Die 50er Jahre
1949: Gründung BRD und DDR
Mit dem Kriegsende 1945 bricht auch die deutsche Verwaltung zusammen. Schon wenig später setzen die Siegermächte England, Frankreich, Sowjetunion und USA neue Provinzialregierungen ein. 1947 schließen Amerikaner und Briten ihre Besatzungszonen zu einem gemeinsamen Wirtschaftsgebiet zusammen, der sogenannten "Bizone" - damit ist der Weg zu einem eigenständigen westdeutschen Staat und zur Teilung Deutschlands vorgezeichnet. Während sich im Westen dank Wahlen, neu gegründeter Parteien und freier Presse ein demokratischer Alltag entwickelt, dominiert in der sowjetischen Zone die Sozialistische Einheitspartei SED die Politik. 1948 beauftragen die Westmächte ihre Ministerpräsidenten mit der Ausarbeitung einer Verfassung. Am 23. Mai 1949 wird sie im Parlamentarischen Rat verabschiedet; der Tag markiert die offizielle Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Im Osten Deutschlands entsteht mit der Deutschen Demokratischen Republik eine sozialistische "Volksdemokratie". Am 7. Oktober 1949 wird ihre Gründung in Berlin mit einem Fackelzug gefeiert.
1951: Knef nackt im Kino
Eigentlich sieht man nur den Rücken der nackten Schönen - und selbst das nur für ein paar Sekunden - doch für den ersten Filmskandal der jungen Republik reicht das trotzdem. Als 1951 Willi Forsts Prostituierten-Melodram "Die Sünderin" in die Kinos kommt, wettern katholische Pfarrer von der Kanzel, Flugblätter verunglimpfen das Werk als "Schandfilm", Demonstranten werfen Stinkbomben. Doppelmoral, kontert die Gegenseite: Schließlich ist es noch gar nicht lange her, dass sich in den Nachkriegs-Hungerwintern ganz normale Frauen mit ihren Liebesdiensten bei den Besatzern ein kleines Zubrot verdienten. Empört über das konservative Klima in ihrer alten Heimat, kehrt Hauptdarstellerin Hildegard Knef nach Hollywood zurück. Für den Film selbst war der Skandal die beste Werbung: Sieben Millionen Zuschauer sahen ihn allein in Deutschland.
1953: Volksaufstand in der DDR
Um den Wiederaufbau des Landes zu beschleunigen, beschließt die DDR-Führung im Mai die Arbeitsnormen zu erhöhen. Für die Arbeiter bedeutet das mehr Arbeit bei gleichem Lohn. Auf den Großbaustellen entlang der Berliner Stalinallee flammen erste Streiks auf, die sich am 17. Juni zu einem landesweiten Aufstand auswachsen. Gefordert werden nun auch der Rücktritt der Regierung und freie Wahlen. Es kommt zu blutigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei. Als sowjetische Panzer durch die Straßen rollen, geben die Protestanten auf. Insgesamt werden mindestens 51 Menschen getötet, in den Wochen danach über 6000 verhaftet. Die DDR-Führung wird später den Aufstand als vom Westen gesteuerten Putschversuch darstellen; die BRD ruft 1954 den 17. Juni zum Nationalfeiertag aus.
1953: Die Deutschen entdecken Italien
Im Sommer 1953 hört man das Lied in fast jeder Radiosendung: "Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein" bringt dem Schnulzenkönig René Carol seine erste Goldene Schallplatte ein und weckt beim Rest der Deutschen die Sehnsucht nach Sonne, Sandstrand und dem neuen Lieblingsurlaubsland Italien. Illustrierte feiern den italienischen Gigolo als Gegenmodell zum deutschen Biedermann, bissfeste Spaghetti machen der schwäbischen Eiernudel Konkurrenz. Schon Mitte der 50er reisen pro Jahr mindestens vier Millionen Deutsche an die Adria - anfangs meist auf eigene Faust, mit Käfer und Campinganhänger, später dann zunehmend mit professionellen Reiseunternehmen. Damit ist der Pauschaltourist geboren: Reisen soll nicht mehr bilden, sondern vergnügen und entspannen.
1954: Deutschland wird Fußballweltmeister
Als die deutsche Nationalelf am 4. Juli im Berner Wankdorfstadion auf Ungarn trifft, scheint der Sieger schon festzustehen: Ungarn gilt als unbezwingbar, Deutschland hingegen als fußballerischer Zwerg. Schon nach wenigen Minuten gehen die Ungarn erwartungsgemäß in Führung; doch Deutschland holt auf und kann schließlich mit Helmut Rahns 3:2-Treffer in der 84. Minute das Spiel für sich entscheiden. Die meisten Deutschen erfahren von dem Sieg aus dem Radio - 1954 gibt es in Deutschland erst 20.000 Fernsehgeräte. Der Freudenschrei von Radioreporter Herbert Zimmermann ("Toor! Toor! Toor! Toor! Tor für Deutschland!") wird so berühmt, dass noch heute Fernsehbilder des Spiels mit seiner Stimme statt mit der des Fernsehkommentators unterlegt werden. Historiker sehen im "Wunder von Bern" die eigentliche Geburtsstunde Nachkriegsdeutschlands: Der Titelgewinn gibt den Deutschen ihr Selbstvertrauen zurück und sorgt im Land für Aufbruchsstimmung.
1955: Die Bundeswehr nimmt ihren Dienst auf
Nach Kriegsende einigen sich die Alliierten, Deutschland vollständig zu entmilitarisieren. Doch mit der wachsenden Konfrontation von West- und Ostblock wächst bei den Westmächten der Wunsch, bei einer möglichen Bedrohung durch die Sowjetunion auch auf deutsche Truppen zurückgreifen zu können. Bundeskanzler Adenauer hofft, dass ein wiederbewaffnetes Deutschland dem westlichen Verteidigungsbündnis NATO beitreten und damit die volle staatliche Souveränität zurückerlangen könnte. Bereits seit 1950 lässt er deshalb, trotz massiver innenpolitischer Widerstände, Pläne für eine Armeegründung ausarbeiten. Nachdem 1954 die NATO-Staaten der Aufnahme Deutschlands zugestimmt haben, treten am 12. November 1955 die ersten 101 freiwilligen Soldaten ihren Dienst an. 1957 wird die Bundeswehr zu einer Wehrpflicht-Armee.
1955: Der millionste VW-Käfer
Ursprünglich hieß er gar nicht Käfer, sondern "Kraft-durch-Freude-Wagen": Unter Hitler wurde er als erschwingliches Auto für die breite Masse konzipiert, die Produktion dann jedoch mit Kriegsbeginn eingestellt. 1945 bringt ihn Volkswagen (VW) erneut auf den Markt - zu einem Preis von 4000 DM, wofür man in der Nachkriegszeit rund zwei Jahre arbeiten muss. Seinem Erfolg als Symbol des Wirtschaftswunders tut das keinen Abbruch: 1955 läuft bei VW in Wolfsburg der millionste Käfer vom Band, serienmäßig mit Heckmotor und Brezelfenster. Ob man mit ihm am Wochenende ins Grüne oder im Sommer an die Adria fährt, der Käfer vermittelt den Deutschen nach Kriegs- und Hungerjahren ein neues Freiheitsgefühl. In den 70ern wird er als "Dudu" und "Herbie" sogar zum Leinwandhelden. Erst 2003 stellt VW die Produktion endgültig ein.
1956: Die ersten Gastarbeiter kommen
Schon Anfang der 50er Jahre gewinnt die deutsche Wirtschaft so an Fahrt, dass heimische Arbeitskräfte nicht mehr ausreichen. 1955 schließt die Bundesrepublik deshalb ein Anwerbeabkommen mit Italien. Die ersten Gastarbeiter werden den Unternehmen noch von den Behörden zugewiesen und finden dort oft nur einfache Holzbaracken mit Stockbetten vor. Die meisten von ihnen wollen bald wieder in ihre Heimat zurückkehren. Als 1964 der millionste Gastarbeiter eintrifft, haben jedoch viele schon ihre Familien nachgeholt. Kulinarische Importe wie Pizza, Spaghetti und italienisches Eis tragen dazu bei, dass sich die Deutschen nach und nach mit ihren anfangs misstrauisch beäugten Mitbürgern anfreunden.
1957: Sputnik kreist im All
Durchmesser 58 Zentimeter, Gewicht nur 84 Kilogramm; außen poliertes Aluminium, innen ein Radiosender, der ein schwaches Kurzwellenpiepen ausstrahlt: Was die Sowjetunion da am 5. Oktober 1957 in die Erdumlaufbahn schießt, hört sich eigentlich ein bisschen nach Spielzeugsatellit an. Tatsächlich hat der Sputnik, erster Satellit im All, keinen wissenschaftlichen Zweck. Er soll einzig und allein verhindern, dass die USA, die zeitgleich an einem Satelliten arbeiten, die ersten im Weltraum sind. Trotzdem sitzt im Westen der Schock tief: Ein vermeintlich rückständiges kommunistisches Land hat das große industrialisierte Amerika geschlagen. Erst 1969, mit Armstrongs Mondlandung, werden die USA im Weltall-Wettlauf wieder gleichziehen.
1957: Adenauer triumphiert bei der Bundestagswahl
Bei der Bundestagswahl 1957 gelingt es einer Partei zum ersten und bisher einzigen Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, die absolute Mehrheit zu erringen: Konrad Adenauers CDU/CSU kommt auf 50,2 Prozent der Stimmen. Nach den heftigen innenpolitischen Kontroversen der Anfangsjahre kann Adenauer das als breite Zustimmung zu seiner Politik der Westbindung, Wiederbewaffnung und der sozialen Marktwirtschaft werten. Zusätzliche Popularität hat er 1955 mit seinem Besuch in Moskau gewonnen, in dessen Folge die letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion zurückkehren. Bereits 1959, zwei Jahre nach seinem furiosen Wahlsieg, wird allerdings der Streit um seine Nachfolge einsetzen.
1958: Elvis kommt nach Deutschland
Als Elvis Presley am 1. Oktober 1958 im hessischen Friedberg eintrifft, um dort für die nächsten eineinhalb Jahre seinen Wehrdienst in der US Army abzuleisten, ist Deutschland schon längst im Rock'n'Roll-Fieber. Mit Nietenhosen, Haartolle und Hüftschwung à la Elvis begehrt die Jugend gegen Nachkriegsprüderie und Leistungsdenken auf. Jugendmagazine wie die 1956 gegründete "Bravo" machen Sänger zu Idolen; bei Konzerten zerlegen euphorisierte Fans bisweilen das gesamte Mobiliar. Die DDR versucht mit dem eigens kreierten Modetanz Lipsi dem Rock'n'Roll eine Alternative entgegenzusetzen. Und in Westdeutschland, da landet der deutlich zahmere Peter Kraus mit "Wenn Teenager träumen" direkt neben Elvis in den Charts.
1959: mehr Wohlstand, weniger Arbeitslose
Mit 2,5 Prozent erreicht die Arbeitslosenquote 1959 den niedrigsten Stand der 50er Jahre. Den Deutschen geht es gut wie nie zuvor: Galt in den frühen Wirtschaftswunderjahren schon allein der sich rundende Wohlstandsbauch als Statussymbol, investiert man nun in Autos, Haushaltsgeräte und die Verschönerung des Eigenheims. Nierentisch und Tütenlampe werden zu Design-Klassikern. Doch der Aufschwung ist hart erkauft: Der Samstag ist zumeist noch ein regulärer Arbeitstag; Renten und Beihilfen für kinderreiche Familien steigen erst im Laufe der 60er Jahre, als die Arbeitslosigkeit mit 0,7 Prozent mehrmals so gering ausfällt wie seitdem nie wieder. Die Jugend protestiert gegen den Wirtschaftswunder-Wohlstandsmief - allerdings auch mit Konsum: Coca-Cola, Jeans und Petticoat stehen für das ungezwungene Lebensgefühl Amerikas.
1961: Mauerbau
Seit 1949 sind 2,6 Millionen Ostdeutsche in die Bundesrepublik geflüchtet, zumeist die Jungen und gut Ausgebildeten; für die DDR nimmt die Abwanderung Existenz bedrohende Ausmaße an. Am Morgen des 13. August 1961 sperrt sie deshalb die S- und U-Bahn-Linien nach West-Berlin, riegelt Ost-Berlin mit einer Mauer ab und macht auch die restlichen innerdeutschen Grenzen dicht. Um keinen Dritten Weltkrieg heraufzubeschwören, beschränken sich die Westalliierten auf diplomatische Proteste. Die DDR-Führung rechtfertigt die Mauer als "antifaschistischen Schutzwall", der das Land vor westlicher Unterwanderung bewahren soll. Entlang der Berliner Mauer stehen sich fortan zwei feindliche ideologische Blöcke waffenstarrend gegenüber.
Kerstin Hilt, Stand vom 1.6.2009









