Ölsandabbau in Kanada

Ein waldgesäumter blauer See. Im Hintergrund schneebedeckte Bergkuppen

Erdöl

Ölsandabbau in Kanada

Schneebedeckte Bergkuppen, leuchtend blaue Seen, unberührte Nadelwälder – auf ihrer Internetseite lockt Albertas Marketing-Organisation potenzielle Touristen mit idyllischen Bildern.

Der wertvolle Matsch

Doch wer in der Provinz im Westen Kanadas das Gebiet um den Fluss Athabasca besucht, dem eröffnen sich noch ganz andere Anblicke. Denn Alberta ist nicht nur die "Heimat der Kanadischen Rockies", wie die Tourismusseite wirbt, sondern auch die Heimat des kanadischen Erdöls.

Kanadas Ölschatz lagert tief im Waldboden Albertas. Auf einer Fläche doppelt so groß wie Bayern soll es hier mehr als 170 Milliarden Barrel abbaubares Öl geben (ein Barrel = 159 Liter). Größere Ölreserven sind weltweit nur in Saudi-Arabien bekannt. Man weiß von diesen riesigen Vorkommen schon lange, ein Schatz sind sie für Kanadas Ölindustrie allerdings erst ungefähr seit der Jahrtausendwende. Denn lange Zeit lohnte sich die Ölförderung in Alberta einfach nicht. Der Grund: Das Öl ist im Sand gebunden, als sogenanntes Bitumen – Kohlenwasserstoffe, die unter anderem aus abgestorbenen Pflanzen stammen.

Ölsandabbaugebiet

Von Naturidylle ist hier jedoch keine Spur mehr

Albertas Ölsande sind ein klebriges, schwarzes Gemisch aus 83 Prozent Sand, vier Prozent Wasser, drei Prozent Ton und zehn Prozent flüssigem Bitumen. Aus diesem Gemisch, das meist in Tiefen von 30 Metern lagert, brauchbares Erdöl zu gewinnen, ist ein aufwendiger und kostspieliger Prozess. Erst technologische Neuerungen und vor allem die knapper werdenden Erdölreserven und der damit steigende Ölpreis machen aus dem Ölsandabbau ein lukratives Geschäft.

Aus Sand wird Öl

Die gängige Methode, mit der aus den Ölsanden Erdöl gewonnen wird, erinnert an den hiesigen Braunkohlebergbau. Nachdem der Wald gerodet worden ist, tragen Bagger zunächst den Waldboden ab und heben dann die Ölsandschicht aus. Gigantische Lastwagen bringen den Sand zur Weiterverarbeitung. Er muss von Steinen befreit und zerkleinert werden. Mithilfe von Wasser und Lösungsmitteln wird das Bitumen vom Sand getrennt und später zu Rohöl veredelt, das dann wiederum zum Beispiel zu Benzin weiterverarbeitet werden kann.

Ein Lastwagen transportiert Sand.

In Alberta fahren die größten Lastwagen der Welt

Liegt der Ölsand für den Tagebau zu tief im Erdreich, wird ein Verfahren angewendet, bei dem zwei parallele Schächte in den Boden gebohrt werden. Unter Hochdruck wird Wasserdampf durch einen Schacht gepresst, der das Bitumen löst und durch den anderen Schacht nach oben pumpt. Hierbei müssen zwar keine Wälder gerodet werden. Allerdings verschlingt dieses Verfahren noch mehr Energie und setzt mehr Kohlenstoffdioxid (CO2) frei.

Folgen für Umwelt und Mensch

Beim Ölsandabbau geht es um gewaltige Mengen, was man allein daran sieht, dass man zwei Tonnen Ölsand benötigt, um ein Barrel Öl zu gewinnen. 2012 wurden in Alberta täglich 1,5 Millionen Barrel Öl aus Ölsanden gewonnen. Geht es nach dem Willen der Erdölproduzenten, könnten es 2020 mindestens drei bis fünf Millionen Barrel pro Tag sein. Dass dieses "größte Industrieprojekt des Planeten", wie Greenpeace den Ölsandabbau in Kanada nennt, nicht ohne Folgen für die Umwelt bleiben kann, ist klar und fällt sofort ins Auge: Aus riesigen Flächen Nadelwald sind trostlose Mondlandschaften mit Giftteichen und Schwefelbergen geworden.

Riesiges Ölsandabbaugebiet, rechts Nadelwald.

Wo früher Wald stand, regiert jetzt Ödnis

Um einen Liter Bitumen aus dem Sand zu waschen, braucht man fünf Liter Wasser – Wasser, das danach ein mit Schwermetallen und zum Teil krebserregenden Kohlenwasserstoffen verseuchter Schlick ist und in Klärteichen gelagert wird. Diese künstlichen Seen voller Giftbrühe sind zusammengenommen mit 130 Quadratkilometern bereits halb so groß wie Frankfurt am Main. Das kanadische "Pembina Institute", das sich mit Energie- und Umweltfragen beschäftigt, schätzt, dass elf Millionen Liter des giftigen Abwassers täglich ins Grundwasser und die umliegenden Flüsse sickern.

Für diese Schätzung sprechen auch Untersuchungen, die im Wasser und in den Fischen des Athabascas, der an den Abbaugebieten und Klärbecken vorbeifließt, hohe Konzentrationen an Quecksilber, Arsen und krebserregenden Kohlenwasserstoffen festgestellt haben. Und im etwas mehr als 200 Kilometer flussabwärts gelegenen Dörfchen Fort Chipewyan haben die Krebserkrankungen auffallend zugenommen.

Zudem verschlingt die Umwandlung des Sandes in Rohöl gigantische Mengen Erdgas. Auch die Klimabilanz des Ölsandabbaus ist sehr schlecht: Laut Greenpeace werden je nach Abbauart 62 bis 176 Kilogramm CO2 freigesetzt – drei- bis fünfmal so viel wie bei der konventionellen Ölförderung.

Großer Aufwand, großes Geschäft

Ölsandabbaugebiet

Umweltschäden durch die Emulsion von Ölsand und Wasser

Was für die Umwelt verheerende Folgen hat, ist für die großen Ölkonzerne trotz des großen Aufwandes ein lohnendes Geschäft. Und nicht nur für sie. Auch die Provinz Alberta profitiert vom Ölsandabbau, schließlich sorgen die Steuern und Gebühren, die die Ölsandkonzerne entrichten, für fast ein Drittel von Albertas Einnahmen.

Nur den Tourismus wird die Industrie, die riesige Landstriche in trostlose Brachen verwandelt, wohl kaum ankurbeln. So finden sich auf der Internetseite, mit der Alberta Touristen anlocken will, natürlich auch keine Fotos der Abbaugebiete. Immerhin einen Hinweis auf die Erdölindustrie gibt es aber dennoch: Unter Sehenswürdigkeiten wird ein Ausflug ins Erdölmuseum empfohlen.

Autor: Christoph Teves

Stand: 04.03.2014, 12:00

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