Interview Florian Kling

Interview Florian Kling

Geschichte der Bundeswehr

Interview Florian Kling

Im Jahr 2006 bestand die Wehrpflicht zwar noch, aber ihr Ende war absehbar: Nur noch etwa zwei von drei Wehrpflichtigen wurden überhaupt zum Dienst herangezogen, so gering war ihr der Personalbedarf bereits nach Jahren der Schrumpfung. Wer keinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung stellte, hatte gute Chancen, vom Staat in Ruhe gelassen zu werden. Planet-Wissen-Studiogast Florian Kling entschied sich in dieser Zeit nicht nur für den Militärdienst, sondern verpflichtete sich auch noch freiwillig für zwölf Jahre.

Herr Kling, Sie sind vor allem aus Patriotismus zur Bundeswehr gegangen. Woher hatten Sie den mit 18?

Ich bin in einem behüteten Elternhaus aufgewachsen, hatte eine tolle Bildung, es ging mir immer gut. Da wollte ich etwas zurückgeben. Und als ich mit 16 in den USA Austauschschüler war, habe ich auch gelernt, wie Patriotismus in anderen Ländern stattfindet.

Haben Sie bei der Bundeswehr auch Ernüchterung erlebt?

Ja, das gehört dazu: Vorgesetzte, mit denen man nicht klarkommt. Fehlende Ausrüstung und Organisationsdefizite, immer ein Riesenproblem. Und durch meine gesamte Bundeswehrzeit hat sich die Verbürokratisierung so durchgezogen, dass das oft den Dienstalltag unnötig erschwert hat.

Schon damals war bekannt, dass die Bundeswehr in keinem besonders guten Zustand ist. Wie klar war Ihnen, worauf Sie sich einlassen?

Das war mir nicht unbedingt klar. Heute würde ich es mir vielleicht anders überlegen, weil heute auch der Zustand deutlich desaströser ist als damals. Ich muss aber auch sagen: In meiner ganzen Dienstzeit war das in meiner persönlichen Situation immer in Ordnung. Ich hatte Glück bei allem: Bei den Versetzungen, meinen Vorgesetzten und Untergebenen.

In der Sendung erwähnten Sie Kameraden, bei denen die Zeit weniger erfreulich verlief. Was ist denen passiert?

Ich kenne eine Gruppe von Offizieren, die konnten sich nach der Bundeswehr-Universität nicht aussuchen, wohin sie verteilt werden. Sie wurden nach dem Alphabet stationiert: Wer einen Nachnamen mit A hatte, in Hamburg; wer einen Nachnamen mit Z hatte, in Bayern. Absolut sinnlos.

Ein anderer Kamerad wurde Chef einer Einheit, als die sich komplett im Auslandseinsatz befand. Zur Einheit durfte er aber nicht, weil er während der mehrmonatigen Einsatzvorbereitung noch nicht dazugehörte. Der Mann durfte aber auch nicht wegversetzt werden, weil die Einheit Personalmangel hatte. Der hat jeden Tag nichts machen können außer Sport treiben. Er hat noch ein Fernstudium angefangen, weil er sonst nichts zu tun hatte. Er hatte nie Soldaten unter sich als Chef.

Sie sprachen in der Sendung davon, dass es sehr schwer sei, die Bundeswehr von innen heraus zu kritisieren. Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Die Vorgesetzten haben sich nur kritisiert gefühlt, wenn man Verbesserungsvorschläge und Probleme angesprochen hat, statt das als Chance zu sehen, daran zu wachsen. Die Idee ist ja auch: Wenn neue Offiziere hinzukommen, dann sollen die ja auch die Gesellschaft und neues kritisches Denken in die Truppe tragen, um damit auch Verbesserung durchzuführen. Und das war auch mein Ansatz, was es heißt, Offizier zu sein. Aber das ist inzwischen bei der Bundeswehr einfach nicht mehr an der Tagesordnung. Jeder Vorgesetzte hat nur Angst davor, kritisiert zu werden, schlecht dazustehen.

Waren diese Erfahrungen für Sie auch der Anlass, sich beim Arbeitskreis Darmstädter Signal zu engagieren?

Ja. Auch als Ausgleich zum Truppenalltag. Man kann sich in der Truppe noch so viel auf seinen Auslandseinsatz vorbereiten, aber es gehört zum Offiziersein auch dazu, sich kritisch mit seiner Tätigkeit auseinanderzusetzen. Die Bundeswehr wird in den Auslandseinsatz geschickt, wenn die Politik, die Diplomatie versagt hat oder die Politik das eben entschieden hat. Deswegen war für mich ganz wichtig auch, mich sicherheitspolitisch zu engagieren.

Welche Aufgabe verfolgt dieser Arbeitskreis kritischer Soldaten?

Wir wollen mit militärischem Fachwissen und mit militärischem Hintergrund in die Sicherheitspolitik mit einwirken und die Politik kritisch begleiten. Als die Zivilgesellschaft 1983 gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstriert hat, gegen die Stationierung von Atomraketen in Europa, haben sich auch Soldaten eingemischt, und seitdem gibt es das Darmstädter Signal.

Wie schätzen Sie die Situation der Bundeswehr momentan ein?

Absolut kritisch. Ich glaube, die Bundeswehr steuert auf ein völliges Chaos zu, wenn es noch zu weiteren Einsätzen kommt und zu noch mehr Personal- und Materialbeanspruchung. Schon jetzt kann sie ihre Aufgaben nicht erfüllen. Wenn das so weitergeht, man die grundlegenden Bedürfnisse der Soldaten an persönlicher Ausrüstung vernachlässigt und das Material für die Übungen und die Vorbereitung der Auslandseinsätze nicht beschafft, dann wird das gefährlich für die Soldaten.

Interview: Frank Drescher

Stand: 20.06.2018, 11:00

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