Europas Kolonien
1415: Portugal erobert Ceuta
Ab dem frühen 15. Jahrhundert zieht es die Portugiesen aufs Meer. Während der große Nachbar Spanien noch mit den maurisch besetzten Gebieten im Mutterland zu kämpfen hat, kann sich das kleinere Portugal anderen Zielen widmen. 1415 erobert ein Kreuzritterheer unter portugiesischem Oberbefehl die von Mauren beherrschte nordafrikanische Stadt Ceuta.
Bei dem Feldzug gegen die Mauren tritt zum ersten Mal eine der schillerndsten portugiesischen Persönlichkeiten in Erscheinung: Infante Dom Henrique o Navegador, auch Heinrich der Seefahrer genannt. In den folgenden Jahrzehnten wird er zum bedeutendsten Auftraggeber und Organisator portugiesischer Entdeckungsfahrten im Atlantik. 1419 wird Madeira in Besitz genommen, 1427 die Azoren. Portugiesische Schiffe dringen entlang der afrikanischen Küste immer weiter nach Süden vor und gründen dabei zahlreiche Stützpunkte an Land.
Zunächst dienen die Stützpunkte nur dem Raub von Sklaven, die ins Mutterland transportiert werden. Doch bald treten friedliche Handelsbeziehungen in den Vordergrund. Afrikanische Völker wie die Wolof in Mauretanien werden begehrte Handelspartner. Sie tauschen Gold, Elfenbein und Sklaven gegen Pferde. Doch die portugiesischen Erfolge in Afrika bleiben dem Nachbarn Spanien nicht verborgen. Es kommt zu ersten Kämpfen um die Vorherrschaft auf den Kanarischen Inseln. 1455 spricht Papst Nikolaus V. in einer Bulle den Portugiesen das ausschließliche Recht zu, den Golf von Guinea und alle südlich davon gelegenen Gebiete zu befahren und in Besitz zu nehmen. Die Spanier erhalten im Gegenzug die Kanarischen Inseln.
1494: Vertrag von Tordesillas
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wird Spanien immer mächtiger. Durch ihre Heirat vereinigen Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón 1469 ihre Königreiche. 1492 fällt mit Granada die letzte maurische Bastion auf der Iberischen Halbinsel. Zur gleichen Zeit entdeckt Christoph Kolumbus, unter spanischer Flagge segelnd, Amerika. Spanien will den neuen Kontinent für sich erobern, doch dem stehen portugiesische Interessen im Atlantik entgegen. Damit es nicht wieder zu einem bewaffneten Konflikt kommt, teilen die beiden Großmächte im Vertrag von Tordesillas die Welt jenseits Europas unter sich auf. Etwa 1770 Kilometer westlich der Kapverdischen Inseln wird eine künstliche Linie gezogen. Die Spanier bekommen den westlich davon gelegenen Teil zugesprochen, während die Portugiesen sich auf den östlichen Teil konzentrieren.
Die Spanier gehen in ihrem Einflussbereich sofort ans Werk. Sie erobern die Karibischen Inseln, bevor Hernán Cortés 1519 das Aztekenreich in Mexiko und Francisco Pizarro 1531 das Inkareich in Peru unterwirft. Getrieben werden die Feldzüge durch die Hoffnung auf Macht und Reichtum. Missionarische Gründe werden erst später zur Rechtfertigung der oft brutalen Gewalt vorgeschoben.
Die Portugiesen dehnen ihren Herrschaftsbereich in Afrika immer weiter aus. Sie haben großes Interesse daran, den lukrativen Gewürzhandel mit Asien in ihrer Hand zu halten. 1498 umrundet Vasco da Gama zum ersten Mal das Kap der Guten Hoffnung und erreicht Indien auf dem Seeweg. 1510 wird Goa zur Hauptstadt des portugiesisch kontrollierten Gebietes in Indien gemacht. In den folgenden Jahrzehnten kontrollieren die Portugiesen den gesamten Handel im Indischen Ozean.
1517: Lizenz zum Sklavenhandel
Die neuen Kolonien auf dem amerikanischen Kontinent brauchen billige Arbeitskräfte. Da viele Indios auf den Plantagen der Europäer an Krankheiten oder Erschöpfung sterben, macht der spanische Bischof Las Casas seinem König einen interessanten Vorschlag: die Einfuhr von Schwarzen aus Afrika zur Sklavenarbeit auf den amerikanischen Plantagen. Da Spanien jedoch durch den Vertrag von Tordesillas von Geschäften auf dem afrikanischen Kontinent ausgeschlossen ist, vergibt der spanische König Karl V. 1517 die erste offizielle Lizenz zum Sklavenhandel. Flämische Händler dürfen ab sofort jedes Jahr 4000 Sklaven nach Amerika einführen. Damit ist der Grundstein für die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents gelegt.
Der Sklavenhandel ist ein lukratives Geschäft. Immer mehr Europäer erhalten in der Folgezeit offizielle Lizenzen dafür, die sogenannten "Asientos de Negros". Zunächst handeln die Genuesen und Portugiesen mit Sklaven, später steigen dann auch die Engländer und Franzosen in großem Stil ein. Schätzungen zufolge werden in den nächsten knapp drei Jahrhunderten mehr als zehn Millionen Afrikaner nach Amerika deportiert. Erst 1807 verbietet Großbritannien als erste europäische Nation den Sklavenhandel. Im Wiener Kongress 1815 wird die Sklaverei dann offiziell geächtet, der transatlantische Sklavenhandel kommt zum Erliegen.
1600: Gründung der British East India Company
Im frühen 17. Jahrhundert nimmt auch die Seemacht Großbritannien koloniale Pläne auf. Während in Nordamerika ganze Landstriche besiedelt werden und die indianische Bevölkerung verdrängt wird, setzen die Briten im asiatischen Raum auf wirtschaftliche Beziehungen. Hierfür wird im Jahr 1600 die "British East India Company" in London gegründet. Sie erhält das königliche Privileg, den Handel mit Gewürzen, Seide und Baumwolle zu kontrollieren. Anfangs ist sie noch ein reines Handelsunternehmen, das mit ähnlichen Unternehmen aus anderen Ländern konkurriert. Doch im Laufe des 18. Jahrhunderts strebt die Company besonders in Indien nach mehr politischer Macht und erobert zahlreiche Regionen. Im 19. Jahrhundert kontrolliert sie den gesamten Subkontinent mit den umliegenden Gebieten des heutigen Pakistan, Afghanistan, Birma und Malaysia.
Nur zwei Jahre nach der Gründung der britischen Handelsgesellschaft starten auch die Niederländer ihre Expansionen im asiatischen Raum. Während die Briten sich auf Indien konzentrieren, bringt die 1602 gegründete "Vereenigde Oostindische Compagnie VOC" nach und nach ganz Indonesien unter ihre wirtschaftliche Kontrolle. Im Gegensatz zu den Briten erobern die Niederländer keine Gebiete, sondern gründen Handelsniederlassungen wie die Stadt Batavia auf Java. Sie lassen die lokalen Herrschaftsstrukturen größtenteils bestehen, diktieren aber, mit welchen Produkten zur Befriedigung der Bedürfnisse in Europa gehandelt wird. Pfeffer, Tee, Kaffee und Textilien gehören zu den bevorzugten Gütern. Um ihre Unternehmungen zu finanzieren, erfindet die VOC das Prinzip der Aktie. Reiche Niederländer können sich an der Gesellschaft beteiligen und erhalten bei Gewinnen der VOC Dividendenausschüttungen.
1608: Frankreich gründet Québec
Im 16. Jahrhundert werden auch in Frankreich Stimmen laut, Gebiete in Übersee zu erobern und zu kolonisieren. Die Franzosen konzentrieren sich zunächst auf Nordamerika. Der Seefahrer Jacques Cartier dringt bei seinen Entdeckungsfahrten 1534-1542 weit in den St. Lorenz-Golf vor und nimmt die umliegenden Küstengebiete für Frankreich in Besitz. Doch erst mit der Gründung der Stadt Québec im Jahr 1608 beginnen französische Siedler, das Hinterland zu erschließen.
In den folgenden Jahrzehnten dehnen sie ihren Einflussbereich immer weiter aus, stoßen aber bald auf heftigen Widerstand der Briten, die ebenfalls die nordamerikanischen Gebiete für sich beanspruchen. Es kommt immer wieder zu kleineren Scharmützeln, die schließlich im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) zwischen den beiden europäischen Großmächten gipfeln. Frankreich verliert diesen Krieg und muss im Frieden von Paris 1763 alle Kolonien an die Briten abtreten. Die kolonialen Bestrebungen der Franzosen kommen vorerst zum Erliegen.
1775-1783: Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg
Im 18. Jahrhundert scheint die Herrschaft der Briten in Nordamerika gefestigt. Die Konkurrenten Frankreich und Niederlande sind ausgeschaltet, der Handel mit den 13 britischen Kolonien in Amerika floriert. Doch in den 1770er Jahren formiert sich erster Widerstand. Der nach Nordamerika eingeführte Tee wird so hoch besteuert, dass die Kolonien unter den finanziellen Belastungen ächzen. Der Widerstand gipfelt 1773 in der "Boston Tea Party". Als Indianer verkleidete amerikanische Siedler versenken ein mit Tee beladenes britisches Schiff der "East India Company" im Bostoner Hafen. Im gleichen Atemzug verlangen sie nach mehr Autonomie vom Heimatland.
Doch die britische Regierung reagiert genau entgegengesetzt. Sie lässt den Hafen von Boston schließen und verabschiedet Gesetze, die die Kolonien stark einschränken. Doch diese lassen sich das nicht bieten. 1775 erklären sie dem Mutterland den Krieg. Ein Jahr später, am 4. Juli 1776, rufen sie bereits ihre Unabhängigkeit aus. Auch wenn der Krieg mit den Briten noch sieben Jahre dauert, gehen die Kolonien überraschend als Sieger daraus hervor. 1783 wird George Washington zum ersten Präsident der neu gegründeten "Vereinigten Staaten von Amerika" gewählt. Mit der Niederlage im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg muss Großbritannien seine ersten Kolonien aufgeben.
1798: Napoleon marschiert in Ägypten ein
Ende des 18. Jahrhunderts tritt zum ersten Mal ein kleiner Korse in Erscheinung, der Europa nachhaltig verändern wird: Napoleon Bonaparte. Als junger General der französischen Armee marschiert er 1798 in Ägypten ein, um von dort aus den Briten im Mittelmeer Paroli zu bieten. Nach drei Jahren verlieren die Franzosen Ägypten zwar an die Briten, dennoch zeigt die Besetzung des afrikanischen Landes: Frankreich will den Neuaufbau eines kolonialen Systems, nachdem während der Französischen Revolution fast alle Kolonien aufgegeben wurden. Napoleon hat hochtrabende Pläne. Er will zusammen mit den Russen Indien unter seine Kontrolle bringen. Zudem schickt er Trupps nach Persien, Syrien und Algerien, um eine mögliche Besetzung der Länder auszukundschaften. Die Pläne scheitern allesamt.
Nach dem Sturz Napoleons erhalten die Franzosen im Frieden von Paris 1814 alle ihre vor 1789 gehaltenen Kolonien zurück. Doch dieser kleine, über alle Ozeane verteilte Besitz erscheint Frankreich zu wenig. Mit der Besetzung Algiers im Jahr 1830 beginnt die französische Herrschaft über Nordafrika. In den folgenden Jahrzehnten erobern französische Truppen fast die gesamte Sahara. Erst 1898 treffen sie an der Grenze zu Ägypten auf die britische Armee, vermeiden aber eine kriegerische Auseinandersetzung.
Frankreich baut auch seinen Einfluss in Asien aus. 1859 fällt Saigon an die Franzosen, es folgen Indochina und Teile Ozeaniens. Um 1930 stehen mehr als zwölf Millionen Quadratkilometer Fläche unter französischer Herrschaft, mehr als 90 Prozent davon in Afrika. Frankreich besitzt nach den Briten das zweitgrößte Kolonialreich der Welt.
1809-1825: Südamerikanische Unabhängigkeitskriege
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zieht eine Welle der Unzufriedenheit durch die spanischen Besitzungen in Südamerika. Die meisten Regionen verlangen mehr Autonomie von der Regierung in Madrid. Das spanische Kolonialreich in Südamerika ist zu diesem Zeitpunkt in drei Vizekönigreiche unterteilt: Neugranada, Peru und Río de la Plata. 1809 erklärt Ecuador als Region seine Unabhängigkeit, wenig später folgen Bolivien und Argentinien.
Die spanische Armee ist zu diesem Zeitpunkt in Europa stark eingebunden, da sie auf der Seite Napoleons gegen die Engländer kämpft und dabei einen Großteil ihrer Seemacht verliert. Dennoch will Spanien seine Kolonien nicht so einfach aufgeben. In fast allen Regionen Südamerikas kommt es zu jahrelangen Kriegen. Schließlich muss der spanische König Ferdinand VII. klein beigeben. Es bilden sich neue Staaten: Argentinien, Bolivien, Chile, Ecuador, Kolumbien, Paraguay, Uruguay und Venezuela. Die spanische Kolonialherrschaft auf dem südamerikanischen Festland ist beendet.
In der Karibik können sich die Spanier dagegen noch länger halten. Erst 1898 kommt es zum Krieg mit den USA, die ihr Einflussgebiet in Mittelamerika und Asien ausdehnen wollen. Sie greifen zunächst die spanisch besetzten Philippinen an, weiten den Krieg aber kurze Zeit später auf Kuba und Puerto Rico aus. Die Spanier haben den Angriffen nur wenig entgegenzusetzen und müssen nach nur wenigen Monaten kapitulieren. Damit ist das einst riesige spanische Kolonialreich bis auf wenige Besitzungen an der westafrikanischen Küste geschrumpft.
1880-1914: Wettlauf um Afrika
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts ist der europäische Einfluss in Afrika relativ gering. Er beschränkt sich auf wenige Regionen in Nord-, West- und Südafrika. Doch dann beginnt ein regelrechter Wettlauf um den Rest des riesigen Kontinents. Auf Expeditionen erkunden Entdecker wie David Livingstone das Innere Afrikas und erfahren dabei viel über die topografische und geologische Beschaffenheit des Kontinents. Zur gleichen Zeit suchen die europäischen Mächte nach neuen Absatzmärkten und Ressourcen für ihre Industrien. Neben den etablierten Kolonialmächten Portugal, Großbritannien und Frankreich treten jetzt auch neu formierte Staaten wie Belgien, Italien und Deutschland auf den Plan.
Die Eroberungen verlaufen relativ planlos, Grenzen werden willkürlich gezogen. Frankreich stößt von Nordafrika aus gen Süden vor, Großbritannien will von Ägypten bis Südafrika einen Korridor errichten. Italien erobert Libyen und Somalia, während Belgien den Kongo in Zentralafrika besetzt. Die Deutschen reißen sich unter anderem Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika, Togo und Kamerun unter den Nagel. 1884 lädt Reichskanzler Otto von Bismarck alle Kolonialmächte zur "Kongokonferenz" ein, um die Aufteilung Afrikas in geregelte Bahnen zu lenken. Die Folge: Die bestehenden Kolonien bleiben unangetastet, jedes weitere Gebiet darf der Staat sein Eigen nennen, der es zuerst in Besitz nimmt. Der Wettlauf nimmt in der Folgezeit dramatische Züge an. Bis 1914 ist bis auf Äthiopien der gesamte Kontinent unter den Europäern aufgeteilt.
1884-1918: Deutschland als Kolonialmacht
Lange Zeit ziert sich Reichskanzler Otto von Bismarck, die deutsche Kolonialpolitik formell zu unterstützen. Er sieht den jungen deutschen Nationalstaat noch nicht für koloniale Abenteuer gerüstet und befürchtet Konflikte mit den Briten. Doch die deutschen Kolonialverbände werden immer forscher, sie annektieren 1884 sogenannte "Schutzgebiete" in Afrika, darunter Deutsch-Südwestafrika, Togo und Kamerun. Auf eigene Faust können sie dort jedoch keine kolonialen Strukturen aufbauen. Im April 1884 gibt Bismarck nach. Er stellt Deutsch-Südwestafrika unter den formellen Schutz des Deutschen Reiches. Damit tritt Deutschland als eine der letzten europäischen Nationen in das koloniale Zeitalter ein.
In den folgenden Jahren werden weitere Kolonien besetzt, vor allem in Ostafrika und ein paar kleine Inseln im Pazifik. Bei der Kolonisierung gehen die Deutschen äußerst brutal vor. Innerhalb kurzer Zeit wollen sie Strukturen aufbauen, für die andere Nationen Jahrzehnte oder Jahrhunderte Zeit gehabt haben. Dies führt in den Kolonien immer wieder zu Aufständen, die mit aller Gewalt niedergeschlagen werden. In Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, treiben deutsche Truppen die einheimischen Herero in die Wüste und lassen sie dort verdursten. Von 1904 bis 1908 verlieren mehr als 80.000 Herero ihr Leben.
Doch die deutsche Kolonialära ist nur von kurzer Dauer. Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg verliert das Deutsche Reich auch all seine Kolonien. Im Versailler Vertrag von 1919 teilen die siegreichen europäischen Staaten die deutschen Besitzungen unter sich auf. Nach nur 35 Jahren ist Deutschlands Zeit als Kolonialmacht beendet.
1922: Ägypten wird unabhängig
Der Erste Weltkrieg kostet Geld, viel Geld. Vor allem die Briten bekommen dies zu spüren. Die Aufrechterhaltung ihres riesigen Weltreichs verschlingt Unsummen. Zu Beginn der 1920er Jahre macht sich in den ersten britischen Kolonien Unmut breit. Zudem müssen die Briten in Europa auch noch gegen die Iren kämpfen, die ihre Loslösung von der Krone forcieren. Diesen Herausforderungen ist das Empire nicht mehr gewachsen. 1922 erlangt Ägypten als erste afrikanische Kolonie nach schweren Unruhen die formelle Unabhängigkeit von Großbritannien. Das britische Weltreich beginnt zu bröckeln.
Zur gleichen Zeit verlangen die britischen Dominions, die vier sich selbst verwaltenden Kolonien Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika, nach mehr Autonomie vom Mutterland. Dies führt 1926 zur Gründung des "British Commonwealth of Nations", in dem die Dominions zu autonomen Gemeinschaften innerhalb des britischen Empires erklärt werden. Vier weitere Kolonien sind somit von Großbritannien faktisch unabhängig.
Der Beginn des Zweiten Weltkriegs verschlechtert die Lage in den britischen Kolonien weiter. Die Japaner greifen British Malaya, Hongkong und Singapur an. Großbritannien kann seine Kolonien nicht mehr aus eigener Kraft verteidigen. Es braucht die Unterstützung der Dominions und der USA. Obwohl die Briten aus dem Zweiten Weltkrieg als Sieger hervorgehen, ist ihr Status als führende Kolonialmacht geschwächt.
1947: Indien wird unabhängig
Indien ist das Herzstück des britischen Empires. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts erobert Großbritannien fast den gesamten Subkontinent. Dieses Flaggschiff ihres Kolonialbesitzes wollen die Briten nicht so leicht aufgeben. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem viele Inder auf der Seite Großbritanniens gefallen sind, werden die Rufe nach Unabhängigkeit jedoch lauter. Ein Mann wird dabei zum Sprachrohr der indischen Bevölkerung: Mahatma Gandhi. Der charismatische Gandhi propagiert einen Widerstand der absoluten Gewaltlosigkeit. 1920 ruft er zur Kampagne der Nichtkooperation auf. 300 Millionen Inder sollen fortan nicht mehr mit den 100.000 Briten im Land zusammenarbeiten. Doch seine Kampagne hat zunächst keinen Erfolg, da der Großteil der Inder nicht mitmacht.
1930 weitet Gandhi die Kampagne der Nichtkooperation zur Kampagne des zivilen Ungehorsams aus. Er fordert die gewaltlose Übertretung britischer Gesetze. Die Kampagne gipfelt in dem legendären Salzmarsch, auf dem Gandhi und seine Anhänger gegen das britische Salzmonopol demonstrieren. Gandhis Geduld zahlt sich langsam aus. Im Zweiten Weltkrieg kämpfen mehr als zwei Millionen Inder auf Großbritanniens Seite. Nachdem England 1942 nicht mehr direkt von den Deutschen bedroht ist, fordert Gandhi den Tribut für die Unterstützung und erklärt die Unabhängigkeit Indiens. Kurz darauf wird er verhaftet, zwei Jahre später jedoch aus gesundheitlichen Gründen wieder entlassen. Die Inhaftierung bringt ihm weitere Sympathiepunkte bei der Bevölkerung ein. Direkt nach dem Krieg erstreiten Gandhi und Jawarhalal Nehru, der später erster Präsident Indiens wird, am Verhandlungstisch die Unabhängigkeit, die 1947 vom britischen Premierminister Clement Attlee formell bekannt gegeben wird.
Ab 1951: Afrika wird dekolonisiert
Nach dem Zweiten Weltkrieg wittern viele afrikanische Kolonien Morgenluft. Die europäischen Siegermächte, allen voran Frankreich und Großbritannien, haben noch stark mit den Folgen des Krieges zu kämpfen. 1945 und 1947 kommt es zu Unruhen in den französischen Kolonien Algerien und Madagaskar, die gewaltsam niedergeschlagen werden. Der Beginn des verlustreichen Algerienkrieges 1954 und der verlorene Krieg in Indochina (1946-1954) läuten eine Wende in der französischen Kolonialpolitik ein. Nach und nach entlässt Frankreich seine afrikanischen Kolonien in die Unabhängigkeit. Tunesien und Marokko machen 1956 den Anfang, 1960 folgen auf einen Schlag zahlreiche Kolonien in West- und Zentralafrika.
Großbritannien zieht sich im Gegensatz zu Frankreich weitgehend kampflos aus seinen Kolonien zurück. Die britische Regierung will ihre Kolonien nach und nach an gemäßigte demokratische Regierungen übergeben. 1957 erlangt Ghana als erstes zentralafrikanisches Land die Unabhängigkeit. Doch mit dem Rückzug der Briten entstehen in vielen Kolonien regionale Konflikte. Nichtsdestotrotz werden in den 1960er Jahren alle Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen - ungeachtet der willkürlich gezogenen Grenzen und schwelenden Konflikte. Nur Namibia wird unter südafrikanische Verwaltung gestellt und erlangt erst 1990 seine Unabhängigkeit.
Die anderen europäischen Staaten verfolgen sehr unterschiedliche Pläne in Afrika. Während das nach dem Krieg gebeutelte Italien bereits 1951 Libyen in die Unabhängigkeit entlässt, erhält der Kongo erst 1960 seine Souveränität von Belgien. Portugal hält noch bis zum Ende der faschistischen Diktatur im Jahr 1974 an seinen Kolonien fest.
1975: Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonien
Im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern hält Portugal sehr lange an seinen Kolonien fest. Zu einem Zeitpunkt, als in England, Frankreich und den Niederlanden liberale demokratische Strömungen ein Ende der Kolonialpolitik fordern, entsteht Anfang der 1930er Jahre in Portugal unter Ministerpräsident António de Oliveira Salazar eine faschistische Diktatur, die das einst so mächtige portugiesische Imperium wiederbeleben will. Während des Zweiten Weltkriegs kommt das neutrale Portugal durch Handel mit Produkten aus seinen Kolonien zu beträchtlichem Wohlstand. Doch nach dem Krieg beginnt auch das portugiesische Kolonialreich zu bröckeln. 1961 besetzt Indien Goa, Damão und Diu. In Afrika kommt es Anfang der 1960er Jahre in Guinea, Mosambik und Angola zu bewaffneten Aufständen der einheimischen Bevölkerung. Obwohl Portugal schrittweise die Lebensbedingungen in den afrikanischen Kolonien verbessert, kann es die Entwicklung nicht mehr aufhalten.
Am 25. April 1974 wendet sich die portugiesische Armee gegen die faschistische Diktatur im Heimatland. Die Bevölkerung ist begeistert. In einer volksfestartigen Stimmung stecken Menschen auf den Straßen den Soldaten Nelken in die Gewehrläufe. Der friedlich verlaufende Aufstand geht als Nelkenrevolution in die Geschichte ein. Die faschistische Regierung ist aufgrund der überbordenden Stimmung im Land überfordert und kapituliert. Nur ein Jahr später entlässt die neu gewählte demokratische Regierung als letzter europäischer Staat seine Kolonien in die Unabhängigkeit. Die mehr als 500 Jahre dauernde portugiesische Kolonialgeschichte ist beendet.
1994: Ende der Apartheid in Südafrika
Am 9. Mai 1994 wird für viele schwarze Südafrikaner ein Traum wahr: Nelson Mandela wird in freien Wahlen als erster Schwarzer zum Präsidenten des Landes gewählt. Obwohl das 20. Jahrhundert schon weit fortgeschritten ist, ist ein frei gewählter Präsident im Land am Kap etwas Besonderes. Bis zu diesem Zeitpunkt sind die Buren, die ursprünglich aus den Niederlanden stammende weiße Bevölkerung, im Land tonangebend. Sie widersetzen sich jahrzehntelang vehement allen Bestrebungen, der schwarzen Bevölkerung mehr Rechte zuzugestehen.
Bereits 1926 erlangt Südafrika als eine der vier sich selbst verwaltenden Kolonien, den sogenannten Dominions, die Unabhängigkeit von Großbritannien. Die Regierung des neuen Staates wird zu einem großen Teil von Buren bestimmt. Sie sind gegenüber der mehrheitlich schwarzen Bevölkerung des Landes deutlich konservativer und rassistischer eingestellt als die Briten. Schon zu Beginn der Unabhängigkeit verschärfen sie viele Gesetze zum Nachteil der Schwarzen. Zug um Zug wird der schwarzen Bevölkerung immer mehr Lebensraum genommen, das Wahlrecht entzogen und Aufstiegsmöglichkeiten verbaut. Die Lage verschlimmert sich noch, als 1948 die rassistische "Nationale Partei" an die Macht kommt. Sie verfolgt eine strikte Rassentrennung zwischen weißer und schwarzer Bevölkerung - die sogenannte Apartheid.
Trotz internationaler Proteste und wirtschaftlicher Boykotte hält sich die Nationale Partei noch mehr als 40 Jahre an der Macht. Erst der letzte weiße Präsident des Landes, Frederik Willem de Klerk, verfolgt ab 1990 eine liberalere Politik. Er entlässt den lange inhaftierten Nelson Mandela aus dem Gefängnis und ist zu ersten Gesprächen mit der schwarzen Bevölkerung bereit. Das letzte koloniale System, das seine Bewohner bewusst ungleich behandelt, neigt sich dem Ende zu.
1997: Großbritannien übergibt Hongkong an China
Mit einem riesigen Feuerwerk, das die ganze Skyline der Millionenstadt überstrahlt, übergibt Großbritannien am 1. Juli 1997 Hongkong an China. 155 Jahre britische Herrschaft auf chinesischem Boden sind vorüber. Hongkong fiel 1842 an die Briten, nachdem sie sich im Opiumkrieg gegen China durchgesetzt hatten. Im "Vertrag von Nanking" musste der chinesische Kaiser Hongkong "auf immer und ewig" an die Briten abtreten. 1898 pachteten die Briten noch für 99 Jahre die umliegenden Gebiete und Inseln dazu, die sogenannten "New Territories". Und genau dieser Pachtvertrag bringt China im 20. Jahrhundert einen entscheidenden Vorteil.
In den 1980er Jahren nehmen die beiden Länder Verhandlungen auf. Großbritannien will die Pacht gerne verlängern, China lehnt dies strikt ab. Da Hongkong ohne seine umliegenden Gebiete alleine nicht lebensfähig wäre, gibt die britische Premierministerin Margaret Thatcher schließlich nach. Hongkong wird als letzte verbliebene Kronkolonie des britischen Empires mit Ablauf des Pachtvertrages an China zurückgegeben.
Hongkong ist der letzte Stein im Mosaik der britischen Dekolonisierung. Nach dem Zweiten Weltkrieg geht es Schlag auf Schlag. Nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 gibt es für die anderen Kolonien in Asien und Afrika kein Halten mehr. In den 50er und 60er Jahren entlässt Großbritannien zahlreiche Länder in West-, Ost- und Südafrika in die Unabhängigkeit. Und auch in Asien sieht es nicht anders aus. Nur ein Jahr nach der Unabhängigkeit Indiens lösen sich auch Birma und Ceylon (Sri Lanka) von Großbritannien. Bis in die 60er Jahre folgen die restlichen Kolonien, wie Malaysia oder Singapur.
Tobias Aufmkolk; Stand vom 8.4.2010
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