Marianne Birthler: Ein Leben für die Freiheit

Porträt-Aufnahme von Marianne Birthler.

Das Leben in der DDR

Marianne Birthler: Ein Leben für die Freiheit

Marianne Birthler hat die Zeit der DDR und des wiedervereinigten Deutschlands geprägt. Bis zum Mauerfall kämpfte sie gegen die Regierung in der DDR. Die Staatssicherheit machte ihr dafür das Leben schwer. Seit dem Fall der Mauer kämpft Birthler für die Aufarbeitung der Stasi-Verbrechen.

Zu protestieren musste sie erst lernen

Marianne Birthler wirkt selbstbewusst und schüchtern zugleich. Die Wahrheit aussprechen, protestieren und anführen – das musste Marianne Birthler erst lernen. Sie wächst in Berlin Friedrichshain auf. In der Schule gilt sie als ernsthaftes Mädchen.

Früh engagiert sie sich in der jungen Gemeinde und tritt dafür sogar aus der Freien Deutschen Jugend (FDJ) aus, einer Jugendorganisation in der DDR. Als sie zwanzig ist, heiratet sie. Marianne Birthler war damals schon im vierten Monat schwanger. Und nur wer verheiratet war, hatte als junger Mensch den Anspruch auf eine eigene Wohnung in der DDR.

Mit den Kindern kommen die Fragen

Die 31-jährige Marianne Birthler sitzt zusammen mit ihren Töchtern Uta, Eva und Anna unter einem Baum.

1979: Marianne Birthler mit ihren Töchtern Uta, Eva und Anna

Birthler zieht aufs Land, mit ihrem Mann, dem Tierarzt und heutigen SPD-Politiker Wolfgang Birthler. Sie bekommt zwei weitere Töchter. Doch mit den Kindern kommen die Fragen.

"Wenn man Kinder hat, setzt man sich auf eine andere Art und Weise mit seiner Umwelt und den politischen Verhältnissen auseinander", sagt Marianne Birthler. "Was ist, wenn meine Kinder mutig werden und dadurch Schwierigkeiten bekommen?"

Im Visier der Stasi

Werner Fischer und Marianne Birthler verlassen ein Gebäude; Observationsfoto der Stasi 28. Oktober 1989.

Die Stasi überwacht Marianne Birthler

In der Kirchengemeinde kann sie offen über ihre Zweifel reden und trifft viele, die so denken wie sie. Mitte der achtziger Jahre trennt sich Birthler von ihrem Mann und zieht zurück nach Ost-Berlin. Sie nimmt einen Job als Gemeindepädagogin in der Kirche an.

Am Prenzlauer Berg arbeitet Birthler fortan mit Jugendlichen und gründet mit anderen den DDR-weiten "Arbeitskreis solidarische Kirche". Dadurch gerät sie immer mehr ins Visier der Staatssicherheit (Stasi).

"Es war nicht so, dass wir immer mit hängenden Schultern herumgelaufen sind, bedrückt und voller Angst!", sagt Birthler heute. "Wir hatten auch Spaß und wir hatten in vielen Momenten das Gefühl, das bessere Leben gewählt zu haben. Besser auf jeden Fall als das Leben von diesem Typen, die da vor der Haustür stehen. Die haben uns manchmal sogar leidgetan."

Das letzte Aufbäumen der DDR-Führung

Aufmarsch der DDR-Volkspolizei gegen friedliche Demonstranten auf der Schönhauser Allee 7. Oktober 1989.

Aufmarsch der DDR-Volkspolizei gegen friedliche Demonstranten

Im Herbst 1989 spitzt sich die Lage in der DDR zu. Montag für Montag demonstrieren Zehntausende friedlich für mehr Demokratie. Immer wieder verhaftet die Polizei Demonstranten. Wasserwerfer, Schlagstöcke und Tränengas kommen zum Einsatz. Marianne Birthler schreibt auf, was die Demonstranten über die Zusammenstöße mit der Polizei berichten. Sie richtet ein Kontakttelefon ein. In der Nacht vor dem 40. Jahrestag der Republik, dem 7. Oktober, verhaftet die DDR-Führung Hunderte von Kritikern.

Wir sind das Volk

Fürbittandacht in der Gethsemanekirche Oktober 1989.

Marianne Birthler in der Gethsemanekirche Oktober 1989

Die Situation schaukelt sich weiter hoch: Die Regierungsgegner versammeln sich daraufhin in der Gethsemanekirche in Ost-Berlin, darunter auch Marianne Birthler. Sie fordern die Freilassung der Demonstranten, die in der Nacht zuvor festgenommen worden waren.

48 Stunden harren die Menschen in und vor der Kirche aus und bangen. Auch in Leipzig ist das Volk auf der Straße. Es fällt kein Schuss – alles ist friedlich. Dann kommt die gute Nachricht über das Kontakttelefon von Marianne Birthler. Die Gefangenen sind wieder frei! "Diesen Moment werde ich meinen Lebtag nicht vergessen. Das war wirklich der Geschmack von Freiheit", sagt Birthler.

Die große Alex-Demo

Demonstration auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989.

4. November 1989: Demonstration auf dem Alexanderplatz

Nicht ganz vier Wochen später – am 4. November 1989 – spricht Marianne Birthler auf dem Berliner Alexanderplatz zu einer halben Million Menschen.

"Als ich die vielen Menschen mit ihren Transparenten sah, war ich tief beeindruckt und hatte Tränen in den Augen", sagt sie. "Ich hatte großes Lampenfieber und weiche Knie, als ich vor das Mikrofon trat." In ihrer Rede fordert sie, dass die Verantwortlichen der DDR-Regierung für die Verhaftungen zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Wende naht

Die Mauer ist offen: Grenzübergang Bornholmer Brücke 9. November 1989.

Die Mauer ist offen: Grenzübergang Bornholmer Brücke 9. November 1989

Fünf Tage danach fällt die Mauer. Die Ereignisse überschlagen sich: Marianne Birthler arbeitet mit am runden Tisch zu Bildung, Erziehung und Jugend. Sie wird Sprecherin von Bündnis 90 und zieht als Abgeordnete zunächst in die alte Volkskammer der DDR ein.

Am 3. Oktober 1990 sitzt sie im ersten gesamtdeutschen Bundestag. Nach den ersten gemeinsamen Wahlen tritt Birthler ihr Mandat im Landtag des neu gegründeten Bundeslandes Brandenburg an. Den Ministerpräsidenten Manfred Stolpe kennt sie noch aus der Zeit im politischen Widerstand der DDR. Stolpe beruft Marianne Birthler in sein Kabinett und macht sie zur Ministerin für Bildung, Jugend und Sport.

Der Aufbau und die Schulreform

Einweihung des ersten brandenburgischen Leistungsstützpunkts Juni 1992.

Die Ministerin Marianne Birthler eröffnet den ersten Leistungsstützpunkt

Birthler will das Ministerium modernisieren, das zu Zeiten der DDR von Margot Honecker geführt wurde. Birthlers Ziele: Sie will eine Bildungsreform mit neuem Schulgesetz. Alle ehemaligen Stasi-Lehrer sollen enttarnt werden. Das Ergebnis: Tausende Lehrer werden überprüft.

An den Schulen soll offen über das Unrecht in der DDR gesprochen werden. Das klingt einfacher als es ist. "Die Widerstände waren zumeist unüberwindlich. Ich erinnere mich an Veranstaltungen in Schulen, in denen ich auf eine Wand des Schweigens traf, wenn ich das Gespräch auf die DDR lenkte."

Rückschlag und Rücktritt

Pressekonferenz anlässlich des Rücktrittes vom Ministeramt aus Protest gegen die Stasi-Verwicklungen von Manfred Stolpe 29. Oktober 1992.

Pressekonferenz anlässlich des Rücktrittes

Ein weiteres Problem: Anfang der Neunziger tauchen Gerüchte auf, dass Ministerpräsident Manfred Stolpe während seiner Zeit als Kirchenvorsitzender in der DDR mit der Stasi kooperiert habe. Marianne Birthler stellt ihn zur Rede. Stolpe bittet sie um Stillschweigen – und stürzt sie damit in einen Loyalitäts-Konflikt. Als Ministerin hat sie Hunderte von Lehrern mit einer Stasi-Vergangenheit entlassen, doch ihr Vorgesetzter soll unbescholten davonkommen? "Nicht nur Verstand und Gefühl rebellierten, sondern auch mein Körper. Ich rannte aufs Klo und übergab mich", sagt sie heute.

"Wenn ich Stolpe gegenüber nicht loyal sein konnte, blieb nur der Rücktritt." Im Oktober 1992 tritt Birthler aus Protest als Ministerin zurück, nicht ohne in der Pressekonferenz zu ihrem Rücktritt erneut Kritik zu äußern.

Späte Lehrjahre

Mit Joschka Fischer auf der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis90/Die Grünen in Leipzig Mai 1993.

Leipzig, 1993: Mit Joschka Fischer auf einer Konferenz von Bündnis90/Die Grünen

Sie wird Sprecherin von Bündnis90/Die Grünen, Präsidiumsmitglied des Deutschen Evangelischen Kirchentages und beginnt mit 46 eine vierjährige Ausbildung zur Organisationsberaterin.

Es ist ihre dritte Ausbildung – und die Entscheidung dazu hat sie wohlüberlegt: "Wenn ich bei Entscheidungen nicht wusste, was machst du jetzt, habe ich mich immer gefragt: Was ist nötig, dass du morgen noch ein richtig gutes Gefühl mit Dir selber hast? Ich wollte mich nicht vor mir selbst oder anderen schämen!"

Kampf dem Vergessen

Verabschiedung im Bundestag 28. Januar 2011.

Der Bundestag verabschiedet Marianne Birthler am 28. Januar 2011

Doch es kommt anders. Marianne Birthler wird keine Politik- und Organisationsberaterin, profitiert aber trotzdem von der Ausbildung. Im September 2000 wählt der Bundestag sie zur Nachfolgerin von Joachim Gauck als Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, die Stasi-Unterlagen-Behörde.

Zehn Jahre lang leitet sie die Behörde. Birthler hilft den Menschen, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. "Einer meiner Lieblingssprüche stammt von Sören Kierkegaard: Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden", sagt sie.

Autor: Michael Ringelsiep

Stand: 02.08.2016, 11:00

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