Zeitzeugen berichten - Von Michelangelo bis heute

Dunkelbrauner Buchrücken mit goldbeschriftetem Titel 'Michelangelo Gedichte', daneben die Abbildung einer Doppelseite mit dem Gedicht 'Beim Modellieren der hartherzigen Schönen' in deutscher und italienischer Sprache.

Marmor

Zeitzeugen berichten - Von Michelangelo bis heute

Hart und gefährlich ist das Leben der Arbeiter in den Marmorbrüchen noch heute, wenngleich sich in den vergangenen 500 Jahren vieles geändert hat. Das jedenfalls belegen die Berichte der Zeitzeugen.

Michelangelo kam ab 1506 immer wieder nach Carrara, um sich die besten Marmorblöcke für seine Skulpturen auszusuchen. Diese allerfeinste Sorte, der so genannte "marmo statuario", wird heute noch nach ihm bezeichnet.

Über hundert Jahre später kam Gian Lorenzo Bernini, der Architekt des Petersdoms in Rom. Italienreisen waren auch bei Schriftstellern und Dichtern beliebt. Der englische Begründer des sozialen Romans, Charles Dickens, kam 1844 nach Carrara. Sie alle sind die unwegsamen Pfade zu den Marmorbrüchen hinaufgestiegen, um zu sehen, wie die gigantischen, weißen Marmorblöcke abgebaut werden.

Was Arbeiter von Carrara heute erzählen

Nirgends auf der Welt gibt es einen so reinweißen und hochwertigen Marmor wie im norditalienischen Carrara. Die Stadt lebt bis heute davon. Fast jede Familie hat in irgendeiner Form mit dem Marmor zu tun. Der härteste Job ist der in den Steinbrüchen. Die Arbeiter erzählen: Früher, zur Zeit ihrer Väter, haben hier dreißig Personen gearbeitet..

Der Boden eines Palast-Saals ist mit einem Mosaik aus Marmor verziert.

Neoklassizistisches Marmormosaik

Heute seien es acht Personen, die die doppelte Menge abbauen. Der Lohn sei aber leider nicht im gleichen Verhältnis gestiegen. Die Werkzeuge und Maschinen seien jetzt leistungsfähiger. Aber der Abtransport der Blöcke sei immer noch sehr gefährlich. Im Schneckentempo ginge es um die zahlreichen, steilen und engen Kurven der Serpentinenstrecke. Nicht die geringste Drehung sei in der Kehre möglich, man müsse vor und zurück rangieren.

Besonders gefährlich sei dies, wenn die staubige Asphaltstraße nass sei. Früher seien die Steinbrecher richtige Schlägertypen gewesen, erzählen sie. Sie waren die stärksten Männer mit Armen wie aus Stahl. Sie brauchten sehr viel Kraft für ihre Arbeit, denn sie mussten große Gewichte schleppen.

Der Ständer zum Anheben der Blöcke wog 100 bis 120 Kilo und die Schraubendrahtrolle wog ebenso viel. Sie trugen alles auf den Schultern über eine Geröllstrasse den Berg hoch, auch die Schlitten, die etwa 150 Kilo schwer waren. Die moderne Technik mache jetzt alles einfacher, aber nicht ungefährlich.

Der so genannte Philister, der Mann, der die Vorarbeit mit dem Draht leistete, hatte es noch einigermaßen bequem. Aber der, der die Blöcke rechtwinklig zuschlug, musste acht bis zehn Stunden lang mit einem zwei bis zwei ein halb Kilo schweren Hammer schlagen, ohne Pause. Dafür sorgte der Aufseher.

Heute sägen diamantbesetzte umlaufende Stahlseile die Marmorblöcke, aber damals gab es keine technischen Diamanten. Man nahm scharfen Kieselsand als Schneidemittel. Den hochzuschleppen war Frauenarbeit. Ein Sack wog etwa 30 Kilo. Die Frauen mühten sich den ganzen Tag, es ging rauf und runter.

Was Michelangelo um 1506 berichtete

Michelangelo Buonarroti, wie er mit Familiennamen hieß, kam ab 1506 immer wieder nach Carrara, um sich die besten Marmorblöcke für seine Skulpturen auszusuchen. Drei Jahre seines Lebens verbrachte er insgesamt dort. Er stieg in die Marmorbrüche zu den Arbeitern, denn er wollte nur die schönsten Blöcke für seine Aufträge, wie zum Beispiel für die Fassade der San-Lorenzo-Kirche in Florenz und das Grabmahl für Papst Leo X. in Rom.

Der nackte Jüngling aus weißem Marmor ist mehr als doppelt so groß wie ein Mensch. Er schaut seitlich, eine Hand zur Schulter gerichtet. Er steht auf einem Sockel und ist umgeben von vielen Besuchern.

Michelangelos "David" in Florenz

Michelangelo schrieb 1506 an den Papst: "Seiner Heiligkeit zu dienen, kehrte ich also nach Carrara zurück, um die Marmorblöcke für das Grabmal nach Rom zu transportieren. Daraufhin sandte mir Papst Leo die ersten 1000 Dukaten. Ich habe es also auf mich genommen, Tote zu erwecken, indem ich die Berge hier bezwingen und Kunst in diese Gegend pflanzen will."

Böse Überraschungen trafen den Meister, wenn sich herausstellte, dass zum Beispiel ein Marmorblock innen Fehler aufwies und er die Skulptur nicht vollenden konnte, weil Risse oder Absplitterungen auftraten. Im August 1518 schrieb Michelangelo: "Der Marmorhang liegt ein wenig hinter Riomania auf dem Weg nach Serroveza.

Dort ist noch ein großer Fels in der Straßenschlucht. Der andere liegt bei den letzten Häusern von Serraveza nach Corvara zu. Leider sind die Dinge ansonsten schlecht vorangegangen. Eine Säule war fast ausgebrochen, da fand ich einen Fehler im Marmor, der sie mir verstümmelte. Ich musste also noch einmal so tief in den Fels eindringen. Aber genug. Was ich versprochen habe, werde ich unter allen Umständen ausführen und ich werde das schönste Werk, das je in Italien geschaffen wurde, vollbringen, wenn Gott mir hilft. Michelangelo."

Michelangelos Gedichte

Vorne rechts im Bild ein Felsen mit einem unwegsamen Pfad. Dahinter ein niedrigerer Bergrücken, der die Verbindung zu dem nächsten hohen Bergzug schafft. Die Landschaft ist weiß vom Staub und Gestein der Marmorbrüche. Nur im Tal hinter dem Felsen sieht man Grünes.

Landschaft bei Carrara

Weniger bekannt ist, dass der große italienische Maler und Bildhauer Michelangelo auch viele Gedichte und Minnelieder schrieb. Da geht es um schöne Frauen, die Liebe und den Marmor wie zum Beispiel hier:

"Beim Modellieren der hartherzigen Schönen.
Drückt Einer wirklich je sein eigen Ich
Im Marmorbildniß eines And'ren aus,
So mach' ich's öd'und graus
Gar oft, wie ich geworden bin durch Die hier.
Und immer schein' ich mich
Zu bilden, denk ich auch, ich bilde sie mir.
Wohl könnt'ich sagen: wie hier
Der Marmor hart und spröd',
Aus dem ich sie erschaff', ist sie von Stein!
Auch wüßt' ich And'res nie mir
(Von ihr zerstört, verschmäht!)
Zu bilden als mein eig'nes trübes Sein.
Kann Kunst nur Dauer leih'n
Der Schönheit, nun, so mag Sie mich beglücken!
Dann bild' ich Sie der Nachwelt zum Entzücken.

(Aus: Gedichte des Michelangelo Buonarroti, übersetzt von Walter Rober-Tornow, Berlin 1896)

Was Charles Dickens 1845 niederschrieb

Im Sommer 1844 brach der damals schon berühmte englische Schriftsteller Charles Dickens mit seiner Familie zu einer Italienreise auf. Er wollte sich in Italien eine längere Auszeit gönnen, ließ sich in Genua nieder und bereiste von dort aus das gesamte Land. In der toskanischen Stadt Carrara war zu dieser Zeit gerade ein hübsches, kleines Theater gebaut worden.

Ein Mann mittleren Alters mit halblangen Haaren, einem Schnauz- und Kinnbart sitzt auf einem Lehnstuhl. Leicht gewendet, liegt die rechte Hand auf der Rückenlehne. Er blickt nach rechts.

Der britische Schriftsteller Charles Dickens

Das Besondere daran: Der Chor setzte sich aus Arbeitern der Marmorbrüche zusammen. Eine Gesangsausbildung hatten sie alle nicht. Sie sangen nur nach Gehör. Dickens schrieb: "Ich hörte sie in einer komischen Oper und in einem Akt von Bellinis "Norma", und sie machten ihre Sache sehr gut, im Unterschied zu den anderen Italienern, die mit Ausnahme der Neapolitaner völlig falsch zu singen pflegen und wenig wohllautende Stimmen haben." Das blieb aber nicht das Einzige, was den Schriftsteller in Carrara beeindruckte.

Früh morgens mietete er Ponys und machte sich mit seiner Familie auf zu den Marmorbrüchen. Er schrieb: "Drei große Täler ziehen sich die Hügel hinauf, bis die Natur ihnen Einhalt gebietet. Die Marmorbrüche oder Marmorgruben, wie sie auch genannt werden, sind Öffnungen hoch oben am Hügel zu beiden Seiten dieser Täler.

Dort wird Marmor gebrochen und hervorgeholt, der entweder von guter oder schlechter Qualität ist; folglich kann ein Mann durch ihn schnell reich werden oder durch die großen Kosten eines sich nicht lohnenden Bruches völlig verarmen. Einige der Brüche sind bereits von den alten Römern angelegt worden und bis zur Stunde so verblieben, wie sie von diesen verlassen wurden. In vielen anderen wird fleißig gearbeitet, wieder andere sollen morgen, nächste Woche oder nächsten Monat in Angriff genommen werden.

Eine ganze Reihe ist noch nicht verkauft, und niemand denkt bis jetzt daran, sie auszubeuten. Überall gibt es Marmor genug, und zwar für mehr Jahrhunderte, als seit der Entdeckung der Brüche vergangen sind; das edle Gestein harrt geduldig darauf, gefunden zu werden."

Diese Zeiten sind längst vorbei. Künstler klagen, dass heute jeder Waschtisch, jede Fliese für die Badezimmerverkleidung aus dem edlen "marmo statuario" vom Typ "Michelangelo" sein müsse. Das führe zu einem verheerenden Raubbau, zu einer verwüsteten Mondlandschaft um Carrara.

Dickens: Eisenbahn statt Ochsenkarren

Der Abtransport der gewaltigen Blöcke hat auch Charles Dickens besonders beeindruckt. Er schreibt: "Man stelle sich einen kleinen Bach vor, der über ein felsiges, mit Haufen von Steinen jeder Form und Größe bedecktes Bett rinnt, das sich mitten in der Schlucht hinabwindet. Das ist auch heute der Weg, so wie er es vor fünfhundert Jahren war.

Ein riesiger weißer Marmorbrocken mit rötlichen Bruchkanten stürzt herunter und wirbelt weißen Staub auf.

Herabstürzender Marmorfelsen

Man denke sich, dieselben Karren wie vor fünfhundert Jahren werden noch zu dieser Stunde gebraucht und wie vor fünfhundert Jahren von Ochsen gezogen, deren Vorfahren vor fünfhundert Jahren, wie ihre unglücklichen Nachkommen jetzt noch, von der Anstrengung und Qual dieser schweren Arbeit in einem Jahr zu Tode geschunden wurden.

Je nach der Größe sind zwei Paar, vier Paar, zehn Paar, zwanzig Paar Ochsen vor einen Block gespannt und müssen diesen Weg hinab. Während sie ihre ungeheure Last mühsam von Fels zu Fels schleppen, sterben sie oft unterwegs, und nicht nur sie allein, sondern manchmal auch ihre sich wild gebärdenden Treiber, die in ihrem Übereifer oft unter die Räder kommen und von diesen zermalmt werden. Aber was vor fünfhundert Jahren gut war, muss auch heute noch gut sein und eine Eisenbahn von den Höhen herab - die einfachste Sache von der Welt - würde man wahrscheinlich als Blasphemie ansehen."

Aber Mr. Dickens urteilte voreilig: 30 Jahre später, 1876, hatte Carrara seine "Carrara-Bahn", die die Marmorbrüche mit dem Meer verband. Die Hauptlinie war 20 Kilometer lang, hatte 15 Tunnel und 16 Brücken. Die Entwicklung der Diesel-Lastkraftwagen ab 1923 machten der Bahn noch lange keine Konkurrenz. Das geschah erst, als sie leistungsfähiger wurden. Der Verlauf der alten Bahnlinie ist aber noch heute zu sehen.

Autor/in: Bärbel Heidenreich

Stand: 08.08.2014, 13:00

Darstellung: