Leben ohne Plastik: Ein Selbstversuch

Eine Frau steh vor einem Supermarkt-Regal mit Lebensmitteln in Plastik eingeschlagen

Kunststoff

Leben ohne Plastik: Ein Selbstversuch

Eine Familie beschließt, ohne Kunststoffe zu leben. Das scheint unmöglich zu sein: Joghurtbecher, Handy, Kochlöffel – in fast allem steckt Plastik. Die Familie Krautwaschl aus Österreich wagt es, auf Kunststoffprodukte zu verzichten – und startet ein spannendes Experiment.

Das Zuhause vom Plastik befreien

Sandra Krautwaschl sitzt mit ihren Freunden im Weinlokal. Sie diskutieren über die Probleme, die der Plastikkonsum weltweit verursacht. In der Runde ist man sich einig: Kunststoffe seien eine Gefahr, für Mensch und Tier.

Doch ohne Plastik zu leben, sei nicht mehr möglich, sagen die Freunde. "Das werden wir sehen", sagt die Physiotherapeutin. "Meine Familie und ich werden einen Monat lang plastikfrei einkaufen." Das Experiment beginnt.

Selbst die Kinder spielen mit

Die drei Kinder, Samuel, Marlene und Leonard finden die Idee aufregend. Vier Wochen ohne Plastik erscheinen ihnen wie ein großes Abenteuer. Auch ihr Mann erklärt sich bereit mitzumachen. Seine Bedingung: "Es muss Spaß machen, wenn es zu stressig wird, steige ich aus", sagt Peter Krautwaschl.

Sandra Krautwaschl schreibt Werner Boote, dem Regisseur des Dokumentarfilms "Plastic Planet", und schildert diesem das Vorhaben. Boote ist Feuer und Flamme.

Während die Krautwaschls ausmisten, filmt er mit einem Kamerakollegen. Sandra Krautwaschl berichtet in dem Blog "Kein Heim für Plastik" über die Fortschritte des Projekts.

Die Krautwaschls stehen vor einer Kunststoffansammlung vor ihrem Haus.

Kein Heim für Plastik: die Krautwaschls vor dem Haus

Brotdose, Duschgel, Eimer –vor dem alten Dorfhaus der Familie ragen Berge aus Plastik empor. Sandra Krautwaschl ist entsetzt: "Mit meinen ständigen Spontankäufen bin ich die Plastikeinkäuferin Nummer eins in der Familie." Der siebenjährige Leonard ist weniger begeistert, als es um sein Spielzeug geht. "Die Ritterburg bleibt da", sagt er.

Zudem ist unklar, was mit dem Geschirrspüler, dem Computer und der Waschmaschine passieren soll –in allem steckt Plastik. Am Ende siegt der Pragmatismus: Die Haushaltsgeräte bleiben! Schließlich soll das Ganze noch Spaß machen.

Von Schütteltests, Stoffsäcken und Blechdosen

Der erste Einkauf: Sandra Krautwaschl geht in den Bioladen. Scheuermilch, Shampoo, Seife: Die meisten Drogerieartikel füllen die Hersteller in Plastikflaschen ab. Fortan kommt das nicht mehr in die Tüte. "Bis dahin hatten wir nicht viel in Bioläden und Reformhäusern eingekauft", sagt Mutter Krautwaschl. "Ich dachte, dass die schon alles zum Nachfüllen haben werden." Die Produkte selbst sind zwar bio, die Verpackungen jedoch sind meist aus Plastik.

Peter Krautwaschl zieht derweil los, um Milchkannen zu besorgen. Doch: Ob Blechkannen oder Blechdosen, immer sind die Innenbeschichtungen oder der Deckel aus Plastik. Selbst eine Flasche vom Bier, das Peter so gerne trinkt, kommt nicht ohne Kunststoff aus: Das Innere des Kronkorkens ist damit versehen, um die Flasche luftdicht zu versiegeln.

Das Ehepaar ist frustriert, will aber nicht aufgeben. Peter und Sandra Krautwaschl lockern die Regeln: Wenn es sich nicht vermeiden lässt, wollen sie Kompromisse eingehen.

Ausgerechnet zum Geburstag: Der Selbstversuch beginnt

Das Experiment beginnt am Geburtstag von Sandra Krautwaschl. "Einladung zu einer plastikfreien Geburtstagsfeier", ist auf den Karten zu lesen. Auf der Rückseite hat sie eine Wunschliste verfasst: Vom Metalltrichter zum Umfüllen von Flüssigkeiten über Metalldosen bis hin zum Nachttischchen: Krautwaschl hofft auf plastikfreie Spenden aus dem Freundeskreis.

Die Feier wird ein Erfolg. Die Familie fühlt sich nun gut gerüstet fürs Experiment: Leben ohne Plastik. Im Internet haben die Krautwaschls Holzzahnbürsten bestellt und im Großhandel hat eine Freundin Papierhandtücher entdeckt, die das stets plastikverpackte Toilettenpapier ersetzen sollen.

Ein Supermarktregal befüllt mit Produkten aus Plastik.

Im Supermarkt: Plastik wohin man blickt

Zum Supermarkt nimmt die Familie nun stets einen Korb mit Gläsern, Dosen und Stoffsäckchen für Käse und Obst mit. "Natürlich schauen viele erst mal komisch", sagt Sandra Krautwaschl, "vor allem am Anfang, als ich nur ein Glas hatte und die Verkäuferin immer bitten musste, den Fleischkäse in Scheiben zu schneiden, damit er hineinpasst."

Doch es finden sich die passenden Blechdosen für die verschiedenen Einkäufe – und auch die Verkäuferinnen gewöhnen sich mit der Zeit an die Sonderwünsche der Familie.

Auf Kunststoff verzichten - was bringt's?

Aber Kunststoff wird doch recycelt. Ergibt es überhaupt Sinn, Plastikmüll zu vermeiden? Für Sandra Krautwaschl ist die Antwort eindeutig: "Von den Milliarden von Plastiktüten, die weltweit pro Jahr verbraucht werden, wird nur etwa ein Prozent recycelt."

Kunststoffe schaden zudem der Gesundheit, heißt es immer wieder seitens der Kritiker. Die Additive, die dem Plastik beigemischt werden, sollen die Gesundheit beeinträchtigen. Ein Mensch könne das Plastik etwa über die Nahrung aufnehmen. Kunststoffe, die ins Meer gelangen, zersetzen sich und werden von Meeresbewohnern wie Fischen und Krebsen aufgenommen. Diese können wiederum in die Nahrungskette des Menschen gelangen.

Baby mit Plastikschnuller.

Auch in manchem Schnuller: Weichmacher

Vor allem die Weichmacher, die das Plastik flexibel machen sollen, stehen unter Verdacht, der Gesundheit zu schaden. Sie könnten die Entstehung von Diabetes, Asthma und Atemwegserkrankungen fördern, sagen manche Forscher. Weichmacher beeinflussen zudem die Hormone des Menschen. Phtalate stören etwa die Bildung des Sexualhormons Testosteron.

Seit 2012 sind in Dänemark daher jene Weichmacher, die in direkten Kontakt mit der Haut oder Schleimhaut kommen, verboten. Ein Alleingang: Die Skandinavier wollten nicht länger auf eine entsprechende EU-Gesetzgebung warten.

Auch nach dem Experiment geht's weiter

Wie es nach dem vierwöchigen Selbstversuch weitergeht, darüber hatten sich die Krautwaschls keine Gedanken gemacht. "Wir können ja so weitermachen, uns geht doch nichts ab", sagte die zehnjährige Tochter Marlene.

Unterm Strich gibt die Familie aus Österreich für ihre Einkäufe nicht mehr Geld aus als früher. Von der wöchentlichen Einkaufsliste haben die Krautwaschls vieles gestrichen. Sie haben aber das Gefühl, bessere Lebensmittel und Produkte zu erstehen.

Zum Putzen verwenden sie Essig und milde Seifen. Und seitdem Stoffsäckchen, Gläser und Dosen stets zum Einkauf bereit liegen, ist der Einkauf zu einem viel natürlicheren Prozess geworden, sagt Sandra Krautwaschl.

Die fünfköpfige Familie Krautwaschl sitzt am gedeckten Tisch.

Ohne Plastik leben: die Krautwaschls

Die Familie beschließt gemeinsam: Wir machen weiter. Seither leben die Krautwaschls so weit es geht ohne Plastik. In vielen Vorträgen hat die Physiotherapeutin über ihr "Heim ohne Plastik" erzählt.

In einem Blog berichtet sie regelmäßig über das, was sie erlebt. Und weil sie merkt, wie viel Spaß ihr das neue Leben macht, hat sie vor einem Jahr auch noch ein Buch verfasst: "Plastikfreie Zone –Wie meine Familie es schafft, fast ohne Kunststoff zu leben."

Sandra Krautwaschl beschreibt darin den Weg, den sie und ihre Familie gegangen sind, vom Kunststoff zum Echtstoff. Sie ist sicher, dass ihr Leben ohne den ganzen Plastikkram viel einfacher geworden ist. Ihre Erkenntnis nach drei Jahren ohne Plastik: "Man braucht für ein glückliches Leben viel weniger, als man denkt."

Autorin: Britta Schwanenberg

Stand: 13.10.2017, 10:00

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