnen eine Vorstellung von Werten und erst später, nach vielen eigenen Erfahrungen und den Reaktionen auf das eigene Verhalten, beginnen Kinder selbst Wertvorstellungen zu entwickeln. Sie reflektieren ihr Verhalten und beginnen dadurch ein ausgeprägtes Bewusstsein zu entwickeln.

Bewusstsein als "Meta-Ebene"?

Nachbildung eines menschlichen Kopfs im Profil. Von unten führt ein rotes Kabel in den Kopf, das in einer gelben Spirale endet.

Wie entsteht unser Selbstbewusstsein?

Aber im Prinzip ist heute noch nicht klar, was den menschlichen Geist oder menschliches Bewusstsein eigentlich ausmacht. Vermutlich ist es eine Meta-Ebene, die in der Lage ist, die Informationsverarbeitungsvorgänge in den einzelnen Gehirnzentren übergeordnet zu betrachten und zu bewerten.

Vielleicht kommt der Großhirnrinde diese Funktion zu. Sie erhält Informationen aus den sensorischen und motorischen Arealen, die hauptsächlich in den Tiefen des Gehirns liegen. Andererseits verweisen viele Forscher auch darauf, dass es eben rein strukturell ein übergeordnetes Zentrum im menschlichen Gehirn nicht gibt, sondern dass alle Areale parallel miteinander verschaltet sind.

Ein "Ich" – die Meta-Ebene – könnte dann vielleicht durch die sich ständig verändernde, neue Bewertung von Situationen entstehen, die gleichzeitig mit gespeichertem Wissen abgeglichen werden. Und im Prinzip wäre dies genau der Prozess, der in Roboter-Gehirnen ablaufen soll. Manche KI-Forscher glauben, es sei gar nicht nötig genau zu wissen, was Bewusstsein ist und wie es entsteht. Man könnte darüber vielleicht viel bei der Evolution eines "maschinellen Geistes" lernen.

Das Computerwesen "PSI"

Stählerner Roboter mit sehr menschenähnlichem Gesicht.

Wie menschlich werden künftige Roboter sein?

Kann eine Maschine Gefühle entwickeln? Der Bamberger Psychologe Dietrich Dörner versucht über das von ihm mitentwickelte Computerwesen "PSI" die Vorgänge in einem menschlichen Gehirn nachzuvollziehen und zu verstehen, wie Geist, Wille und Gefühl zusammenwirken. Er hat mit PSI ein Programm geschrieben, in dem sich die Hypothesen über die im Menschen ablaufenden psychischen Prozesse widerspiegeln.

PSI ist ein Kunstwesen, das in einer künstlichen Welt "lebt". Auf einer ihm unbekannten Insel hat es eine Aufgabe zu erledigen – es soll "Nukleotide" einsammeln. Es hat also ein Motiv, darüber hinaus wurden ihm Emotionen wie Ärger, Wut, Schmerzen oder Freude einprogrammiert. PSI kann auch Durst oder Hunger empfinden und hat einen Selbsterhaltungstrieb.

Ein neuronales Netzwerk macht PSI auf seinen Erkundungsgängen lernfähig. Wenn PSI in seiner Computerlandschaft etwas unternimmt, führt es gleichzeitig auch Protokoll über sein äußeres Verhalten und die Auswirkung auf seinen inneren Zustand. Es reflektiert also seine eigenen Handlungen und modifiziert sie auch. In einem zweiten Versuch wird das neuronale Netz abgeschaltet und Menschen müssen die Steuerung von PSI übernehmen.

Aus dem Vergleich der Verhaltensweisen versuchen die Psychologen jetzt zu ergründen, wie das künstliche Gehirn und das menschliche Konflikte lösen und verarbeiten. Das Verhalten in den Situationen wird miteinander verglichen. Die Hoffnung der Forscher besteht darin, eine Vorstellung davon zu bekommen, wie sich intelligentes Verhalten und Bewusstsein entwickeln. Doch PSI ist "nur" ein Computerprogramm. Eine realen Körper hat es nicht und realen Umgang mit Menschen hat es auch nicht.

COG - lernfähiger Jongleur

Ein humaoider Roboter gibt einer Frau die Hand.

Roboter Asimo erkennt menschliche Gesten

Ohne Körper, meint der "Vater" des humanoiden Roboters "COG", Rodney Brooks, kann sich keine Intelligenz entwickeln. Intelligenz ist nur dann nötig, wenn sich ein Wesen in seiner sich ständig verändernden Umwelt behaupten muss. Dies sei die Triebkraft für die Intelligenz-Entwicklung.

Und so ist es nur folgerichtig, wenn Rodney Brooks versucht, COG sich in menschlicher Umgebung entwickeln zu lassen. COG hat Augen, Ohren und Hände. Er reagiert auf Sprache und ist dank neuronaler Netze lernfähig. Das Jonglieren mit einer Metallspirale hat er sich selbst beigebracht.

Ob COG durch die Beobachtung seiner Umgebung und eigene Experimente mit Gegenständen so etwas wie eine Evolution zu einem Bewusstsein durchlaufen könnte, weiß auch Rodney Brooks nicht. In Interviews gebraucht er das Wort Bewusstsein nicht offen. Aber es wäre ja auch schon ein großer Schritt, wenn COG seine mechanischen Fähigkeiten weiterentwickeln könnte. Im Takt zu Rockmusik trommeln kann er bereits, Journalisten die Hand schütteln ebenfalls. Doch ein Gedächtnis hat er noch nicht.

Kismet zeigt Emotionen

Eine ältere Frau steht vor einem Roboter, der fast genauso groß ist wie sie. Sie hält sich an einem Griff fest, der am Torso des Roboters befestigt ist.

Care-O-bot als Gehhilfe

Kismet soll ebenfalls lernen, sich wie ein Mensch zu verhalten. Dahinter steckt das Ziel, einmal einen Roboter zu entwickeln, der als Serviceroboter zum Beispiel Pflegedienste übernimmt – dabei auch mit Menschen spricht und zusammenarbeitet. Kismet besitzt ein Gesicht, das in der Lage ist Emotionen auszudrücken. Er spricht und versteht Menschen, zeigt bereits erste emotionale Reaktionen in Gesprächen mit Menschen.

Kismet lernt von Menschen, so wie ein Kind immer neue Informationen gewinnt und sie nachzuahmen beginnt. Ausgehend von einer Grundprogrammierung bestimmter Verhaltensweisen, soll Kismet zunächst auf Signale seiner "Lehrer" richtig reagieren und vielleicht auch einmal Verknüpfungen zwischen möglichen Verhaltensweisen herstellen.

Ebenso wie bei COG ist aber unklar, ob und wann sich daraus vielleicht eine wie auch immer definierte Form von "Bewusstsein" entwickeln könnte. Ein gewisses Bewusstsein über seinen Körper besitzt Wamoeba. Der humanoide Roboter der Waseda Universität in Tokio verfügt über innere Sensoren. Wamoeba nimmt seine Batteriespannung und seine Motortemperatur wahr. Läuft er heiß, schaltet er selbst auf Sparflamme und geht in den Ruhezustand über – Wamoeba ist ein Selbsterhaltungstrieb einprogrammiert.

Visionen für das nächste Jahrhundert

Ein Mann in einem weißen Schutzanzug hält eine runde glänzende Platte, auf der Computer-Chips angebracht sind.

Moderne Chipherstellung für mehr Rechenleistung

Ein Ur-Vater der KI-Forschung, Marvin Minsky, meinte schon früh: "Geist ist nichts weiter als ein Produkt aus geistlosen, aber intelligent ineinandergeschachtelten Ober- und Unterprogrammen." Für den Robotik-Querdenker Hans Moravec ist völlig klar: "Die Umwandlung der unzulänglichen, biologischen in eine bessere, digitale Lebensform steht unmittelbar bevor - wir werden alle zu Robotern."

Schon Mitte dieses Jahrhunderts werden viele Implantate den vergänglichen menschlichen Körper leistungsfähiger machen, glaubt Moravec. Und das sei nur der Anfang. Dem setzt ein anderer – ebenfalls heftig umstrittener Vordenker der Szene – noch eins drauf: Ray Kurzweil beschreibt in einem Fahrplan die Zukunft der Künstlichen Intelligenz. Danach wird sie schon Ende dieses Jahrhunderts den Menschen als Krone der Schöpfung ablösen. Wenn Maschinen nicht sogar die Kontrolle über unseren Alltag übernehmen, könnten Menschen vielleicht ihren Geist scannen und in einem Roboterkörper oder im Computer weiterleben.

Die Chiptechnologie wird der Schrittmacher solch potenzieller Entwicklungen sein. Und die Entwicklung der Rechenleistungen und damit der elektronischen Gehirne wird weiter exponentiell ansteigen. Damit – so Kurzweil – werden sich schon am Ende dieses Jahrhunderts bisher noch unvorstellbare Möglichkeiten ergeben. Futuristisch oder realistisch – zu welchen Meinungen man auch immer angesichts solcher Visionen kommt – sie sind zugleich erschreckend aber auch faszinierend.

Autor: Jochen Zielke

Stand: 07.07.2016, 13:00

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