Zuflucht Prager Botschaft

Die Berliner Mauer

Zuflucht Prager Botschaft

Das Bild hat sich eingebrannt: Außenminister Hans-Dietrich Genscher steht auf dem Balkon der westdeutschen Botschaft in Prag und verkündet den DDR-Flüchtlingen, dass sie ausreisen dürfen.
Über das Happy End werden die dramatischen Wochen davor oft vergessen. Fast 4000 Menschen waren zwischen Juni und Oktober 1989 in die Villa Lobkowicz geflüchtet. Herrschte anfangs noch Campingplatz-Atmosphäre, fanden die Menschen zum Schluss kaum noch Platz, um sich auszustrecken.

Wie die Besetzung der Prager Botschaft begann

Dass DDR-Bürger über den Zaun der Villa Lobkowicz kletterten, war nicht neu. Üblicherweise handelte das Innerdeutsche Ministerium (BMB) für sie die Zusage aus, dass ihr Ausreiseantrag nach einer Rückkehr in die DDR positiv beschieden werden würde.

In der Regel ließen sich die Menschen darauf ein. Manche Flüchtlinge kaufte die Bundesrepublik auch frei.

Die Flüchtlinge, die ab Juni 1989 in der Botschaft eintrafen, waren – wie der damalige Botschafter Hermann Huber in seinen Erinnerungen schreibt – "militanter". Sie trauten der DDR-Führung und ihrem Unterhändler, dem Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, nicht über den Weg und wollten unter keinen Umständen in die DDR zurück. Im Fachjargon hieß das: Sie setzten sich fest.

Ein Polizist versucht, einen Flüchtling am Übersteigen des Zaunes der Villa Lobkowicz zu hindern

Das Ziel: Über den Zaun der Villa Lobkowicz

Die Lage spitzt sich zu

Die Zahl der Flüchtlinge in der Prager Botschaft stieg deshalb kontinuierlich an. Am Anfang waren die Menschen noch im Dachgeschoss der Villa Lobkowicz untergebracht, das als Notquartier ausgebaut worden war.

Am 25. August stellten Botschaftsmitarbeiter und Flüchtlinge die ersten Zelte und Toilettenanlagen im Garten der Botschaft auf, um Platz für knapp zweihundert Menschen zu schaffen. Zwei Wochen später lebten 434 Flüchtlinge auf dem Gelände, dann 1600, schließlich 4000.

Sie alle mussten versorgt werden. Anfangs kauften die Botschaftsmitarbeiter die Lebensmittel noch in Prag ein, das allerdings wie alle Ostblock-Staaten unter Mangelwirtschaft litt. Dann fuhr der Botschaftsbus täglich nach Fuhrt im Wald, um genügend Lebensmittel, aber auch Spielsachen und Sportgeräte heranzuschaffen.

Schließlich steuerten Lastwagen der Bundeswehr die Villa Lobkowicz mit Lebensmitteln, Schlafsäcken und vielen anderen Dingen an. Das Rote Kreuz baute eine Feldküche auf und richtete eine Krankenstation ein.

Flüchtlinge im Garten der Prager Botschaft

4000 Flüchtlinge mussten versorgt werden

Auch die Flüchtlinge selbst waren im Einsatz. Die Handwerker unter ihnen reparierten die ständig verstopften Toiletten und Duschen. Andere unterrichteten, kochten und spielten mit den Kindern.

Die von den Flüchtlingen gewählten Sprecher hielten Kontakt zu den Botschaftsmitarbeitern, organisierten Besprechungen und schlichteten Konflikte. Außerdem bewachten sie nachts den Zaun, um weiteren Flüchtlingen beim Hinüberklettern zu helfen.

Trotz des enormen Einsatzes spitzte sich die Lage immer weiter zu. Besonders dramatisch war die hygienische Situation. In der Botschaft gab es lediglich 22 Toiletten und kaum Duschen. Die Kleidung zu waschen, war ebenfalls nicht möglich. Zudem stapelte sich der Müll, zeitweise bestand sogar Seuchengefahr.

Schließlich verwandelte der Regen den Platz um die Zelte in eine Schlammwüste und es wurde kalt. Zu diesem Zeitpunkt schliefen die Flüchtlinge bereits auf den Treppen, immer zwei teilten sich eine Stufe.

Ausreise ungewiss

Dazu quälte die Flüchtlinge die Ungewissheit. Würde es ihnen wirklich gelingen, die DDR-Führung in die Knie zu zwingen? Wie lange würde die BRD die Situation in der Botschaft noch mittragen? Was würde passieren, wenn sie in die DDR zurück müssten?

Besonders groß war die Angst unter den Flüchtlingen mit Kindern. Sie fürchteten, dass ihre Familien im Fall einer Rückkehr zerschlagen würden – die Eltern in Haft, die Kinder ins Heim.

Auch die Bundesregierung suchte fieberhaft nach einem Weg, die DDR-Führung dazu zu bringen, einer Ausreise in die BRD zuzustimmen. Der Zeitpunkt dazu war denkbar schlecht. Die DDR stand kurz vor der Feier ihres 40-jährigen Bestehens. Die Ausreise von 4000 DDR-Bürgern in den Westen passte nicht ins Bild.

DDR-Flüchtlinge stehen vor Versorgungs-Zelten des DRK im Innenhof der deutschen Botschaft in Prag

Hoffen und Bangen

Der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher setzte daher auf die UdSSR. Dort hatte Michael Gorbatschow die Perestroika ausgerufen. Würde die UdSSR einer Ausreise zustimmen, bliebe der DDR keine andere Wahl.

Tatsächlich ging der Plan auf. Edward Schewardnadse, Außenminister der UdSSR, sprach sich am Rande einer UN-Konferenz in New York für die Ausreise der Botschaftsflüchtlinge in die BRD aus. Entscheidend sollen die vielen Kinder auf dem Botschaftsgelände gewesen sein.

Möglicherweise spielte aber auch der Gesundheitszustand von Hans-Dietrich Genscher eine Rolle: Er hatte sich nach einem Herzinfarkt auf eigenes Risiko aus der Klinik entlassen, um Edward Schewardnadse in New York treffen zu können.

"Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen…"

Als Hans-Dietrich Genscher am Abend des 30. September auf den Balkon der Villa Lobkowicz tritt, um den Flüchtlingen ihre bevorstehende Ausreise anzukündigen, gehen seine Worte im Jubel unter. Mehr als 4000 Menschen liegen sich in den Armen.

Nur wenige Stunden später starten die ersten Busse zum Bahnhof, wo Sonderzüge der DDR-Reichsbahn stehen. Ziel ist das bayrische Hof.

Hans-Dietrich Genscher in der Prager Botschaft

Hans-Dietrich Genscher trifft in der Prager Botschaft ein

Die Fahrt führt durch eine gespenstisch leere DDR. An manche Häusern haben die Bewohner jedoch Bettlaken gehängt: "Das Vogtland grüßt die Ausreisenden." Um die Sicherheit der Flüchtlinge zu garantieren, fahren auch Botschaftsmitarbeiter in den Zügen mit.

Dennoch fürchten die Menschen bis zur Grenze, dass sie auf der Strecke angehalten und aus den Zügen geholt werden.

Doch das geschieht nicht. Die DDR-Führung, so vermuten Historiker heute, ist zu diesem Zeitpunkt zu sehr mit den Demonstrationen beschäftigt. Der ersten Flüchtlingswelle in der Prager Botschaft folgen noch zwei weitere.

Anfang November reisen jeden Tag zwischen 2000 und 4000 Menschen über Prag und die Prager Botschaft unbehelligt in die Bundesrepublik aus. Am 9. November 1989 fällt schließlich die Mauer.

Autorin: Beate Krol

Stand: 28.05.2018, 15:00

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