Plastik im Meer

Plastiktüte schwimmt im Meer.

Kunststoff

Plastik im Meer

Im Frühjahr 2012 verendete ein Pottwal an der Küste Andalusiens. In seinem Bauch: 17 Kilo Plastik. Mehr als 100 Millionen Tonnen Kunststoff haben sich in den Weltmeeren angesammelt, schätzen Forscher. Sie zerfallen langsam in immer kleinere Fragmente, die von Meeresorganismen mit der Nahrung aufgenommen werden. Ein ökologisches Desaster, auf das allmählich auch die Politik reagiert.

Inseln aus Plastikmüll

In den Meeren hält sich Plastik sehr lange, oft mehrere Jahrhunderte. 450 Jahre brauchen eine Plastikflasche oder eine Wegwerfwindel, bis sie sich vollständig zersetzt haben. Der Kunststoff zerfällt in immer kleinere Partikel. Einen Teil des Unrats schwemmen die Wellen an die Strände. Das meiste bleibt jedoch im Meer. Mehr als zwei Drittel des Plastikmülls sinken auf den Meeresboden.

Das restliche Drittel treiben Wind und Meeresströmung Hunderte von Kilometern durch die Ozeane. Die Kunststoffpartikel sammeln sich in riesigen Wirbeln an, die durch gleichmäßige Winde angetrieben werden. Einen solchen Meeresstrudel hat ein internationales Team von Wissenschaftlern untersucht. Das Ergebnis: In einem Quadratkilometer schwimmen fast eine Million Plastikteilchen, sagen die Forscher. Der Wirbel bekam daraufhin seinen Namen: Great Pacific Garbage Patch (deutsch: Großer pazifischer Müllfleck).

Auch Vögel fressen Plastik

Schildkröte frisst Plastiktüte.

Eine Schildkröte frisst eine Plastiktüte

Für die Tiere im Meer, aber auch für Küstenbewohner werden die Kunststoffe zum Verhängnis. "Seevögel fressen für gewöhnlich alles, was sie aus der Luft als potentielle Beute identifizieren", sagt Nils Guse vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste der Universität Kiel. Guse und seine Kollegen analysierten den Mageninhalt von Eissturmvögeln, die an der deutschen Nordseeküste verendet sind. Zwischen 2007 und 2011 untersuchten die Forscher 238 Tiere.

Das Ergebnis: 96 Prozent der Vögel hatten Plastik in geringen oder größeren Mengen gefressen. "Wie viele Vögel an den Plastikpartikeln letztendlich sterben, wissen wir noch nicht", sagt Guse. Die Müllteile blockieren den Magen-Darm-Trakt der Tiere. Die Vögel sind unterernährt und sterben schlimmstenfalls daran. Manche der Vögel verändern ihr Brutverhalten. Das Plastik bringt nicht nur das Gleichgewicht der Vögel durcheinander.

267 verschiedene marine Arten leiden unter dem Plastikmüll im Meer, heißt es in einem Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Schildkröten verheddern sich in Fischernetzen und Nylonschnüren, sie fressen ganze Plastiktüten, weil sie diese mit Quallen verwechseln. Fische, Garnelen und Kleinstlebewesen wie Plankton nehmen die winzigen Partikel zu sich, die durch die Meere schweben.

Das Müllproblem wahrnehmen

Plastikmüll liegt am Strand.

Badetouristen hinterlassen Müll am Strand

Dass das Müllproblem im Meer ernst genommen wird, dafür kämpfen Umweltschutzorganisationen und Verbände seit Jahrzehnten. Die Surfrider Foundation Europe, ein Zusammenschluss von Wellenreitern, versucht unter anderem mit Strandsäuberungsaktionen das Bewusstsein der Bevölkerung zu stärken.

"Die Menschen müssen lernen, ihren Plastikmüll nicht einfach auf den Boden zu werfen, sondern in die Mülleimer", sagt Hugo Tinoco. Der Surfer und Umweltaktivist organisiert regelmäßig Müllsammelaktionen am Strand von Alicante an der Ostküste Spaniens. Der Müll würde nicht nur über die Abwässer ins Meer gespült oder von Müllkippen an der Küste ins Wasser geweht, sagt Tinoco. Viele Badegäste ließen ihre Abfälle achtlos am Strand liegen. Das gilt auch für die deutsche Ostsee, berichtet das Umweltbundesamt: Der Tourismus sei die primäre Quelle für den Mülleintrag im Meer.

EU stuft Müll im Meer als Umweltgefahr ein

Die Bevölkerung für die Müllproblematik zu sensibilisieren, kann helfen. Doch das allein reicht nicht aus: Richtlinien und Gesetze müssen her, um die Natur vor dem Müll zu schützen.

Die Surfrider Foundation Europe ist auch hier aktiv: Mit Unterschriftensammlungen und Lobbyarbeit im Brüsseler Parlament kämpft sie auch auf politischer Ebene dafür, dass die Probleme erkannt werden. "Der Müll im Meer wurde in der EU-Gesetzgebung lange nicht als Umweltverschmutzung betrachtet, sondern nur als störender Anblick", sagt Cristina Barreau. Die Expertin für Recht und Politik arbeitet im Hauptsitz der Surfrider Foundation in Biarritz, Frankreich.

Erst seit 2010 gebe es eine Gesetzgebung, um das Ökosystem Meer zu schützen und dieses wieder aufzubauen: die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie. In dieser neuen EU-Richtlinie wird der Müll in den Ozeanen erstmals explizit als Umweltgefahr eingestuft: Die Mitgliedsstaaten sollen künftig den Müll so weit reduzieren, dass er weder im Wasser noch an den Küsten Schaden anrichtet.

Indikatoren für den Müll im Meer

Mageninhalt eines Vogels liegt präsentiert auf einer Hand.

Plastikstücke im Magen eines Eissturmvogels

Wegen der EU-Richtlinie müssen die Länder nun prüfen, wie verschmutzt ihre Meere sind. Das ist nicht leicht: In manchen Gebieten sammelt sich aufgrund der Strömung mehr Plastik an als andernorts. Daher weichen die Messwerte stark voneinander ab.

Die Eissturmvögel jagen nur auf hoher See – im Gegensatz zu Möwen, die auch am Strand nach Nahrung suchen. "In der Nordsee sind die Mägen der Eissturmvögel daher ein guter Indikator, um den Grad der Verschmutzung zu bestimmen", erklärt der Meeresbiologe Nils Guse. Nach EU-Richtlinie sollen die Vögelmägen im Schnitt nicht mehr als 0,1 Gramm Plastik fassen. "In unserer aktuellen Untersuchung waren es 0,43 Gramm pro Tier", berichtet Guse. Mehr als die Hälfte der untersuchten Vögel lag damit über dem angestrebten Wert.

Weltweit gelangen nicht weniger, sondern immer mehr Kunststoffe in die Meere: Jedes Jahr landen etwa 6,4 Millionen Tonnen Plastik im Meer, schätzen die Experten vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen. Die EU-Mitgliedstaaten werden im Rahmen der neuen EU-Gesetzgebung handeln müssen. Bis 2016 noch haben sie Zeit geeignete Maßnahmen einzuleiten – und den Plastikmüll im Meer zu reduzieren.

Autorin: Inka Reichert

Stand: 10.06.2016, 11:00

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