Musik als Propagandamittel

Musik als Propagandamittel Planet Wissen 08.12.2016 03:42 Min. Verfügbar bis 21.11.2022 ARD-alpha

Rassismus in Deutschland

Musik als Propagandamittel

Welche Rolle spielt Musik in der Neonazi-Szene? Und welche Funktion hatte das Label "Blood & Honour"?

Musik schafft Aufmerksamkeit und verbindet. Deshalb wird sie in der rechtsextremen Szene gerne als Lockmittel für Jugendliche eingesetzt. Man trifft sich, hat Spaß und steigt möglicherweise tiefer in die Szene ein.

So war es auch bei den Mitgliedern des NSU. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe lernten sich in der Neonazi-Szene von Jena kennen und fuhren oft auf Partys nach Chemnitz.

"Man darf bei den Konzerten nie verkennen, dass es dabei nicht (nur) um Party geht. Solche Konzerte, und Festivals noch einmal mehr, sind eine Vernetzung und über die Musik wird der Hass transportiert."

Katharina König, Landtagsabgeordnete für "Die Linke" und Mitglied des NSU-Untersuchungsausschusses im thüringischen Landtag

Neonazi-Netzwerk

Der Kitt der Szene ist das internationale rechtsextreme Netzwerk "Blood & Honour" (Blut & Ehre), das weltweit etwa 10.000 Mitglieder hat und Konzerte veranstaltet sowie Musik vertreibt. Im Jahr 2000 wird Blood & Honour in Deutschland verboten, macht aber trotzdem im Untergrund weiter als "Division 28".

Musik ist nicht nur als Köder gut, sondern spült auch Geld in die Kassen und verschafft den Neonazis Jobs. Dem NSU-Trio helfen Kontakte aus dem Netzwerk, sich zwei Jahre unbemerkt im Chemnitzer Untergrund zu bewegen.

"Blood & Honour" ist ein Neonazi-Netzwerk und Musik-Label. Es wurde in den 1980er-Jahren von Ian Stuart Donaldson gegründet, dem Sänger der britischen Neonazi-Band "Skrewdriver". Seit 1993 ist das Netzwerk auch in Deutschland aktiv, organisiert Konzerte und vertreibt Musik. 2000 wurde "Blood & Honour" in Deutschland verboten, was aber kaum Folgen für die Szene hatte.

Das Netzwerk macht im Untergrund weiter unter dem Namen "Division 28" und organisiert seit Jahren Rechtsrockkonzerte in Deutschland. "28" ist ein Zahlencode und steht für den zweiten und den achten Buchstaben im Alphabet, also "B" und "H" (für Blood und Honour).

Das Netzwerk hat einen terroristischen Arm, der unter dem Namen "Combat 18" vor allem in England und Skandinavien aktiv ist.

"Schulhof-CDs"

Auch Parteien wie die rechtsextreme NPD und die DVU versuchen, mit Musik neue Rekruten anzulocken. Sie verteilen auf Pausenhöfen kostenlose Musik-CDs, die sogenannten "Schulhof-CDs", und wollen so Jugendlichen rechtsextreme Ideologien schmackhaft machen.

Auf den ersten Blick ist nicht erkennbar, dass es sich bei den CDs um Neonazi-Werke handelt.

Auch optisch gehen Neonazis neue Wege und begannen in den vergangenen Jahren sich wie Fans der alternativen Independent-Szene zu kleiden. Wobei man sagen muss, dass die Skinhead-Szene in ihrer Anfangszeit in den 1960er Jahren auch keine rechtsextreme Bewegung war und sich erst später dazu entwickelt hat.

Auch Autonome des linken und rechten Spektrums gleichen sich manchmal optisch, tragen aber unterschiedliche Marken, Frisuren oder – seit langem bekannt – bei Springer-Stiefeln unterschiedliche Schnürsenkelfarben.

Musikstile

Während Neonazis früher eher Musikstile wie Rock mit rechten Texten (Rechtsrock) oder Heavy Metal hören, hat sich die Szene heutzutage gewandelt. Es werden unterschiedlichste Musikstile gehört, zum Beispiel auch Hardcore, Rap, Techno, Neofolk und Liedermacher-Musik – mit rechten Texten.

Einflussreiche Bands

Rammstein ist keine rechtsextreme Band, sagt selbst sie sei nicht politisch, nutzt aber in Videos und auf der Bühne eine nationalsozialistische Ästhetik, die an Leni Riefenstahl erinnert.

Auch wenn die Band Kunst aus ihrem politischen Kontext herauslösen will, verwundert es nicht, dass die Musik von Rammstein auch von der rechten Szene geschätzt wird und auch Neonazis die Konzerte besuchen. Rammstein gilt als stilprägend für das Genre "Neue deutsche Härte" (NDH).

Die Böhse Onkelz führten in den 1980er Jahren den Rechtsrock in Deutschland ein und betrieben mit ihren Texten rassistische Hetze und Gewaltverherrlichung. Anfang der 1990er Jahre wendet sich die Band offiziell vom Rechtsextremismus ab und nimmt an Veranstaltungen "gegen Rechts" teil. Gewalt spielt in ihren Texten aber weiterhin eine Rolle. 2005 löst sich die Band auf.

Eine der bekanntesten Neonazi-Bands in Deutschland ist Landser. Die Gruppe gründete sich 1992. Ihre Musik produzierte die Band außer Landes und schmuggelte die CDs über die Niederlande nach Deutschland. 2003 wurde die Band als kriminelle Vereinigung eingestuft, die Mitglieder verurteilt und die Band verboten.

Aufsehen erregte, dass die Band aus Rockern nicht Skinheads bestand, genauer der Ostberliner Neonazi-Rockerbande "Vandalen". Der Sänger von Landser, Michael Regener, macht seit 2004 mit der Band "Die Lunikoff Verschwörung" weiter und ist inzwischen ein Mitglied der NPD Thüringen.

Weiterführende Infos

BR | Stand: 16.11.2017, 11:00

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