Das Unglück von Lengede

Grubenunglueck und Wunder von Lengede im Oktober/November 1963.

Steinkohle

Das Unglück von Lengede

Der Klärteich im Berwerk Lengede bricht ein. Wasser flutet die Stollen, die Bergarbeiter rennen um ihr Leben. Die meisten von ihnen ertrinken. 29 können sich retten. Einer von ihnen ist Adolf Herbst.

Lengede, 24. Oktober 1963. Adolf Herbst ist erst 20 Jahre alt. Im Bergwerk arbeitet er als Starkstrom-Monteur, er soll eine Pumpenkammer erneuern.

Heute malochte er zwei Schichten, um den Tag darauf freizunehmen. Er wollte seiner Liebsten einen Antrag machen. Die zweite Schicht endete: Adolf Herbst wollte sich auf den Weg nach oben machen.

Doch es sollte anders kommen. "Während ich in die Richtung des Hauptschachts ging, merkte ich, dass mir die Ohren schmerzten", sagt Herbst. Der Druck war plötzlich angestiegen, er hörte ein starkes Rauschen in der Ferne. Wasser flutete den Schacht. Bergleute kamen ihm entgegen gerannt. Sie riefen: "Hau ab!".

Um den Fluten zu entkommen, sprang der Monteur auf eine Untertage-Bahn auf, die sich gerade in Bewegung gesetzt hatte. Doch die Bahn kam nicht weit. Nach hundert Metern blieb sie stehen. Ein Kurzschluss.

Der Alte Mann ist die Rettung

 Adolf Herbst zeigt ein schwarz-weiß-Foto von seiner Rettung

Adolf Herbst 35 Jahre nach dem Grubenunglück

Die Bergleute sprangen von der Bahn ab und rannten zu Fuß weiter. Adolf Herbst war erschöpft. "Mir war klar: Ohne die anderen bin ich verloren. Also Zähne zusammenbeißen und hinterher", sagt der ehemalige Bergarbeiter im Gespräch mit Planet Wissen.

Die Bergleute liefen zum Alten Mann, einen stillgelegten Teil des Bergwerks. Sie erreichten eine Anhöhe, die über dem Wasserspiegel lag. Das rettete ihnen fürs erste das Leben. "Wir ließen uns einfach fallen – die Erschöpfung war zu groß", sagt Herbst.

Der Wasserpegel stieg an. Das Wasser versperrte den Bergmännern den Weg. Sie waren in der kleinen Höhle gefangen. In den kommenden Tagen starben zehn der Männer durch herabfallendes Gestein.

Die Hoffnung aufgeben wollten die Männer jedoch nicht. Immer wieder riefen und klopften sie. Aber niemand hörte sie. Zunächst. "Wir hatten das Gefühl für Zeit inzwischen völlig verloren", sagt Herbst. "Auf einmal fing einer von uns an zu brüllen."

Von oben kam Wasser. "Ich dachte, jetzt ertrinken wir", sagt Herbst. "Einer der Kollegen griff mit der Hand in die Luft und berührte ein Metall." Die Männer begriffen: Die bohren nach uns!

"Das war wie Weihnachten und Ostern auf einmal"

Die Bergleute schrien so laut sie konnten, klopften mit einem Messer gegen das Metallrohr. Dann die Ernüchterung: Das Rohr war weg! Die Helfer hatten es wieder nach oben gezogen. Sie hatten die Bergarbeiter aber gehört.

Durch das Rohr ließen sie eine Taschenlampe mit einem Zettel daran herunter. Auf dem Zettel stand: "Wie viele seid ihr?" Die Männer antworteten: "Zehn Mann, wir haben Durst und Hunger, schickt uns Zigaretten!" Die Retter schickten Tee. "Vermutlich mit Beruhigungsmitteln", sagt Adolf Herbst später.

Noch aber waren die Männer nicht gerettet. Erst musste der endgültige Rettungsschacht noch gebohrt werden. Übertage arbeiteten 900 Leute Tag und Nacht daran, die Bergleute zu retten. Die Retter mussten ihre Arbeit jedoch unterbrechen.

Nach 40 Metern konnten sie nicht mehr weiterbohren. Zumindest nicht mithilfe einer Wasserspülung. Wegen des Wasserdrucks wäre die Gefahr für Steinschläge zu hoch gewesen. Bis zu den Bergleuten fehlten noch weitere 18 Meter. Die Höhle lag in einer Tiefe von 58 Metern. Fortan mussten die Helfer mit Luft weiterbohren statt mit Wasser.

Sonderschichten für die Rettung

Lengede, 7.11.1963. Sanitäter die einen der elf geretteten Bergleute ins Freie tragen.

Nach 14 Tagen wurden elf Menschen lebend aus 60 Metern Tiefe geborgen

Es stand jedoch kein ausreichend starker Kompressor zur Verfügung, was die Rettung ins Stocken brachte. Ein geeignetes Gerät fanden die Retter in Belgien, sagt Adolf Herbst.

"Autobahnen wurden gesperrt, damit der neue Kompressor schnellstmöglich durchkam." Nach zwei Wochen stieß die Bohrkrone endlich durch. Die Bergleute waren am Ende ihrer Kräfte. Daher kamen zunächst zwei Steiger zu ihnen nach unten, um sie medizinisch zu versorgen.

Die Helfer holten die Männer in einer Kapsel einzeln nach oben. "Ich durfte als Vierter hoch: Ein unglaubliches Gefühl", sagt Adolf Herbst. "Ich dankte Gott: Er hatte mir ein zweites Leben geschenkt."

Die Verlobung kann stattfinden

Adolf Herbst hatte den Glauben an die geplante Verlobung schon fast verloren. Auf dem Weg nach oben merkte er: "Die Verlobung klappt!" Wieder über der Erde konnte er seine Freundin endlich wiedersehen.

Nach dem Unglück hat Herbst nie wieder ein Bergwerk betreten. Auch in engen Räumen konnte er nicht mehr arbeiten. Eine Zeit lang war er arbeitsunfähig. Bis er eine Ausbildung zum Elektromeister absolvierte.

"Ich habe später eine ganze Werkstatt übernommen", sagt er nicht ohne Stolz. Die Gefühle kommen bei ihm immer wieder hoch, wenn er die Bilder von damals sieht: "Die Emotionen sind sofort wieder da, die unglaubliche Atmosphäre in unserem Gefängnis untertage, die nicht enden wollenden Sekunden, Minuten, Stunden und Tage voller gemischter Gefühle. Die Hoffnung hat mich am Leben gehalten."

Jedes Jahr feiert Adolf Herbst am 7. November seinen zweiten Geburtstag. Es ist der Tag seiner Rettung. Und das mit seiner damaligen Verlobten. Die beiden sind bis heute verheiratet.

Autoren: Jan Kischkel/Philip Häusser

Stand: 23.06.2016, 13:00

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