Biokunststoffe

Kunststoff

Biokunststoffe

Das Plastik ist in Verruf geraten. Wird es nicht verbrannt oder recycelt, verbleibt es über Jahrhunderte in der Umwelt. Bei Biokunststoffen ist das anders: Sie sind umweltverträglicher als die herkömmlichen Pendants.

Bio ist nicht gleich bio

Etwa ein Drittel der Kunststoffe in Europa sind bereits bio. Tendenz steigend. Doch wie bei vielen Bioprodukten müssen die Verbraucher auch hier aufs Kleingedruckte achten.

"Bioplastik ist kein neues Konzept", sagt Ramón Català, der am Institut für Lebensmitteltechnologie und Agrochemie in Valencia an neuen Kunststoffen forscht. "Die Haut vieler Supermarkt-Würste wird schon lange aus Plastik hergestellt, das sich im Magen und in der Umwelt schnell zersetzt". Bioplastik sei biologisch abbaubar, sagt der Forscher. Das gelte jedoch nicht für jedes Bioplastik, das es heute auf dem Markt gibt.

Wenn etwas als Biokunststoff bezeichnet wird, bedeutet das zunächst nur: In der Produktion wurden Ressourcen verwendet, die nachwachsen, etwa Zuckerrohr, Soja und Mais. "Die chemische Struktur unterscheidet sich aber nicht unbedingt von herkömmlichem Kunststoff aus Erdöl oder Erdgas", sagt Català.

Besitze ein Biokunststoff einen Molekülaufbau wie seine herkömmlichen Pendants, sei dieser auch ähnlich schwer zu entsorgen. Das gelte für mehr als die Hälfte der Biokunststoffe, die heute erzeugt werden.

Nicht jedes Bioplastik gehört auf den Kompost

Den kleinen, aber feinen Unterschied macht die Formulierung "biologisch abbaubar". Doch selbst diese abbaubaren Kunststoffe sind mit Vorsicht zu genießen: So bewarben Supermarktketten ihre Bioplastiktüten bis vor kurzem damit, dass diese "100 Prozent kompostierbar" seien. Ein Keimling war daneben abgebildet. Das Siegel suggerierte dem Verbraucher: Diese Tragetasche ist wirklich biologisch abbaubar.

Biotragetasche

100 Prozent biologisch abbaubar? Eher nicht!

Was aber nicht auf der Tüte stand: Die Tüte muss sich in Kompostieranlagen innerhalb von zwölf Wochen nur zu 90 Prozent zersetzen, um dieses Siegel zu erhalten. Dieses Ziel wird oft nicht erreicht. "In großtechnischen Anlagen sind die Zeiten deutlich kürzer. Die Plastiktüten bauen sich nicht vollständig ab", sagt Franziska Krüger, Expertin für Kunststoffverwertung vom Umweltbundesamt.

Es blieben kleine Schnipsel über, die auch sichtbar seien. In den Kompostieranlagen seien die Biotüten unbeliebt, da sie den Wert des Komposts senken. Und auf den Kompost im Garten dürften die Biotüten nicht, weil hier die nötigen Temperaturbedingungen nicht gegeben seien.

"Selbst wenn sich die Bioplastiktüten vollständig zersetzen, haben sie keinen ökologischen Mehrwert", betont Krüger. Das Plastik zerfalle überwiegend zu Wasser und Kohlendioxid und liefere keine Nährstoffe für den Kompost. "Es macht tatsächlich mehr Sinn, die Biotragetaschen in Müllverbrennungsanlagen energetisch zu verwerten und die Wärmeenergie zu nutzen", sagt sie.

Die Norm des Keimling-Zertifikats fordere zudem auch nicht, dass der Kunststoff ausschließlich aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt wird. Die handelsüblichen Biotaschen bestehen zu mehr als zwei Dritteln aus herkömmlichen Kunststoffen auf Erdölbasis. Nachdem die Deutsche Umwelthilfe mit einer Klage drohte, sehen die Supermarktketten in Deutschland inzwischen davon ab, ihre Tüten mit "100 Prozent biologisch abbaubar" zu bewerben.

Umweltfreundliche Kunststoffe sind langlebig

"Biologisch abbaubare Einkaufstüten haben keinen Umweltvorteil gegenüber anderen Einwegkunststofftüten", sagt Krüger. Für die Ökobilanz sei die Fähigkeit sich schnell zu zersetzen eher schlecht. Umweltfreundliche Kunststoffe sollten langlebig und recyclebar sein, heißt es seitens des Umweltbundesamts. "Ob die Verbraucher mit einer Mehrwegtragetasche aus Kunststoff oder Jute einkaufen gehen, ist egal. Wichtig ist, dass sie die Tasche möglichst oft benutzen", sagt Krüger.

PET- Mehrwegflaschen liegen auf einem Haufen.

PET-Mehrwegflaschen: Leichter als die Pendants aus Glas

Wird Plastik häufig wiederverwendet, kann es umweltfreundlicher sein als andere Materialien. Mehrwegflaschen aus PET zeigen so etwa eine bessere Umweltbilanz als Mehrwegflaschen aus Glas. Beide Materialien sind gleichermaßen wiederverwertbar, PET ist aber leichter als Glas. Das senkt den Energieaufwand für den Transport.

Plastik der Zukunft: Auf Wiedersehen, Erdöl!

Plastik, das biologisch abbaubar ist, scheint nicht die Lösung der Zukunft zu sein. Das spiegeln auch die Prognosen zur weltweiten Kunststoffproduktion wider, die das Institut für Biokunststoffe und Bioverbundwerkstoffe in Hannover veröffentlicht hat. Der Anteil des kompostierbaren Plastiks soll demnach in den kommenden Jahren kaum steigen.

Felder mit Zuckerrohr.

Kunststoff aus einem Rohstoff, der nachwächst: Zuckerrohr

Die Produktion von Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen wird in den kommenden drei Jahren hingegen wachsen: von etwa einer Million Tonnen auf fünf Millionen. "Die Ökobilanz spielt in dieser Entwicklung die kleinere Rolle", sagt Ramón Català. Die Unternehmen müssen umdenken, da das Erdöl irgendwann zu Neige geht. Daher suchen sie nach Alternativen, sagt Català.

Autorin: Inka Reichert

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Stand: 13.01.2017, 11:00

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