Das Grenzgebiet

DDR-Grenzstein im Grünen.

Das Leben in der DDR

Das Grenzgebiet

Altgrasflure, Niedermoore, Auenwälder – solche Stichworte bringen Naturfreunde ins Schwärmen. An der ehemaligen Grenze quer durch Deutschland gibt es all das, weil ein breiter Streifen 40 Jahre von Landwirtschaft und Verkehr unberührt blieb.
Als die Grenze fiel, traten die Naturschützer auf den Plan. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) treibt, unterstützt von Politikern fast aller Parteien, das Projekt "Grünes Band Deutschland" und seine Fortsetzung in einem "European Green Belt" durch ganz Europa voran.

Politischer Rückenwind – Kontra aus der Wirtschaft

Die Bundesregierung machte es 2005 in einer Koalitionsvereinbarung offiziell: Ein nationales Naturerbe soll das "Grüne Band" sein. Dazu würden bundeseigene Flächen kostenlos an die für den Naturschutz zuständigen Länder übertragen.

Verlierer sind die ehemaligen Eigentümer, von der DDR vertrieben und vom deutschen Einigungsvertrag benachteiligt. Einige wenige haben ihr Land zurückgekauft. Inzwischen tritt der BUND als Käufer auf, um Flächen für den Naturschutz zu erhalten.

Insgesamt 85 Prozent der ehemaligen Grenzflächen sind so für das Projekt nutzbar. Dennoch sind die Naturschützer unzufrieden, vor allem dort, wo sie mit Landwirtschaft und Straßenbau konkurrieren.

Die deutsche Einheit machte auch Verkehrsprojekte wie die Autobahnbauten A 72 und A 73 sowie ICE-Strecken erforderlich. Die Landwirtschaft tendiert zudem zur Bewirtschaftung großer Flächen mit dem entsprechend massiven Einsatz von Maschinen, Pflanzenschutzmitteln und Düngern.

Infrastrukturentwicklung, das gesamteuropäische Straßennetz und die Landwirtschaftspolitik der Europäischen Union (EU) sind mit einem zusammenhängenden Naturraum nur schwer vereinbar.

Perlenkette statt Korridor

Fachleute favorisieren inzwischen einen Kompromiss, der einzelne, besonders wertvolle und zu schützende Reservate lose aneinanderreiht. Einige davon führt der BUND als Pilotprojekte. Am Flüsschen Ulster etwa in der Rhön, das schon seit 1991 als Biosphärenreservat der Unesco geschützt ist, oder im Altmarkkreis Salzwedel (Sachsen-Anhalt) mit dem über fünf Quadratkilometer großen und bis 30 Meter tiefen Arendsee.

Feucht- und Moorgebiete sowie deren kleine Fließgewässer lassen seltene Tiere und Pflanzen gedeihen. Der Harper Mühlenbach in Sachsen-Anhalt zum Beispiel war über Jahrzehnte Grenzgewässer und blieb so von Ausbaumaßnahmen verschont.

Die Naturräume sollen aber nicht nur geschützt, sondern zugleich auch touristisch erschlossen werden. Landschaft und Natur sollen auch die Aufmerksamkeit und Wertschätzung vieler Menschen bekommen, die sich erholen und die Schönheit der heimischen Flora und Fauna genießen.

In einigen Regionen, wie zum Beispiel im Harz oder in der Rhön, gibt es mittlerweile viele Wege für Radfahrer und Wanderer.

Auf einem Ast sitzt ein Schwarzstorch.

In der Altmark ist wieder der Schwarzstorch heimisch

Käuze, Knabenkraut und Kröten

Ein weiteres Schutzgebiet im Altmarkkreis ist das Cheiner Torfmoor. Hier wachsen einheimische Orchideenarten, die nur überleben können, wenn die dortigen Feuchtwiesen zwar gemäht, aber nicht trockengelegt oder künstlich gedüngt werden.

Auch Steinkäuze mögen keine großflächige, industrialisierte Landwirtschaft. Sie nisten gern in Kopfweiden, in kleinräumig bewirtschafteten Bereichen. Im Großen Bruch in Sachsen-Anhalt war das Grenzgebiet ihr letzter Zufluchtsort mitten in einem völlig verödeten Gebiet.

Das "Grüne Band" bietet für viele Vogelarten Brutplätze oder einen Ort der Rast auf ihren Zügen; manche überwintern hier.

In Südthüringen, in der Region zwischen Hildburghausen und Sonneberg, sind an kleinen Flüssen wie der Steinach und der Föritz Feuchtgebiete, Tümpel und ungenutzte Teiche erhalten, wo Laubfrosch, Kammmolch und Kreuzkröte zu Hause sind.

Und wer Glück hat, Geduld und gute Augen, entdeckt bei einer Exkursion einen Eisvogel, ein Braunkehlchen oder eine Bekassine. Fast alle diese Vogelarten stehen auf der Roten Liste – sie sind vom Aussterben bedroht. Insgesamt beherbergt das "Grüne Band" etwa 600 schützenswerte Arten.

Ein pinkfarbener Blütenstand mit zarten Blütenblättern.

Das Helmknabenkraut gehört zu den geschützten Orchideen

Das Unscheinbare schützen

Zu den traurigen Hinterlassenschaften des DDR-Grenzgebietes gehörten auch mit Pflanzengift und Treibstoff verseuchte Böden: Bestimmte Flächen sollten nicht mit Pflanzen überwachsen sein, damit Fußspuren von Flüchtlingen sichtbar und Schussfelder frei blieben.

Die Natur hat sich auch dort wieder durchgesetzt: in Form zahlreicher Kleinstlebewesen und unscheinbarer Pionierpflanzen.

Auch die Welt der Insekten – das ergab eine Artenuntersuchung im Jahr 2003 – ist in den Schutzgebieten besonders vielfältig. Dazu gehören Schmetterlinge, Libellen und Schrecken, die auf intensiv genutzten Feldern nicht existieren könnten. 80 Prozent der hier vorkommenden Tagfalter und über die Hälfte der Libellen gelten als gefährdet.

Mikroorganismen, Würmer und Insekten, kleine und kleinste Wesen in der Luft, in Böden und Gewässern bilden einen Mikrokosmos der biologischen Vielfalt. Das "Grüne Band" ist eine Chance, seine unschätzbaren Werte zu erhalten.

Grashüpfer auf einer Blume

Heuschrecken finden Zuflucht im früheren Grenzgebiet

Autor: Immo Sennewald

Stand: 28.05.2018, 16:00

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