André Thomas – eine deutsch-französische Familiengeschichte

Schwarz-weiß-Aufnahme von Georges Thomas mit seinen Eltern Maurice und Rosa Thomas neben einem Weihnachtsbaum.

Nachkriegszeit

André Thomas – eine deutsch-französische Familiengeschichte

Zwei Weltkriege, Leid, Entbehrungen und zwei Nationen, die in teils erbitterter Feindschaft leben. Und trotzdem ist sie da, die Liebe zwischen zwei Menschen beider verfeindeter Nationen. Es ist die Familiengeschichte von André Thomas, einem Franzosen mit deutschen Wurzeln, und seiner deutschen Ehefrau. Damit führt er gewissermaßen die Familientradition fort, denn auch seine Eltern und Großeltern lebten als deutsch-französische Ehepaare.

Die erste deutsch-französische Generation

Rosa Mössinger kommt Anfang des 20. Jahrhunderts zusammen mit ihren zwei Schwestern Lina und Anna von Villingen nach Paris, um dort zu arbeiten. In der Stadt an der Seine lernt das Dienstmädchen Rosa den Franzosen Georges, genannt Maurice, kennen, der als Angestellter im Finanzministerium arbeitet. Die beiden verlieben sich und heiraten.

In Paris kommt 1908 ihr Sohn zur Welt. Sie nennen ihn Georges, nach dem Vater. Der Junge wächst bei seiner Tante Lina, der Schwester seiner Mutter, in Villingen auf, denn die Eltern halten das Landleben für ihren Sohn für zuträglicher als das Leben in der Pariser Großstadt. Sie besuchen ihren Sohn immer nur in den Ferien.

In den Jahren 1914 bis 1918, also während der Zeit des Ersten Weltkrieges, können sie gar nicht zu ihm. So wächst Georges in Villingen auf, geht dort in die Schule, wo er als "Franzose in Villingen" gehänselt wird – und das, obwohl er kaum französisch sprechen kann. Franzose ist er eigentlich nur auf dem Papier.

Während Georges in Villingen aufwächst, muss sein Vater für die Franzosen und sein Onkel für die Deutschen Kriegsdienst leisten. Glücklicherweise überleben sie beide, wenn auch schwerverletzt, den Krieg.

Die zweite deutsch-französische Generation

Nach dem Ersten Weltkrieg zieht Georges zu seinen Eltern nach Paris, kommt aber auch immer wieder nach Villingen zu seiner Tante und seinem Onkel zurück und heiratet dort 1939 seine Jugendliebe Johanna. Genau wie seine Mutter ist sie ein Mädchen aus Villingen.

Es ist eine riskante Verbindung in dieser Zeit. Die Nazis marschieren; es ist Mobilmachung. In den Flitterwochen im Schwarzwald wird das Paar gewarnt, denn die Deutschen dürfen nicht mehr ausreisen. Das junge Ehepaar Thomas schafft es mit dem letzten Zug, der die Brücke Kehl-Straßburg passiert, nach Frankreich zu fahren.

An der Grenze wird der deutsche Pass von seiner Frau Johanna eingezogen und zerrissen. Denn ein Gesetz von 1913 besagt damals, dass durch die Heirat mit einem Ausländer die deutsche Staatsangehörigkeit verloren geht.

Georges Thomas und seine Frau lehnen sich an einen Balkon.

Georges Thomas und seine Frau Johanna

Kaum vier Wochen später bricht der Zweite Weltkrieg aus. Wieder sind Georges – und jetzt auch seine Frau – durch den Krieg von einem Großteil der Familie abgeschnitten, nur dass Georges dieses Mal in Frankreich und nicht in Deutschland "festsitzt". Das Ehepaar Thomas baut sich ein Leben in Paris auf und bekommt zwei Kinder.

Bis 1945 können sie nicht mehr nach Villingen. Georges muss anfangs sogar für die Franzosen Kriegsdienst leisten – für ihn ein Kampf zwischen den Fronten, den er aber unbeschadet übersteht.

Nachdem 1940 die Kampfhandlungen beendet sind waren, wird er nach Hause geschickt. Georges Thomas arbeitet wieder als Uhrmachermeister, seinem angestammten Beruf.

Trotz eines geregelten Einkommens und einer einigermaßen ruhigen Zeit sind die Jahre, in denen die Deutschen Paris besetzt haben, für Georges Thomas heikel. Denn er und seine Frau Johanna wohnen im Herzen von Paris, in einem Stadtteil, in dem die Résistance besonders aktiv ist.

Das Problem besteht nun darin, dass mit der deutschen Armee auch viele Schul- und Jugendfreunde der beiden nach Paris kommen, einer von ihnen ist ein Cousin und Offizier. Sie treffen sich oft heimlich, aus Angst davor, von der Résistance erwischt zu werden.

Die dritte deutsch-französische Generation

Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1947, kommt André zur Welt. Er wächst in Paris auf, vergisst aber nie seine deutschen Wurzeln. Er studiert an der Sorbonne Wirtschaftsgeographie und Geschichte und schreibt seine Diplomarbeit ausgerechnet über die Industrie im Landkreis Villingen. Um Dokumente für die Diplomarbeit einzusehen, reist er auch persönlich vor Ort und lernt dort – wie soll es auch anders sein – 1969 seine spätere Frau Monika kennen und lieben. Sie wuchs in Villingen auf.

Monika zieht zu André Thomas nach Paris; genau wie Jahrzehnte zuvor seine Mutter und davor seine Großmutter. Als André Thomas 1989 auf eine Stellenanzeige als Gymnasiallehrer für das Deutsch-Französische Gymnasium in Freiburg aufmerksam wird, bewirbt er sich dort, bekommt die Stelle als Geografie-, Geschichts- und Politiklehrer und zieht zusammen mit seiner Frau in den Breisgau.

Die Stelle ist für André Thomas Berufung. Von da an haben ihn die deutsch-französische Freundschaft und Verständigung nie wieder losgelassen. Auch nach seiner Pensionierung lebt das Ehepaar Thomas weiterhin in der Region Freiburg – und engagiert sich aktiv für den Austausch beider Nationen.

Autorin: Stefanie Jakob

Stand: 16.07.2018, 09:27

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