Social Media und Gehirn – Wie neue Medien unser Denken beeinflussen

Ein Junge sitzt am Tisch und schaut auf den Bildschirm seines Laptops.

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Social Media und Gehirn – Wie neue Medien unser Denken beeinflussen

Max ist 14 Jahre und geht in die achte Klasse. Wenn er von der Schule nach Hause kommt, schaut er sich auf YouTube Videos an. Seine Hausaufgaben recherchiert er auf Wikipedia. Wenn er Probleme hat, fragt er in Onlineforen um Rat.

Viele nutzen Social Media täglich

Max ist das, was Experten heute einen Digital Native nennen: Er ist ein Eingeborener der neuen Medienwelt. Wissenschaftler meinen, Max’ Denkweise unterscheide sich von der seiner Eltern und Großeltern, den Digitalen Einwanderern. Weil er täglich im Netz ist, nehme er seine Umwelt anders wahr, er lerne und erinnere sich anders.

Obwohl Max eine erfundene Person ist, ist er vermutlich vielen bekannt. Manche erkennen sich vielleicht sogar selbst in ihm wieder: Immerhin sind fast 80 Prozent der Jugendlichen in Deutschland täglich in sozialen Netzwerken aktiv.

Mehr als 70 Prozent nutzen Videoportale wie YouTube. Das ergab eine Studie von 2012, die sogenannte JIM-Studie (Jugend Information Multimedia). Für die Untersuchung befragten Forscher des medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest mehr als 1000 Jugendliche im Alter von zwölf bis 19 Jahren.

Auch viele Erwachsene nutzen regelmäßig Social Media: In Deutschland sind es etwa 70 Prozent der User. Zu dem Ergebnis kommen die Autoren des Social Media Atlas 2012. Die Studie ist ein Gemeinschaftsprojekt verschiedener Forschungsagenturen und des Instituts für Management- und Wirtschaftsforschung. 3500 Menschen in ganz Deutschland nahmen daran teil. Soziale Netzwerke, Videoportale und Foren waren unter den Befragten besonders beliebt.

In den vergangenen Jahren haben Wissenschaftler untersucht, ob und wie sich die Nutzung von Social Media auf unser Denken auswirkt. Repräsentative Studien gibt es bislang nicht. Trotzdem meinen viele Forscher, dass sich unsere Einstellungen, unser Gedächtnis und unsere Konzentration durch Social Media verändern.

Soziale Netzwerke führen zu kindlichen Denkweisen

Zu sehen ist eine Statusmeldung auf Facebook, die zwei Gefällt mir-Klicks erhalten hat.

Abhängig von der Aufmerksamkeit der virtuellen Freunde?

Wer regelmäßig soziale Netzwerke nutzt, beginnt wieder, wie ein Kind zu denken – das behauptet zumindest Hirnforscherin Susan Greenfield. "Wir leben in einer Umgebung, in der wir uns permanent auf Alarmbereitschaft befinden, was andere Menschen machen oder denken", erklärte die Britin 2013 im Telegraph.

Nutzer von sozialen Netzwerken seien abhängig von der Aufmerksamkeit und Bestätigung ihrer virtuellen Freunde - ähnlich wie ein Kind von seiner Mutter. Diese definierten ihr Denken und Selbstbild. Das Motto: Nur wenn ein Post viele "Gefällt mir"-Klicks oder Retweets erhält, war das Erlebte etwas wert.

Susan Greenfield sieht das kritisch: "Wenn wir uns ständig nur nach den Ansprüchen der Außenwelt richten, wird es schwer, eigene Gedanken zu entwickeln. Unser Verhalten wird kindischer, reaktiver und abhängiger von dem Verhalten und den Gedanken anderer", schrieb sie im Telegraph. Am Ende wisse der User nicht mehr, wie er selbst zu den Dingen steht. Selbst- und Fremdwahrnehmung würden sich vermischen.

Twitter- und Facebook-Posts bleiben länger im Kopf

In dem Auge einer Frau spiegelt sich der Schriftzug Facebook.

Facebook im Blick

Twitter-Nachrichten und Statusmeldungen auf Facebook bleiben länger im Gedächtnis als Sätze aus Zeitungsartikeln oder Büchern. Das fanden Forscher der Universität von Warwick und San Diego (USCD) heraus. In einem Experiment präsentierten sie einer Gruppe von 16 Studenten verschiedene Facebook-Posts. 16 weiteren zeigten sie Sätze aus Büchern, etwa aus Romanen. Beiden Gruppen waren die Quellen der Sätze unbekannt.

Die Wissenschaftler forderten die Testpersonen dazu auf, die zuvor betrachteten Sätze aus einer Reihe anderer wiederzuerkennen. Das Ergebnis: Am besten erinnerten sich die Studenten an die Facebook-Postings. Ein zweiter, ähnlicher Versuch bestätigte dies.

Die Forscher waren von dem Ergebnis überrascht. "Die Lücke zwischen den Gedächtnisleistungen der Studenten sind vergleichbar mit den Unterschieden zwischen Menschen mit Amnesie und einem gesunden Gedächtnis", betonte die Leiterin der Studie, Laura Mickes, in einem Interview mit den UCSD-News. Als Grund dafür nannte Mickes: "Sätze, die einfach und schnell formuliert wurden, sind auch einfacher zu merken – je zwangloser und weniger professionell ein Text, desto besser bleibt er mit Gedächtnis".

Weiter erklärte Mickes, dass Entwickler diese Erkenntnis nutzen könnten, um bessere Technologien für Schule und Unterricht zu entwerfen. Zudem könne auch die Werbeindustrie davon profitieren.

Seit Anfang 2013 arbeiten Mickes und ihr Team an einem weiteren Experiment. Sie suchen nach einer genaueren Erklärung dafür, warum Social-Media-Nachrichten wirksamer sind als andere Schriftformen wie Buchtexte.

Forscher behaupten: Auch unser Gehirn verändert sich

Eine Ärztin steht vor einem Computerbildschirm. Sie zeigt mit einem Stift auf verschiedne MRT-Aufnahmen eines Gehirns.

Eine Ärztin analysiert die Gehirnaktivität

Die Nutzung von Social Media verändert nicht nur unser Denken, sondern auch die Strukturen in unserem Gehirn. Das sagen verschiedene Forscher. "Das menschliche Gehirn ist dem anderer Spezies überlegen, da es die einzigartige Fähigkeit hat, sich seiner Umgebung anzupassen – es ist sozusagen formbar", schrieb etwa Susan Greenfield 2013 im Telegraph. Daher passe es sich auch an die neue Medienwelt an. Eine Art Evolutionsprozess käme in Gang: Unser Gehirn verkabele sich sozusagen neu.

Einer, der diese Position auch vertritt, ist der Neurobiologe Gerald Hüther. Er meint, eine intensive Social-Media-Nutzung wirke sich vor allem auf den sogenannten frontalen Cortex aus. "Das ist der Bereich im Hirn, wo Netzwerke liegen, mit deren Hilfe wir uns in andere Menschen hineinversetzen können, Handlungen planen, wo wir auch lernen Frustrationen auszuhalten, unsere Impulse die wir haben zu kontrollieren", erklärte Hüther 2012 in einem Interview mit dem SWR. Menschen, die häufig Social Media nutzten, hätten Probleme, diese Gehirnregion zu entwickeln und vernetzen.

Laut Edy Portmann, Forscher an der Universität von Berkeley, wirken sich Social Media auch auf den Hormonspiegel ihrer Nutzer aus. Schließlich unterlägen Facebook und Twitter ständigen Veränderungen. Diese reizten das Gehirn ihrer Nutzer, Adrenalin würde freigesetzt. Da Adrenalin süchtig macht, könne der Verzicht auf Social Media zu Entzugserscheinungen führen. Die Betroffenen würden unruhig.

Sind die Veränderungen gut oder schlecht?

Verschiedene Forscher bestätigen heute, dass das tägliche Nutzen von Social Media unser Denken verändert. Die Frage ist nun, ob diese Veränderungen gut oder schlecht sind. Dazu haben die Wissenschaftler unterschiedliche Meinungen.

Manfred Spitzer etwa hält es für gefährlich, täglich Social Media zu nutzen. Dies würde eine digitale Demenz auslösen, behauptet der Hirnforscher. "Digitale Medien führen dazu, dass wir unser Gehirn weniger nutzen, wodurch seine Leistungsfähigkeit mit der Zeit abnimmt", erklärt er. Spitzer bezeichnet Computer als Lernverhinderungsmaschinen.

Er meint, durch sie würden viele Bereiche des Denkens ausgelagert: Wikipedia, Onlineforen und Co nähmen ihren Nutzern einen Großteil der Hirnarbeit ab. Dadurch stürben wichtige Nervenzellen ab. Die Betroffenen könnten sich schwerer konzentrieren und lernen. Sie würden ängstlich, aggressiv und bekämen Schlafprobleme. Am Ende dieses Prozess, so Spitzer, stünde der Verlust ihrer eigenen Denkfähigkeit – die digitale Demenz.

Unter Wissenschaftlern sind Spitzers Thesen seit Jahren viel diskutiert. Auch Experten, die aus der Praxis kommen, widersprechen ihm. "In neurobiologischer Hinsicht ist Herr Spitzer natürlich der Experte. Aber ich glaube, dass er sehr kurz tritt, wenn er solche Thesen aufstellt und behauptet, jegliche Computernutzung führe zur Minderbenutzung des Hirns und dadurch zur Verdummung", sagte etwa Thomas Welsch 2012 im WDR-Interview.

Welsch ist Bildungsreferent der SK Stiftung Jugend und Medien. Er schult Jugendliche zwischen zehn und 16 Jahren in Bereichen wie Webdesign und Videoverarbeitung. Während dieser Tätigkeit hat er andere Erfahrungen gemacht: Neue Medien regen die Kinder an kreativ zu sein und sich aktiv zu beteiligen, so Welsch. Sie fördern ihre Motivation, weil sie Bestandteil ihres Alltags sind.

Autorin: Andrea Böhnke

Stand: 20.10.2016, 11:00

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